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Thielemanns Triumph: Leipzig und Bayreuth kooperieren bei Wagners "Rienzi"

Thielemanns Triumph: Leipzig und Bayreuth kooperieren bei Wagners "Rienzi"

Christian Thielemann am Pult, Chor, Solisten und Technik der Oper Leipzig sowie das Gewandhausorchester gaben mit der umjubelten Premiere von "Rienzi, der letzte der Tribunen" am Sonntagabend den Auftakt zur Kooperation "Von Leipzig nach Bayreuth".

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Der grandiose Chor der Oper Leipzig im Finale des ersten Akts.

Quelle: Markus Spona

Bis zum nächsten Sonntag stehen in der Bayreuther Oberfrankenhalle die Frühwerke Richard Wagners auf dem Programm.

Für die Bayreuther Festspiele scheint die Hauptsache klar: "Christian Thielemann" steht da groß auf den wenigen Plakaten, die immerhin unmittelbar neben der Oberfrankenhalle aufs ambitionierte Vorprogramm der eigentlichen Richard-Wagner-Festspiele hinweisen. Kleiner darunter: "Die Frühwerke". Und nur wer ganz nah herantritt, kann lesen, dass auch Oper Leipzig und Gewandhausorchester beteiligt sind bei dieser Gemeinschaftsaktion, bei der Thielemann ja nur eine von drei Opern dirigiert.

Das allerdings macht er erwartungsgemäß ganz vortrefflich. Mit beinahe lässiger Konzentration und Souveränität beseelt er bereits die ersten Takte der "Rienzi"-Ouvertüre, macht er hör-, nein fühlbar, wie aus Floskeln Musik wird, wie sich das Orchester-Vorspiel so sehr verdichtet, dass Wagners noch suchender Beitrag zur Gattung Große Oper beinahe zwangsläufig aus ihr erwächst. Und über vier lange Brutto-Stunden streichelt, fordert, lockt, schüttelt Thielemann immer wieder diese Momente musikalischer Magie aus dem meist fabelhaften Gewandhausorchester und dem grandiosen Chor der Oper Leipzig, die allein die Reise ins Oberfränkische lohnen.

Und die die bizarre Szenerie vergessen machen, die diese Premiere umgibt. Die Oberfrankenhalle, in der die Frühwerke über die Bühne gehen, weil sie auf den Grünen Hügel nicht dürfen und akustisch auch nicht passen, bilden einen denkbar herben Kontrapunkt zur feierlich-pathetischen Geste des neo-antiken "Rienzi". Ein gruseliger Mehrzweck-Sporthallen-Bau mit altrosa Sitzschalen zwischen türkisen Geländern.

Hinein gelangt man durch freudlose Gänge, in denen einschlägige Anbieter für Stützstrümpfe werben. Eine Anregung, die die vielen unter den rund 1800 meist aufwendig aufgebrezelten Premierengäste, zu schätzen wissen werden, die in gut zwei Wochen zu den richtigen Wagner-Festspielen wiederkehren und dann neben der noch schlechteren Luft auch noch viel unbequemere und engere Sitzgelegenheiten vorfinden.

In die Halle schließlich haben Bayreuther Festspiele und Oper Leipzig eine Zuschauertribüne gebaut, ein Gehege fürs Orchester abgetrennt und eine Bühne dahinter errichtet, auf der Bühnenbildner Matthias Lippert antike Architektur-Versatzstücke umherfahren lässt, die ihrerseits tapeziert sind mit der Innenansicht dieser Sporthalle. Das ergibt zwar keinen tieferen Sinn, auch nicht dadurch, dass Lippert dahinter via Video Eisensteins "Panzerkreuzer Potemkin" überblendet mit Kamerafahrten durch die Oberfrankenhalle. Aber Matthias von Stegemann nutzt dieses Umfeld geschickt, um seine Solisten in hohlen Posen und den Chor in staubigen Tableaus zu einem szenischen Arrangement anzurichten, das den Frühwerk-Status des "Rienzi" geschickt in eine ungelenke Schülertheater-Ästhetik verlängert. Da beginnt man sich bereits nach wenigen Minuten nach der Leipziger "Rienzi"-Inszenierung Nicolas Joels zu sehnen, die an der Pleiße gottlob im Spielplan bleibt, während der Bayreuther Unfug nach der Kooperations-Serie in die Presse wandert.

Ohnehin ist das Opernpublikum in Bayreuth, mehr noch als sonstwo auf der Welt, eher auf die Musik aus als auf die Szene. Und es wird mit diesem "Rienzi" reich beschenkt. Thielemann denkt und gestaltet in großen Zusammenhängen. Und so findet er bereits in Wagners dritter Oper zu einer gleichsam durchkomponierten Großform, die man erst im späteren Musikdrama erwarten würde. Natürlich ist dies streng genommen eine Nummernoper, aber wie Thielemann mit Tempo, Dynamik, Artikulation und Farbe die Nummern zu Tableaus zusammenzwingt, die Tableaus zu Akten, die Akte zum Ganzen, das ist ganz große Kunst. Und wie sich die Leipziger Akteure in dieses Ganze hineinschmiegen, das ist es im Großen und Ganzen auch.

Von Chor und Orchester war bereits die Rede. Bei den Solisten macht vor allem Daniela Sindran auf sich aufmerksam. In der komplizierten Hosenrolle des Adriano überspannt sie zwar darstellerisch den Bogen, aber wie ihr Sopran in Verliebtheit funkelt und in Verzweiflung gellt, wie sie Wagners Ausflug in die Historienschinken der Franzosen mit Belkanto-Wonnen auflädt, das findet in ihrer großen Szene des dritten Aktes zu einer so berückenden Intensität zusammen, dass Thielemann dieses eine Mal den Szenenapplaus nicht nur duldet, sondern mittut.

Gesanglich auf Augenhöhe ist Jennifer Wilson als Irene unterwegs, szenisch ist in diesem Umfeld egal, was sie tut. Robert Dean Smith singt die bestialische Titelrolle mit angenehmem Tenor-Timbre, aber allzu eindimensional. Eigentlich klingt alles gleich, die demagogischen Appelle des selbst ernannten Tribunen an das Volk von Rom wie das verzweifelte Gebet "Allmächtiger Vater". Gekonnt, aber seltsam unerheblich. Der Rest vom Leipziger Sängerfest ist mindestens solide bis höchst hörenswert (Milcho Borovinov als Steffano Colonna, Tuomas Pursio als Kardinal Orvieto, Jean Broekhuizen als Friedensbote ...).

All das spiegelt sich eins zu eins im Applaus wieder. Thielemann gellen schon bei jedem Auftritt die nachgerade fanatischen Bravi entgegen, Chor und Gewandhausorchester werden am Ende auf Augenhöhe bejubelt, Daniela Sindran auch. Dem Rest wallt freundliche Begeisterung entgegen, das Regieteam, zu dem noch Kostümbildner Thomas Kaiser zählt, wird durchgewunken.

Termine: "Rienzi": morgen, 13.7., "Das Liebesverbot": 11., 14.7., "Die Feen": heute. Karten unter Tel. 0341 1261261.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 09.07.2013

Peter Korfmacher

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