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"The Guardian" - Wie eine britische Qualitätszeitung trotz Verlusten überlebt

"The Guardian" - Wie eine britische Qualitätszeitung trotz Verlusten überlebt

Alan Rusbridgers jüngstes Buch „Play It Again“ trägt einen fast schon symbolhaften Untertitel: „An Amateur against the Impossible“ – ein Amateur gegen das Unmögliche.

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Guardian und Observer (Archivbild)

Quelle: dpa

Der Chefredakteur und Herausgeber der britischen Tageszeitung „The Guardian“ beschreibt darin, wie er als Hobbymusiker innerhalb eines Jahres Chopins „Ballade Nummer1“ erlernt – ein Werk, an dem selbst professionelle Pianisten verzweifeln.

Gegen das Unmögliche anzutreten ist so etwas wie sein Lebensmotto geworden. Unter Rusbridgers Regie wurde der „Guardian“ von einer eher von Fehlern als Exklusivmeldungen geprägten zweitklassigen Zeitung zu einem der investigativsten Medien weltweit. Das Blatt deckte die Spionageaffäre um Ex-CIA-Mitarbeiter Edward Snowden auf. Es machte bekannt, dass das Boulevardblatt „News of the World“ munter Handymailboxen

abhörte – woraufhin es kurzerhand eingestellt wurde. Und auch in der Wikileaks-Affäre gab der „Guardian“ den Ton

an. Vor allem durch ihre Website hat sich die Zeitung inzwischen in aller Welt einen Namen gemacht.

Eigentlich könnte sich der heute 61-jährige Rusbridger zurücklehnen, ein weiteres Werk von Chopin zur Hand nehmen und unter dem Beifall seiner 152 000 Twitter-Follower seinen Erfolg genießen. Doch der Höhenflug des „Guardian“ hat einen entscheidenden Haken: Journalistisch mag das Blatt ganz oben angekommen sein; unter wirtschaftlichen Kriterien hätte es eigentlich längst vom Markt verschwunden sein müssen. Es schreibt pro Jahr zweistellige Millionenverluste – und dies bereits seit Jahren.

Das hat eine simple Ursache: Im Internet ist der „Guardian“ zwar eine Institution; am Kiosk aber längst nicht mehr. Die Auflage der gedruckten Ausgabe liegt heute bei nur noch rund 200 000 Exemplaren – fast 100 000 weniger als vor fünf Jahren. Und während Mitbewerber wie die „Times“ bereits um die Jahrtausendwende einen massiven

Preiskampf begannen, blieb der „Guardian“ bei seinem vergleichsweise hohen Verkaufspreis von 1,60 Pfund. Der „Daily

Telegraph“ spendiert Käufern inzwischen gratis eine Flasche Wasser zu jeder Ausgabe – Rusbridgers linksliberales Blatt dagegen blieb bei seiner eher konservativen Vermarktungspolitik: Wer den „Guardian“ haben will, muss dafür Geld bezahlen.

Andererseits ist jeder Artikel aus dem gedruckten „Guardian“ umgehend auch kostenlos auf der Website der Zeitung lesbar. Ein Modell, mit dem er inzwischen fast schon ein Alleinstellungsmerkmal in der Branche hat – niemand kann es sich noch leisten, journalistische Arbeit zu verschenken. Dazu kaufte der Verlag zwei neue Rotationen und stellte sein Papierformat auf das in Großbritannien bis dahin gänzlich unbekannte Berliner Format um. Rusbridger gründete üppig besetzte Außenredaktionen in den USA und Australien. Statt auf „.co.uk“ endet die Internetdomain der Zeitung seitdem auf „.com“. Die Botschaft lautet: Der „Guardian“ will zur internationalen Marke werden wie Google oder Facebook. Das Ergebnis dieser Bemühungen im vergangenen Jahr: Rund 30 Millionen Pfund Verlust.

Es liegt ausschließlich an einem ungewöhnlichen Konstrukt, dass das 1821 in Manchester gegründete Traditionsblatt auch heute noch Tag für Tag erscheint: Der Verlag Guardian News and Media gehört dem Scott Trust, einer Stiftung, deren einziges Ziel die finanzielle und journalistische Unabhängigkeit des „Guardian“ und seiner Sonntagszeitung „The Observer“ ist. Gewinne sind nicht vorgesehen – ein einzigartiges Modell. Finanziert wurden die Verluste über Jahre durch Anteile am sehr erfolgreichen Kleinanzeigenunternehmen Auto Trader. Im vergangenen Jahr verkaufte der Verlag dieses, was auf einen Schlag 619 Millionen Pfund in die Kassen spülte, zu jenem Zeitpunkt umgerechnet rund 750 Millionen Euro.

Der „Guardian“ habe sein Tafelsilber verhökert, sorgte sich die Belegschaft. Liz Forgan, Präsidentin des Scott Trust, hingegen jubelte: „Der einzigartige Beitrag, den der ,Guardian‘ zur nationalen und internationalen Debatte leistet, ist nun für die nächsten Generationen gesichert.“ Zwar kommt auch der „Guardian“ mit seinen aktuell 650 Mitarbeitern nicht um Sparrunden herum. Kürzlich gab Rusbridger etwa einen Verzicht auf zehn Prozent seines Gehalts bekannt.

Wenn es aber um die journalistische Arbeit geht, kennt auch der Eigner Scott Trust keine Kompromisse. In diesem Sommer wird Rusbridger nach 20 Jahren sein Amt als Chefredakteur abgeben. Ganz Chopin widmen will er sich dennoch nicht – er folgt Liz Forgan als Präsident des Scott Trust.

Michael Pohl

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