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Theater im postfaktischen Zeitalter: „Gott/Fried/Maschine“ der Leipziger Gruppe Tag

Premiere Theater im postfaktischen Zeitalter: „Gott/Fried/Maschine“ der Leipziger Gruppe Tag

Am Freitagabend lud das freie Leipziger Theaterensemble „Gruppe Tag“ zur Premiere von „Gott/Fried/Maschine“ ins Neue Schauspiel – ein kluger Bühnenspaß im postfaktischen Zeitalter.

Soheil Boroumand und Hanin Tischer in einem „Bühnenessay über den unerhörten Niedergang der Subjektivität im Zeitalter der Automaten“.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Am Freitagabend lud das freie Leipziger Theaterensemble „Gruppe Tag“ zur Premiere von „Gott/Fried/Maschine“ ins Neue Schauspiel und wartete gleich mit einem kleinen Gag auf: Neben dem Eingang steht ein rosaroter Computer mit dem Namen Gottfried 78 und lädt das Publikum ein, vorab beliebige Fragen einzugeben, die unter Monadenziffern gesammelt werden. Im Laufe des Theaterstücks sollen sie beantwortet werden. Die Monade ist hier sowohl als abstrakter Datentyp der Informatik als auch – das erfährt man später – als Versatzstück der These über die Seele-Teilchen und das seiner selbst bewusste Individuum des großen Gelehrten Leibniz zu verstehen, dessen Todestag sich am 14. November zum 300. Mal jährte.

Die Untertitelung „philosophisch-performativer Bühnenessay über den unerhörten Niedergang der Subjektivität im Zeitalter der Automaten“ umschreibt behutsam und augenzwinkernd das gemischte Genre des Dargebotenen: Es geht um Gott und Mensch, das Böse und das Gute, die Freiheit des Individuums und den Ursprung des Bösen. Ein gewichtiges Thema also.

Und natürlich geht es um die Rolle des Theaters. So sieht man eine Nonne mit ihrem Herrn im Himmel sprechen, einen barocken Fürsten mit seinem Sekretär, zwei Stasioffiziere miteinander. So könnte es weitergehen, die Szenen sind eingängig und aufschlussreich, was Gottes Plan und menschliche Freiheit betrifft.

Probieren wir’s mal mit einer Gameshow

Doch ganz plötzlich haben es die beiden Akteure (witzig und agil: Hanin Tischer und Soheil Boroumand) satt mit dem Theaterspielen, sie finden, die Bühne ist zu umständlich für die eigentlichen Fragen, probieren wir‘s mal mit einer Gameshow. Und die geht nun richtig ab – wer sagt denn, dass Philosophie langweilig ist? Während im Hintergrund auf dem großen rosa Bildschirm die Monaden-Fragen des Publikums flimmern, ringen beide Showmaster um die Gunst der Zuschauer und wetteifern um die je bessere Lösung der Rätselfragen, die so kurios wie tiefsinnig sind: Wann werden meine Kinder von Zuhause ausziehen? Oder: Was wird sein, wenn nichts mehr so ist, wie es ist? Der postmoderne Zuschauer darf der ihm plausibler scheinenden Antwort applaudieren, natürlich auch je nach Charme und Geistreichtum des Vortrags, postfaktisch, wie das neuerdings heißt.

Und da liegt der Hase im Pfeffer: So leicht manipulierbar wir menschlichen Geschöpfe sind, so unvollkommen sind wir und deshalb auch die Quelle unseres eigenen Übels, wie manch weiser Philosoph sagte. Dass wir aus dieser Unvollkommenheit zuweilen köstliches Vergnügen schöpfen, belegt dieser Theaterabend, auch wenn einige drängende Zuschauerfragen leider unbeantwortet blieben, beispielsweise: Gibt es im Himmel auch Bier?

„Gott/Fried/Maschine“, weitere Aufführungen diesen Freitag sowie am 7. Dezember, jeweils 20 Uhr, Neues Schauspiel (Lützner Straße 29), Karten für 10/6 Euro: 0341 9279 9770 oder karten@ostpassage-theater.de

Von Juliane Lochner

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