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Theater mit Flüchtlingen begeistert Premieren-Publikum

Theater der Jungen Welt Theater mit Flüchtlingen begeistert Premieren-Publikum

Die realen Fluchtgeschichten von elf Neu-Leipzigern sind Grundlage der Premiere „Brennpunkt X“ am Theater der Jungen Welt. Regisseur Jörg Wesemüller gelingt zusammen mit dem TdJW-Ensemble und Laien-Schauspielern aus mehreren Ländern eine eindrucksvolle und berührende Inszenierung.

TdJW-Schauspieler spielen zusammen mit Geflüchteten.

Quelle: Wolfgang Zeyen

Leipzig. Theater mit Flüchtlingen. Theater über Flüchtlinge. Theater für Flüchtlinge. Das gibt es alles, das hat Konjunktur an deutschen Theatern, und das ist angemessen, auch wenn der Griff nach Aktualität und Relevanz mitunter krachend schief geht. „Brennpunkt: X“ das am Donnerstagabend im Theater der Jungen Welt Premiere feierte, ist Theater mit Flüchtlingen und über Flüchtlinge – aber hier geht nichts schief. Hier gelingt schlichtweg alles, und dafür gibt es am Ende stehenden Beifall. Zurecht: Die Inszenierung in der Regie von Jörg Wesemüller mit dem TdJW-Ensemble und elf Laien-Spielern mit Flucht-Biografie trifft mit so berührender Wahrhaftigkeit in Herz und Hirn, das gängige Bewertungs-Schablonen verrutschen, schlicht unwichtig werden.

„Brennpunkt X“, recherchiert und geschrieben von Nuran David Calis, wurde vor einem Jahr in Saarbrücken uraufgeführt. Ein Mehrperspektiven-Text, der die Erfahrungen von Geflüchteten und Helfern in den Sammelunterkünften und Kommunen verzahnt. Die Leipziger Aufführung greift auf die Textpassagen der Helfer zurück, hat sich aber entlang der Erfahrungen der elf Laien-Spieler die Flüchtlingsperspektive komplett neu erarbeitet. Von der Entscheidung zum Aufbrauch bis zur großen Langeweile in der Sammelunterkunft angesichts der Verdammnis zum Nichtstun auf der Streckbank der Bürokratie. Ohne Aufenthaltstitel keine Arbeit.

Die Scheinwerfer tauchen die Bühne in ein dunkles Blau. Der Kontrabass kratzt und jammert leise. Das Geräusch eines Atems, vielleicht, das knarzen eines Bootes. Die Schauspieler beugen die Arme, als trügen sie ein Kind. Die Eröffnungsszene transportiert die Erinnerung einer jungen Frau, die verzweifelt versucht ihrem Baby auf dem Arm Schutz zu bieten während der Überfahrt über das Meer.

Nur einen winzigen Moment keimt in dieser Eingangsszene der Verdacht, die Inszenierung könne in die Pathosfalle des Dokumentartheaters rutschen, die elf wahren Geschichten einfach in schillernde Theaterkostümchen stecken. Aber so kommt es nicht. Weil die Regie-Ideen aufgehen und die biografischen Momente mit wunderbaren Bildern auffangen, weil immer eine zweite Ebene mitschwingt, weil die Laien große Spielfreude entwickeln.

Die theatralen Elemente funktionieren, fangen die geschilderten Schrecken der Todesangst mit leichten, fast tänzerischen Kurz-Choreografien auf. Wenn ein junger Informatik-Student davon erzählt, wie er vor dem Gewehrlauf eines Soldaten schon sein vermeintlich letztes Gebet sprach, bis der Soldat sagt, es sei nur ein Witz gewesen. „Deshalb bin ich geflohen.“ Geflohen in ein Land, wo Informatik-Studenten Gewehrmündungen nur aus Ballerspielen kennen. „I kill you“, schreit der junge Mann und die Gruppe weicht synchron zurück.

Es braucht keine langen Erzählungen, um die Schrecken plastisch zu machen. Der Theaterabend findet entscheidende, existenzielle Momente in den Biografien, die nur kurz aufblitzen, aber viel transportieren. Bewegend, wenn ein junger Mann die letzten Worte an seine Mutter zitiert: „Bis nach dem Krieg.“ Heiter, wenn der ehemalige Verkehrspolizist die Frage nach seiner früheren Tätigkeit pantomimisch beantwortet. Und fast kafkaesk, wenn blumiges Arabisch auf Technokraten-Deutsch und die Hermetik hiesiger Gesetze prallt.

Auch das Smartphone – als Verbindung in die Heimat und Landkarte so wichtig – findet schlüssig Eingang in den Abend. Die Kamera sendet Live-Bilder von einer Landkarte mit Flüchtlingsrouten oder der Übersetzung einer vertonten Koran-Sure auf zwei Leinwände.

Und dann ist da noch die Musik, aus dem der Abend schöpft. Die Band besteht aus Flüchtlingen und wenn die drei Männer ihre Sorgen („Jeden Tag bekomme ich Post vom Sozialamt“) zu orientalischen Klängen vortragen, dann wirkt das komisch und traurig zugleich – und enthält die Andeutung eines Brückenschlages über die Kulturgrenzen hinweg. Später werden Menschen von Nordafrika bis Pakistan gemeinsam „Schlaf Kindchen schlaf“ singen. Und ein marokkanischer Rapper zeigt, wie aus den USA stammender Sprechgesang sich nicht nur in der westlichen Hemisphäre verbreitet hat. Das vermeintlich Fremde klingt bisweilen sehr ähnlich.

„Brennpunkt X“ ist ein Stück über Flucht und Ankunft, über an Gesetzen verzweifelnde Helfer und Politik, über Kulturschocks und höhere Mächte, ob sie nun Gott oder Gesetz heißen mögen. Es ist ein Stück über Moral und Machtlosigkeit. Aber eines, das lieber eine Frage stellt, als mit dem Zeigefinger zu fuchteln. Eines, das neugierig macht auf die Geheimnisse fremder Kulturen. Und eines, das ohne zu idealisieren einen Hauch Hoffnung verbreitet. Es gelingt die von Flut-Metaphern ertränkten, in Zahlen anonymisierten und in Verhandlungsmassen gequirlten Geflüchteten mit ihren Ängsten und Hoffnungen als ganz normale Menschen sichtbar zu machen.

Die nächsten Aufführungen: 11. Juni, 18 Uhr;
17. Juni, 19.30 Uhr; 18. Juni, 18 Uhr; TdJW, Karten: 0341 4866016

Von Dimo Riess

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