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Theater auf dem Trockendock; Performance und Uraufführung eröffnen am Schauspiel Leipzig die Ära des Intendanten Enrico Lübbe

Theater auf dem Trockendock; Performance und Uraufführung eröffnen am Schauspiel Leipzig die Ära des Intendanten Enrico Lübbe

Es ist wohl ein Signal: Mit Bekanntwerden seiner Leipziger Intendanz wurden sofort Befürchtungen laut, Enrico Lübbe würde der spalterischen Experimentierwut seines Vorgängers Sebastian Hartmann mit bürgerlichem Erbauungstheater begegnen.

Wie zum Beweis des Gegenteils beginnt der nun seine erste Spielzeit in Leipzig nicht mit Shakespeare-Prunk im großen Saal, sondern rückt zunächst die kleine Form, Performance, neues Stück, in den Mittelpunkt.

Das Performance-Kollektiv "Monster Truck" bekommt das erste Wort. Obwohl es wortlos bleibt in der Residenz, hoch oben in Haus 18 auf dem Spinnereigelände, wohin die Zuschauer im Bus-Shuttle gekarrt werden. Einzeln oder als Paare werden sie hereingeführt in den quadratischen Raum mit dem psychedelischen Boden. Minimalistisch dröhnen zerlegte Vierklänge im Ohr. An vier Seiten begrenzen rote Samtvorhänge den Raum. Abwechselnd öffnen sie sich, derweil die Lichtstimmung sich ändert. Und der Zuschauer blickt auf: Zuschauer. Auf solche, die zuvor selbst noch hier im Zentrum standen, oder auf einen Betriebsausflug von Gevatter Tod mit seinen Gerippe-Kumpels, auf lustige Tiergestalten oder trostlose Burkas oder oder oder. Dann nimmt er selbst Platz, wird so vom Begafften zum Gaffer.

Man könnte das als Chiffre nehmen. Dafür etwa, dass Lübbe sein Publikum erst begutachten muss, bevor klar ist, wohin er das Schauspiel in Leipzig führt. Oder dafür, dass auch Zuschauer Akteure sind, weil Theater der Interaktion bedarf. Als Chiffre mithin für Binsen. Und so bleibt er sehr begrenzt, der Erkenntnisgewinn aus der ersten Performance der ersten Leipziger Residenz-Truppe.

Dann also die Uraufführung: Im Auftrag des Leipziger Schauspiels hat die 1971 in Salzburg geborene Kathrin Röggla für ihren "Lärmkrieg" die bürgerbewegten Anwohner des Frankfurter Flughafens besucht, ihren Protest erkundet, erforscht, was der Lärm mit ihnen macht und wie die Mächtigen damit umgehen. Für die Uraufführung verteilte Ralph Zeger fünf Haus-Gerippe im Raum, in dreien sitzt das knapp 100-köpfige Publikum (ausverkauft). In der Mitte sprudelt träge ein Springbrunnen, hier und da stehen Haushaltsgeräte im Weg. Es riecht nach frisch gesägtem Sperrholz.

Das Bühnenpersonal, die Aktivistin (Dorothea Arnold), die Frau (Julia Berke), der Mann (Yves Hinrichs), der Flughafenmensch (Andreas Keller), der Gast (Tilo Krügel) hat Zeger in Trainingsanzüge gesteckt. Schon wieder so ein wohlfeiles Symbol: Vor den Verhältnissen sind sie alle gleich, die Opfer wie die Täter, bourgeoise Protestler und lächelnde Gewinnler, die skrupellose Machtmenschen und die, die im Aufbegehren ihre Bestimmung fanden.

Der Mann und die Frau, denen der Lärm an den Nerven zerrt und die Gesundheit ruiniert, sind es am Schluss leid, meucheln den Gast, der sich als Makler entpuppte, sperren die Aktivistin in den Kühlschrank, hängen den Flughafenmenschen kopfüber an die Decke. Und machen in der Regie Dieter Boyers zu Bernhard Fleischmanns dekonstrurierten Für-Elise-Klängen noch so etwas wie Theater auf Rögglas szenischem Trockendock, wo all die Phrasen und Sentenzen, die sie im Zuge der vorbereitenden Feldforschung aufschnappte, aufgeschnappte Phrasen und Sentenzen bleiben. Hohl und kalt und leblos. Auch mit verteilten Rollen gesprochen, wird kein Dialog daraus. Jeder doziert munter vor sich hin. Denn wir sind der Fähigkeit verlustig gegangen, miteinander zu reden. Darin gleicht ein jeder jedem anderen. Wissen wir das jetzt also auch.

Immerhin zeigt "Der Lärmkrieg", dass Lübbe sich auf ein erstklassiges Schauspiel-Ensemble verlassen kann in den nächsten Jahren. Kraftvoll spielt Keller, der vom alten Ensemble übrigblieb, die Macht des Flughafenmenschen aus. Arnold beherrscht sie souverän, die Posen und den schneidenden Ton der Aktivistin. Berke lächelt sich all die Verletzungen von der Seele; in Hinrichs brodelt mühsam nur unterdrückte Gewalt als Ergebnis bitter erfahrener Machtlosigkeit. Und der Makler-Gast Krügel wartet mit aalglatt geheucheltem Grinsen, dass seine Stunde schlage.

Nach rund eineinviertel Stunden ist das belehrende Diskurstheater Geschichte, man klatscht artig und macht auf dem Weg nach draußen seiner Vorfreude auf "Othello" Luft. Nicht ohne anzumerken, wie schön das Foyer der neuen Nebenspielstätte geworden ist, wohin zur Nacht und bis ins Morgengrauen der neue Intendant zur Eröffnungsparty geladen hat.

iVorstellungen: Who's there, (Residenz), heute, morgen, 8., 9., 10., 18., 19.10., jeweils 20 Uhr; Der Lärmkrieg: 9., 16., 25.10, 16., 24.11., jeweils 20 Uhr; Kartentelefon: 03411268168; Karten und Spielplaninformationen unter: www.schauspiel-leipzig.de

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 04.10.2013

Peter Korfmacher

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