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Tanz am Abgrund: Das Syrien-Buch der Leipziger Typografin Dona Abboud

„Out of Syria, inside Facebook“ Tanz am Abgrund: Das Syrien-Buch der Leipziger Typografin Dona Abboud

Junge Frauen vor dem Spiegel, Väter, die ihre Kinder im Arm halten, das kleine Glück am Strand – junge Bärtige mit Gewehren, Soldaten der syrischen Armee und zerstörte Straßenzüge nach Bombeneinschlägen: Das Buch „Out of Syria, inside Facebook“ der in Leipzig lebenden Typografin Dona Abboud erzählt vom schrecklichen und schönen Leben im vom Krieg gezeichneten Syrien.

Wildes buntes Kaleidoskop: Fast 2000 Fotos hat Dona Abboud für ihr Buch aus Facebook-Profilen genommen.

Quelle: HGB

Leipzig. Als der Krieg angefangen hat, sitzt Dona Abboud Tag und Nacht vor dem Computer, versucht in all den Bildern und Berichten die Wahrheit zu finden. Gerade ist sie aus Damaskus zurückgekommen. Ihre Familie, ihre Freunde leben dort. Noch während der Reise hat in ihrer Heimat das Morden begonnen, das bis heute dauert und Hundertausende das Leben gekostet hat. Das war im März 2011. „Ich hatte das Gefühl, ich habe von einem Tag auf den anderen kein Land mehr“, erzählt die 34-Jährige, die von 2011 bis 2016 Typografie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB) in Leipzig studierte und sich dort im nächsten Jahr als Meisterschülerin bewerben will.

Die Wahrheit, sie ist auch in diesem Krieg eines der ersten Opfer. Die Lage vor Ort ist anders, als sie im Fernsehen dargestellt wird, merkt sie schnell. Von großen Demonstrationen etwa hat sie in Damaskus nichts gesehen oder gehört. Informationen werden verstärkt, andere unterdrückt, von Anfang an sind Interessen im Spiel, werden Bilder konstruiert. Im Strom der widersprüchlichen Nachrichten baut sie sich Inseln, sammelt wie besessen Fotos – von syrischen Städten, vom Krieg, von Menschen, die sie kennt, versucht sich ihr Land, das wie ein Kristall in Millionen Splitter zerborsten ist, zurückzuholen. Aus all diesen Fundstücken ist ein beeindruckendes und berührendes Buch geworden, das jetzt erschienen ist: „Out of Syria, inside Facebook“. Es ist in drei Sprachen geschrieben: Arabisch, Englisch und Deutsch.

Kannst du schlafen?

Vorgestellt werden elf Syrer, mit denen Abboud über Jahre Kontakt gehalten hat, das Buch zeigt Fotos, die von ihren Facebook-Seiten stammen. Allen hat sie die gleichen Fragen gestellt, unter anderem: Wer bist du? Warum machst du Fotos? Hast du dich verändert seit dem Beginn des Krieges in Syrien? Was bedeutet Liebe für dich? Was ist Krieg für dich? Kannst du schlafen? Hier sprechen Menschen ohne Filter, hier stellen sie sich ungebremst dar: die 28-jährige Designerin aus Damaskus, die Sozialarbeiterin, die in Berlin lebt und mehrmals im Jahr nach Syrien reist, Anhänger der Assad-Regierung, Oppositionelle und islamistische Kämpfer. Zu letzteren sei allerdings der Kontakt abgebrochen, erzählt Abboud. Ihr sei es wichtig gewesen, viele verschiedene Sichten auf diesen Krieg zusammenzubringen. „Diese Menschen leben doch immer noch unter dem selben Himmel. Und sie müssen irgendwann wieder zusammenleben.“

Entstanden ist ein wildes buntes Kaleidoskop aus fast 2000 Bildern, das vielleicht gerade angesichts der explodierenden Bomben und Granateneinschläge das Leben feiert. Wir sehen schöne junge Frauen, die sich selbstverliebt vor dem Spiegel dehnen, Menschen am Strand, Schwangere mit stolzem Baby-Bauch, Männer, die Shisha rauchen, Väter, die ihre Kinder im Arm halten, Syrienfahnen, Armbanduhren und Cocktails – aber auch junge Bärtige mit Gewehren, Männer im Krankenhaus, denen halbe Beine und Arme fehlen, Soldaten der syrischen Armee und zerstörte Straßenzüge nach Bombeneinschlägen.

Das schöne und schreckliche Leben in Syrien

So erzählt dieses Buch von einem schönen und schrecklichen Leben, das in jeder Sekunde vorbei sein kann. Es ist ein Tanz am Abgrund. „Denkst du, wir empfinden nichts mehr? Nein, wir fühlen noch immer. Aber wir stellen plötzlich fest, dass das Leben weitergeht, dass es niemals aufgehört hat. Es läuft einfach weiter, und wir müssen mithalten – nur so können wir leben“, sagt eine Frau aus Damaskus. Unsere Bilder vom Krieg, es sind eben Bilder. Fotos seien „Erinnerungen“, aber auch „Halbwahrheiten“, sagt ein aus Damaskus stammender Ladenbesitzer, der jetzt in Dubai lebt. Alle, die in dem Buch vorkommen, haben die vergangenen fünf Jahre verändert. Was ist Krieg für dich? „Dumme Menschen mit Geld, dumme Menschen mit Waffen, die Medien“, sagt eine Illustratorin.

Dona Abboud kennt nicht nur die meisten, deren Facebook-Profile sie für das Buch verarbeitet hat, sondern auch viele, die eher zufällig zu sehen sind. „Das ist einer meiner besten Freunde, den werde ich bestimmt bald wiedertreffen“, sagt sie, während sie in ihrem Buch blättert. „Das ist eine Freundin von mir, hier ist ein Foto von uns. Und der war ein Basketballspieler, den kannte ich, er wurde im Krieg getötet.“ Von ihrer Familie, sagt die Christin, sei zum Glück noch niemand umgekommen.

Warum hat sie ein Buch gemacht, statt etwa eine Website einzurichten? „Weil wir es anfassen können, weil es liegen bleibt, nicht nur durchgeklickt wird. Ich bin Typografin, das habe ich studiert. Ich mache Bücher. Das sind meine Dokumente.“

„Ich lebe jeden Tag im Krieg“

Dieses kann man nur schwer aus der Hand legen, Schönheit und Schrecken springen einen an, hier in der Komfortzone, in der wir nur mit den Ausläufern des Grauens in Syrien zu tun haben. Dona Abboud kann kein normales Leben mehr führen. „Ich lebe jeden Tag im Krieg, habe Schuldgefühle, dass ich hier bin und nicht dort. Dort sterben die ganze Zeit die Leute – und ich lebe hier in Ruhe, wenn man das so nennen kann.“

„Out of Syria. Inside Facebook“ – vor wenigen Tagen hat die leidenschaftliche junge Frau den Titel ihres Buchs gewissermaßen umgedreht für sich, ist von Berlin nach Beirut geflogen, von da mit dem Auto nach Damaskus gefahren. Am 18. Januar will sie zurück nach Leipzig kommen. „Viele schöne Grüße aus dem verletzten Damaskus“, schreibt sie per Mail aus ihrer Heimat. Manchmal gibt es Strom.

Dona Abboud: Out of Syria, inside Facebook. Institut für Buchkunst; 224 Seiten, 20 Euro; online zu bestellen unter www.institutbuchkunst.hgb-leipzig.de

Von Jürgen Kleindienst

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