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"Tanz ich schon?" - Jochen Schmidts neuer Roman "Schneckenmühle"

"Tanz ich schon?" - Jochen Schmidts neuer Roman "Schneckenmühle"

Die langsame Runde war das Beste, wenn nicht sogar Wesentliche jeder Ferienlager-Disco. "Langsame Runde" hat der Berliner Schriftsteller Jochen Schmidt sein neues Buch "Schneckenmühle" untertitelt.

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Der Berliner Schriftsteller Jochen Schmidt.

Quelle: Tim Jockel

Es ist ein Ferienlager-Roman, eine liebenswerte Geschichte von Aufbruch und Umbrüchen. Dass die Handlung im Sommer '89 in der sächsischen Provinz angesiedelt ist, verweist auf größere Zusammenhänge.

 

 

Jochen Schmidt ist ein Sammler. Bilder von Gegenständen, die sich selbst enthalten, haben es ihm angetan, ein Schlüsselbrett in Form eines Schlüssels zum Beispiel. Er begeistert sich für Schönes und Hässliches gleichermaßen, sobald es eine Idee birgt. So wie das bei Erinnerungen der Fall sein kann. Die sammelt Jochen Schmidt auch. Er weiß von der Wehmut, wenn etwas an das verlorene Paradies erinnert. So wie es die Kindheit vielleicht war, jene Zeit, in der die Abwesenheit von Glück weniger mit Schmerz verbunden ist als mit Hoffnung, weil Erfüllung noch nicht auf der Verlustseite steht, sondern bei den Versprechungen.

Jens ist 14 Jahre alt und rechnet damit, dass damit ein Sechstel seines Lebens vorbei ist. "Ein Sechstel, halb kommt mir das beruhigend wenig vor, aber eigentlich auch beunruhigend viel." In diesem Tonfall führt der jugendliche Ich-Erzähler durch seine Erlebniswelt, die ganz erheblich eine Gefühlswelt ist. Jens ist kleiner als die anderen, getauft, kann nicht tanzen und nur leidlich Skatspielen. Die jüngeren Mädchen mögen ihn, weil er sich über sie lustig macht. Zwar weiß er viel über Musik, doch nichts übers Verliebtsein. Er ist alt genug, genau wahrzunehmen, was um ihn herum geschieht, naiv genug, sich zu wundern und Romanfigur genug, dies alles so zu kommentieren, dass die Lektüre von der ersten bis zur letzten Seite ein Lächeln spiegelt.

Das Vergnügen liegt in der Wiederbegegnung mit einem Sommer der Hoffnung, hier vor erodierenden Kulissen eines kleinen Landes mit einem großen Minderwertigkeitskomplex. Es liegt in den Erinnerungen an Doppelstockbetten, Nachtwanderungen, Lagerfeuer, langsame Runden und Gruppendynamik im Ausnahmezustand einer Sozialisation ohne Eltern und fast ohne Autoritäten. Das Vergnügen liegt aber auch in der Unverstelltheit der Kommunikation, des Umgangs miteinander.

Natürlich ist es in hohem Maße albern, wie 14-Jährige Sprüche klopfen. "Ick jeh mal Erwin um die Tallje fassen", sagen sie, bevor sie aufs Klo verschwinden. Ihre Unschuld hat einen Zauber. Die Koketterie des 42-jährigen Autors besteht darin, ihm halb zu erliegen, halb die Distanz nicht zu verschweigen - woraus hier Komik entsteht.

"Wenn das ein Kinderfilm wäre, würde ich umschalten", denkt Jens, als Peggy von anderen Mädchen erniedrigt wird und er nichts sagt. Filme spielen überhaupt eine große Rolle im Erfahrungsschatz des Jungen, der sich "bis jetzt ja eigentlich nur für Fernsehen und Geschenke auspacken" interessiert hat. Außerdem noch für Tischtennis und Computer, die es '89 immerhin im Intershop gab. Man vergisst ja manchmal, dass damals niemand mehr auf Bäumen lebte.

Was es auch gab, war die Flucht aus der DDR über die Botschaft in Prag oder über Ungarn. Auch aus dem Ferienlager nahe der tschechischen Grenze verschwinden Betreuer. Es wird nicht viel darüber gesprochen. Schmidt beschränkt sich auf kleine, kurze Seitenhiebe, "das System" zu zeichnen: Jens' Vater "kauft Bücher, wenn sie gutes Papier haben, egal, was drinsteht. Das beste Papier hat zu seinem Leidwesen der Militärverlag." Weil es kein gutes Klebeband zu kaufen gibt, werden in der Schule die selbstgebastelten Friedenstauben mit West-Tesa-Band an die Scheiben geklebt, "weil unseres nicht hält". Im Roman sind es aber meist die zwei Welten der Kinder und der Erwachsenen, die aufeinanderprallen: "Wenn ein Erwachsener sich zu uns stellt, fühlt sich das immer so an, wie wenn bei Biene Maja ein Mensch vorkommt."

Schmidt kann Pointen. Er war Mitbegründer der Berliner Lesebühne "Chaussee der Enthusiasten", der kurze Anlauf ist ihm vertraut, der stets treffende Ton.Auch melancholisch war er immer schon ein bisschen - in Büchern wie "Triumphgemüse", "Meine wichtigsten Körperfunktionen", "Schmidt liest Proust" oder "Weltall. Erde. Mensch." Vor dem Mauerfall sei es ihm "total uninteressant" erschienen, "unseren Lebensverhältnissen irgendetwas zum Erzählen abgewinnen zu können", sagte er vor ein paar Jahren. "Wenn alle Menschen wie Jesus wären, würde der Sozialismus funktionieren", lässt er jetzt einen Pfarrer rä­so­nie­ren, bei dem Jens und Peggy stranden.

Es wäre übertrieben zu sagen, dass Jens nach diesen Ferienlagerwochen ein anderer ist, die Umbrüche im Land sind größer als die im Hormonhaushalt, doch etwas ganz Entscheidendes hat sich verändert. Es gibt eine Zukunft, auf die es sich zu hoffen lohnt: "Ich werde mit meiner Freundin zur Ostsee wandern, Hand in Hand, jeder auf einer Eisenbahnschiene. Die letzten Meter rennen wir, ein leerer Strand, kein Mensch weit und breit. Ich sehe alles genau vor mir, nur das Gesicht des Mädchens ist ein verschwommener Fleck." Und es gibt den hinreißenden Moment, als auch Jens es mit dem Tanzen probiert und ungläubig fragt: "Tanz ich schon?"

 

 

Jochen Schmidt: Schneckenmühle. Langsame Runde. Roman.Verlag C.H. Beck; 220 Seiten, 17,95 Euro

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 09.04.2013

Janina Fleischer

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