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Thomas Wolfes literarisches Vermächtnis liegt nun auf Deutsch vor: „Die Party bei den Jacks“

Thomas Wolfes literarisches Vermächtnis liegt nun auf Deutsch vor: „Die Party bei den Jacks“

Rund 60 Jahre hat es gedauert, bis Thomas Wolfes Manuskript „The Party of Jack's" aus dem Nachlass rekonstruiert wurde. Der für seinen Roman „Schau heimwärts, Engel" berühmte Amerikaner starb 1938, im Alter von 37 Jahren.

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Thomas Wolfes literarisches Vermächtnis liegt nun auf Deutsch vor: „Die Party bei den Jacks“.

Quelle: dpa

Leipzig. Nun liegt „Die Party bei den Jacks" endlich auf Deutsch vor.

„Ich glaube, dieses Haus hier steht in Flammen", erkennt Sohn Ernie Jack. Und er schlägt vor, es zu verlassen. „Es sei denn, Sie möchten lieber hierbleiben." In diesem Satz trifft Ironie auf die Unerschütterlichkeit einer Familie, ihrer Freunde, ihrer Zeit. Es ist das Jahr 1928 in New York. Und Vater Frederick Jack, 54 Jahre alt, erfolgreicher Börsenspekulant, Gatte einer ebenfalls erfolgreichen Bühnenbildnerin sowie Vater zweier Kinder, blickt aus dem neunten Stock eines Zwölfgeschossers auf die Welt.

Die hohen Gebäude, Wolfe sieht darin eine „vertikale Arroganz der Stadt", vermitteln Jack jenes Gefühl von Sicherheit und Macht, das er so liebt wie Ordnung und seinen Morgenkaffee. Trotz einigen Reichtums ist sein Geist geprägt „von einem fast klassischen Verständnis für Mäßigung". Wolfe zeichnet das Porträt eines Menschen, der den Verlockungen der Zeit erliegt und auch ihrem Tempo, der Scheinmoral, jener Überhitzung, für die es Jahrzehnte später den Begriff Wachstumsbeschleunigung geben soll.

Während die Jacks und ihre Gäste noch durchaus kultiviert zu genießen verstehen, zeichnet sich das Platzen der Blase, der Börsencrash bereits ab. Die es ahnen, sind schon gescheitert. So wie Amy, der gefallene Engel. Heute würde man sie It-Girl nennen und vielleicht an Paris Hilton denken. Sie kann nicht tiefer sinken. „Früher sagten die Menschen: ,Was, um Himmels willen, macht Amy als Nächstes?‘ Jetzt sagten sie: ,Was um Himmels willen bleibt ihr noch zu tun?"

Amy hat „alles im Leben versucht, nur das Leben selbst nicht". Sie kommt mit dem Aufstehen und dem Zubettgehen nicht zurecht, doch das brennende Haus erscheint ihr als das Natürlichste von der Welt. Und damit bleibt das weniger verruchte als verwirrte Mädchen keineswegs allein. Das Feuer fasziniert die in den Hof geflüchteten Menschen, wie die Katastrophen eben faszinieren. Ein Staunen über das schaurig Schöne ergreift sie alle, wie sie da stehen, wie Wolfe und die Umstände sie zusammenbringen: „Es war eine Melange von Gesellschaftsschichten, Typen und Charakteren, wie man sie auf der ganzen Welt und zu der Zeit nirgendwo sonst hätte antreffen können als in einem Gebäude wie diesem."

Auf der Party der Jacks ist ein „Großteil des Besten versammelt, was die Stadt an Kraft und Macht und Begabung und Schönheit hervorzubringen wusste und was das Leben bereithielt." Menschen, die sich umgarnen und beleidigen. Menschen „im Brennpunkt der theatralischen und fieberhaften Erregung des Lebens". Menschen von blühender Dekadenz oder abgetakelter Eleganz. Menschen, die Zuspruch bräuchten, wenn sie nach Zustimmung lechzen. Narren und Könige. Genug, „um die Hölle zu füllen und den Himmel zu bevölkern". Wolfe schaut in die Köpfe und Herzen von Fahrstuhlführer wie Haushälterin, wahren und behaupteten Künstlern, Geliebten und Gehassten - noch Kinder ihrer Zeit und schon deren Totengräber.

In der Editorischen Notiz wird am Ende des Buches darauf verwiesen, dass es den Brand während einer Party tatsächlich gegeben hat: 1930 im Haus der Bühnenbildnerin Aline Bernstein, Wolfes damaliger Geliebter. Über Jahre hat der Autor immer wieder am Text gefeilt, Figuren verfremdet, Dialoge zugespitzt. Im Nachwort konstatiert Kurt Darsow eine Seelenverwandtschaft mit der Hauptfigur, eine Vorliebe für alles Deutsche, die über die familiären Bezüge hinausgeht. Auch der Riss, den Wolfes Deutschlandbild in den 30er Jahren bekam, spiegelt sich: In einer Rückblende ist Frederick antisemitischen Anfeindungen ausgesetzt. Darsow zitiert William Faulkner, der einst schwärmte: „Er mag von uns allen am meisten Talent gehabt haben, er hätte der größte amerikanische Schriftsteller gewesen sein können, wenn er bloß länger gelebt hätte."

In sich verdichtenden Textstrukturen webt und knüpft Wolfe am Ablauf eines Tages, der mit einem Alptraum beginnt. Darin kehrt Mr. Jack zurück in die Kammer seiner Koblenzer Kindheit und zu den Schulkameraden, denen er seine Fragen ans Leben stellen will - selbst zu Tode erschreckt von den „Grimassen der Zeit". Bis zum Schluss bleibt Wolfe, und mit ihm der Leser, Außenstehender. Wer sich einlässt auf die üppigen Beschreibungen, auf die Rhythmen, die jeden Versuch einer eiligen Lektüre ausbremsen, wird belohnt mit sich verzweigenden Melodien. Trotz der zuweilen ins Blumige spielenden Ausführlichkeit und Redundanz trägt das Buch auch skizzenhafte Züge, was der Rekonstruktion durch Suzanne Strutmann und John L. Idol aus dem Nachlass geschuldet sein kann.

Bei allem bezaubert, wie Wolfe die Menschen im Rausch vor dem Crash beobachtet, wie er deren Treiben satirisch und sprachgewaltig in Form hält. So schrieb er einen fulminanten Kommentar zur aktuellen Krise: „Den Diebstahl, die Verschwendungssucht, die Privilegien, die er überall um sich herum sah, billigte er nicht deshalb, weil er Zweifel hegte, sondern weil er sich in Sicherheit wiegte, überzeugt, dass dieses verrottete Gewebe aus Eisenfäden gewirkt war ..."

Janina Fleischer

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