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Thomas Larchers Bariton-Sinfonie „Alle Tage“

Uraufführung im Großen Concert Thomas Larchers Bariton-Sinfonie „Alle Tage“

Der Österreicher Thomas Larcher, Jahrgang 1963, gehört zu den erfolgreichen Komponisten seiner Generation. Im Gewandhaus wurde nun seine Sinfonie „Alle Tage“ uraufgeführt. Matthias Goerne sang die gewaltige Bariton-Partie, Christoph Eschenbach dirigierte das Gewandhausorchester.

Thomas Larcher

Quelle: Richard Haughton

Leipzig . Thomas Larcher, Jahrgang 63, hat es geschafft. Der Komponist aus Österreich wird derzeit im internationalen Uraufführungszirkus herumgereicht wie wenige andere. Nicht im inzestuösen Mief einschlägiger Festivals, sondern im richtigen Konzertleben, dort, wo in großen Sälen die großen Orchester spielen – vor großem Publikum. Im Gewandhaus zum Beispiel, wo in den Großen Concerten dieser Woche Larchers „Alle Tage“ die Uraufführung erlebte, ein Sinfonie für Bariton und Orchester, die im Auftrag des Gewandhausorchesters, der Samstags-Matineen in Amsterdam und des National Symphony Orchestra in Washington entstand.

Nun gut, voll besetzt ist das Gewandhaus nicht an diesem Donnerstagabend zur ersten Gesamtaufführung des Werks, dessen Einzelteile bereits andernorts vor Publikum ihre Tauglichkeit erwiesen. Sie sitzt eben tief, die Angst vor der Neutönerei. Dabei ist sie im Falle Larchers völlig unbegründet. Was nicht daran liegt, dass der nicht modern komponierte. Sondern eher darum, dass es ihm egal ist, ob etwas modern ist oder nicht. Entscheidend ist, ob es seinem Werk dient, seiner, nun ja: Aussage.

Das ist im Falle „Aller Tage“ doppelt komplex, weil die in musikalischen Dingen so schwer zu fassende Aussage hier auch Texte reflektiert, Ingeborg Bachmanns „Anrufung des großen Bären“, „Heimweg“ und „Alle Tage“ und in Larchers Musik Text und Klang nicht nebeneinander stehen, die Töne die Worte auch nicht lediglich illustrieren (was sie gelegentlich sehr plastisch durchaus tun), sondern einander tragen, durchdringen, deuten. Mit dem Ziel, dass die grandiosen, die verstörenden, die schorfig schönen Zeilen Bachmanns ihr Geheimnis behalten – die Fragen, die sie aufwerfen, vom Verstand an die Seele weitergereicht werden.

Dafür treibt Larcher erheblichen Aufwand. Das Orchester ist riesig besetzt, die Schlagzeugbatterie eindrucksvoll, von vorn links schalmeit hohl ein Akkordeon in den Saal, das dem Werk eine sehr eigene Farbe aufstreicht. Im inneren dieses instrumentalen Kosmos ist die Anlage hybrid: Wie Mahler einst scheut auch Larcher sich nicht, Material sehr unterschiedlichen Charakters zusammenzuzwingen zu einem Werk, das doch ganz eigen tönt und einheitlich. Da schillern in neoexpressionistischem Farbauftrag (ein wenig zu deutlich) Messiaen durch und Zemlinsky, Henze und Schönberg, Freies und Tonales, West und Ost, sicher getragen von einer Schönheit, der alles allzu Wohlfeile abgeht. Und so instrumentiert, dass um den Bariton im Zentrum dieses sinfonischen Kosmos genug Raum bleibt. Im Prinzip jedenfalls. Denn diese entscheidende Gleichung geht nicht auf bei der Uraufführung am Donnerstagabend.

Die Schuld daran liegt kaum am Solisten Matthias Goerne, dem Widmungsträger von „Alle Tage“ und einer der großen Sänger-Gestalter unserer Zeit. Der lässt mit seinem samtenen Bariton die Magie der Worte nachhallen, macht Linien und Tonwiederholungen, die klug und kundig gespannten weiten Bögen zum Spiegel der wunden Dichterinnen-Seele, lädt jede Silbe mit Gehalt auf und jeden Ton mit Bedeutung – und klingt dabei doch ganz natürlich.

Aber zu oft hört man es nicht, versteht überdies kaum ein Wort. Weil Christoph Eschenbach, bei dem am Pult die Fäden zusammenlaufen bei aller staunenswerten Präzision seines Dirigats das Gewandhausorchester dynamisch am zu zu langen Zügel lässt, die Obertöne und Reflexe, die Flächen und Schatten so sortiert, dass sie zwar als sinfonischer Organismus prachtvoll gedeihen. Aber auf Kosten der Singstimme.

Wie suggestiv diese neue Musik dennoch ist, zeigt der erhebliche Applaus am Ende. Obschon er naturgemäß nicht ganz so kraftvoll ausfält wie der nach Anton Bruckners Neunter in der zweiten Halbzeit. Dieser monumentale Torso steht heute Abend auch beim von Eschenbach Benefizkonzert für „Leipzig hilft Kindern“ auf dem Programm. Vorbereitet von Ausschnitten aus Wagners „Holländer“ und der „Walküre“, die ebenfalls Goerne singt.

Von Peter Korfmacher

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