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Tanz: Schule fürs Leben - Palucca Schule wird 85

Tanz: Schule fürs Leben - Palucca Schule wird 85

„Wir machen eine Skispur in den Boden“, beschreibt Tanzlehrer Matthias Markstein seinen Schülern eine Bewegung. Es ist mitten im Sommer. Die Mädchen und Jungen im Alter von 15 und 16 Jahren gehören zur Palucca Schule Dresden und haben bei Markstein Modernen Tanz.

Dresden. Von 1997 bis 2001 war der Lehrer hier selbst Schüler. So ist das bei Palucca oft. Tanzen heißt hier auch Lachen, über Schmerzen redet keiner gern.

Der Lehrbetrieb wird als familiär beschrieben, die Familie umfasst 250 Schüler und Studierende, 20 künstlerische und wissenschaftliche Mitarbeiter sowie neun Mittelschullehrer. Draußen auf dem Gang herrscht nicht selten Sprachgewirr - aus 27 Ländern kommen die Eleven.

Maria Wolf und Sandy Schulze, beide 15, haben ein paar Wochen des Sommers an Schulen in Übersee verbracht und können nun vergleichen. „In Amerika sind alle ein bisschen mehr Einzelkämpfer“, erinnert sich Maria an ihr Training in Houston (US-Bundesstaat Texas). In Dresden sei der Zusammenhalt groß, meint auch Sandy, die in Toronto (Kanada)  Erfahrungen sammelte.

Beide Mädchen brennen für den Tanz und führen als Motivation Dinge an, die so gar nicht ins Klischee der Null-Bock- Generation passen. „Jeden Tag an die Grenzen gehen“, sagt Wolf. 50 Prozent Einsatz reichten da nicht aus. Es mache Spaß, sich immer wieder neu zu überwinden.

Wolf und Schulze wollen Bühnentänzerin werden - ein harter Job mit kurzer Laufzeit. Dennoch ist die Ausbildung eine Schule fürs ganze Leben. Nicht alles dreht sich hier um Disziplin, Präzision, um Tanz auf der Spitze oder Improvisation. „In unserer Lehrphilosophie steht Autonomie im Mittelpunkt“, sagt Rektor Jason Beechey. Es gehe um die Kreativität der Studenten, um ihre intellektuellen Fähigkeiten.

Die Tänzer müssten für sich selbst denken können, hatte der Kanadier schon zur Amtseinführung im Sommer 2006 verkündet. Vier Jahre später sieht er die Palucca Schule - Deutschlands einzige eigenständige Tanzhochschule - ein paar Schritte auf diesem Weg vorangekommen.

Der Spagat zwischen Tradition und Moderne ist gar nicht so einfach in einem Haus, in dem Schulgründerin Gret Palucca (1902-1993) noch immer präsent scheint. Bis ins hohe Alter hatte die Mitbegründerin des deutschen Ausdruckstanzes an ihrer Wirkungsstätte unterrichtet. „Wir wandeln hier auf heiligem Boden“, sagt Beechey.

Aber so, wie Palucca damals die Szene aufmischte und Impulse gab, so sieht der Rektor auch seine Studenten im ewigen Tanz mit neuen Trends. „Die Schule ist kein Museum. Es muss auch Platz für neue Entwicklungen geben.“ Tatsächlich wirkt es so, als würden die Palucca-Schüler den Barock im eher konservativen Dresden etwas bröckeln lassen.

Denn keine Institution in Dresden ist so international wie die Palucca Schule. Ein Drittel der Schüler kommt aus dem Ausland, bei den Dozenten sind es knapp zwei Drittel. 14 Schulen in aller Welt, von Paris bis New York, sind Partner für Austauschprogramme.

Palucca ist in der internationalen Tanzszene inzwischen gut vernetzt. Die Kooperation betrifft auch namhafte Ensembles wie die Forsythe Company. Im Elevenprogramm erhalten Studenten die Chance, in Produktionen der Semperoper mitzuwirken. „Die stehen heute in ’Schwanensee’ auf der Bühne und morgen beim Improvisieren am Strand von Hiddensee“, beschreibt Beechey den besonderen Praxisbezug.    Während viele Schulen noch immer auf eine Trennung zwischen klassischem Tanz und Moderne pochen, basiert das Dresdner Konzept  seit langem auf drei Säulen. Als drittes Standbein gehört die Improvisation dazu - ein Erbe Gret Paluccas. „Die Trennung in klassisch und modern macht keinen Sinn“, betont Beechey.

Viele Absolventen würden heute gern in modernen Ensembles arbeiten, doch fehlen ihnen dafür oft Erfahrungen mit Improvisation. „Wir möchten hier den selbstständig denkenden und interdisziplinär ausgebildeten Tänzer entlassen.“ Die Vermittlungsquote ist gut: Von 32 Absolventen des Jahrganges 2010 fanden zwei Drittel sofort eine Festanstellung.

Nicht alle Pläne Beecheys sind aufgegangen. Die bundesweit erste Ausbildung für Tanz- und Ausdruckstherapie fing aus Kostengründen gar nicht erst an. „Wir arbeiten jetzt schon am Limit“, berichtet der Rektor. Dass Sachsen knapp 11 Millionen Euro in einen neuen Campus investierte, erfüllt ihn mit Dankbarkeit. Dass mit dem Sparkurs künftig Einschnitte drohen, dämpft die Freude. „Wir befinden uns auf einer Erfolgswelle. Es wäre schade, wenn die nun stranden würde.“

Jörg Schurig, dpa

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