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Texte, Textilien, Träume: Leipziger Schau zeigt Berliner Malerpoeten und litauische Kunst

“Oxymora“ zur Buchmesse Texte, Textilien, Träume: Leipziger Schau zeigt Berliner Malerpoeten und litauische Kunst

Werke der Berliner Malerpoeten und feine Textilkunst aus Litauen verbindet eine Ausstellung in Halle 12 der Leipziger Baumwollspinnerei. Die Schau „Oxymora“ begleitet den Auftritt Litauens als Schwerpunktland der Leipziger Buchmesse (23.–26. März).

Laima Oržekauskienė zeigt „Frauen in den Fünfzigern“, erzielt auf ihren Arbeiten eine faszinierende Tiefenwirkung.

Quelle: André Kempner

Leipzig. „Am Tag sich mitternächtlich fühlen – ist so –/ als wolle ich mein Brot mit Mond belegen“. Oder: „Tage blühen – welken/ Ich möchte als gepflückte Erinnerung enden/ Als Gedanke im todsicheren Bereich ankommen/ In mir ist das betagte Zeithier angekommen“. Es sind wunderbare, aus der Zeit fallende und sich ihr hingebende Sätze, die Aldona Gustas zur Eröffnung der Ausstellung „Oxymora“ in der Werkschauhalle 12 der Leipziger Baumwollspinnerei spricht. „Zeit zeitigt“ heißt der gerade in exklusivem Handdruck erschienene Gedichtband der in Berlin lebenden Poetin und Malerin.

Die in Litauen geborene, im Zweiten Weltkrieg nach Berlin geflohene 84-Jährige ist Dreh- und Angelpunkt dieser Schau, die den Auftritt ihres Heimatlandes als Schwerpunktland der Leipziger Buchmesse (23.–26. März) ankündigt und begleitet. Initiiert und finanziert wurde sie vom Goethe-Institut Vilnius und vom Litauischen Kulturinstitut.

1972 gründete Aldona Gustas in Westberlin die Gruppe der Malerpoeten, brachte 14 malende Schriftsteller und schreibende Maler zusammen, Doppelbegabungen wie Günter Grass, Wolfdietrich Schnurre oder Oskar Pastior. Künstler, die mit ihren Arbeiten „ins Phantastische, Realistische, Ironische, Traumhafte, in eine Welt gelebten Friedens“ führen, wie es „Malerpoet“ Robert Wolfgang Schnell formuliert hat.

„Figuren, die sich zum Himmel öffnen“

All das ist in dieser Ausstellung zu erleben: etwa in Karl Oppermanns üppigen Endzeitpanoramen, Hans-Joachim Zeidlers realistisch-fantastischen Zeichnungen, Günter Grass’ so feinen wie bekannten Kaltnadelradierungen mit Ratte, Butt und ihm selbst, Wolfgang Meckels Traumwandlungen oder Friedrich Schröder-Sonnensterns surrealen Formenspielen, die schon in ihren Titeln wie „Das Volksbeglückungswunderhemd“ oder „Die Waage des Mondmoralgerichts“, den Dichter durchschimmern lassen. Und da ist Aldona Gustas, die sich in sparsamen poetischen Linien dem Thema Weiblichkeit nähert mit „Figuren, die sich zum Himmel öffnen“, wie sie sagt. Wann sie zuletzt in ihrer Heimat war, das weiß sie nicht genau, das sei lange her. Andererseits fügt sie hinzu: „Ich bin immer in Litauen.“

Solche erzählende, sich Moden und Marktlaunen verweigernde Kunst passt zur Buchmesse und in eine Stadt, in der Kunst und Literatur seit Jahrhunderten enge Verbindungen haben. Das ist die eine nicht ganz unbekannte und auch nicht sonderlich überraschende Seite der Ausstellung, deren Titel bereits andeutet, dass hier Einiges etwas gewagt zusammengebracht wird. Die andere Seite beleuchtet ein eher Insidern bekanntes Phänomen: Textilkunst aus Litauen. Arbeiten mit dem Webstuhl, mit Fäden und Stoffen, was man hier eher der Angewandten Kunst zurechnet, blüht in dem Land als eigenständige und innovative Kunstform. Wohin passt sie besser als in eine ehemalige Baumwollspinnerei? Und selbst Verbindungen zu den Malerpoeten lassen sich – wenn auch von weither – an Fäden herbeiziehen: Sprachgeschichtlich gehören die Wörter „Text“ und „Textil“ zusammen, gehen auf das lateinische „Textus“ (Gewebe, Zusammenhang) zurück.

über 4000 Patronenhülsen

In einen sehr persönlichen und schmerzhaften Erinnerungsparcours führt Lina Jonike, eine von sechs Textilkünstlerinnen, die in Halle 12 zu sehen sind. Sie hat sich auf die Suche nach ihrem Großvater begeben, der im Partisanenkrieg, den die Litauer zwischen 1945 und 1953 gegen die Sowjetarmee führten, irgendwo im Wald erschossen wurde. In einem Museum hat sie ein Hemd gefunden, das ungefähr so aussah, wie es die Partisanen damals trugen, es fotografieren lassen und in einjähriger Arbeit nachgestickt. „Ich musste das tun, brauchte die körperliche Anstrengung“, erzählt sie. Das „Hemd“ hängt nun über einer Fotografie, die ein Stück Waldboden zeigt. Davor liegt ein eigenartiger, begehbarer Teppich. Er besteht aus über 4000 Patronenhülsen, die auf einer Metallplatte festgeschraubt sind. „Der alte Juze“ ist der Titel der Arbeit. Das war, wie Jonike bei ihrer Recherche erfuhr, der Deckname ihres Großvaters.

Ähnlich auch der Aufwand, den Almyra Weigel betrieben hat. Sie überzog Seiten der „Bild“-Zeitung mit feinsten Nähgarn-Gespinsten, so dass die Überschriften und Bilder nur noch zu erahnen sind. Eine poetische Metapher für das Erinnern und das Verblassen von Nachrichten. Noch weiter treibt sie dieses Verfremdungsspiel in ihrer Arbeit „Wissen aus zweiter Hand“, für die sie Fäden aus Zeitungspapier gedreht und diese auf Leinwänden befestigt hat. Entstanden sind so feine, sehr ästhetische Gewebe, die ihre Informationen noch in sich tragen, diese aber verbergen. Inspiriert hat sie dazu ihre Oma. „Sie hat immer zusammengedrücktes Zeitungspapier genommen, um Fäden drumrumzuwickeln.“

Viel Geheimnis, viel Vergangenheit und Zukunft treffen sich in dieser Schau, die Texte, Textilien und Träume verwebt.

„Oxymora“ in der Leipziger Spinnerei (Halle 12, Spinnereistraße 7); bis 25. März, Di–Do 13–17, Fr, Sa 12–18 Uhr

Von Jürgen Kleindienst

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