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Tiefe Weisheit, warme Ironie - Boxkommentator Werner Schneyder in der Pfeffermühle

Tiefe Weisheit, warme Ironie - Boxkommentator Werner Schneyder in der Pfeffermühle

Werner Schneyder ist nicht nur als Kabarettist bekannt, sondern vielen auch als ehemaliger Moderator des Sportstudios im ZDF und derart profunder Boxkommentator, dass etliche bis heute glauben, er hätte selbst im Ring gestanden.

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Werner Schneyder mit Pianist Christoph Pauli mit Lebens-Liedern in der Pfeffermühle.

Quelle: dpa

Leipzig. Hat er aber nicht. Stattdessen auf unzähligen Bühnen als Mann des gewählten Wortes.

Lange hat man nichts von ihm gehört, er muss auch keinem mehr etwas beweisen. Doch da war offensichtlich dieses eine Programm aus ganz persönlichen Liedern, das er noch machen wollte, gerade weil es ihn von einer ganz anderen Seite zeigt. Ein echter Ritterschlag für die schöne neue Pfeffermühle, dass die Deutschlandpremiere eben dieses Programmes am Montag hier stattfand. Natürlich vor ausverkauftem Haus.

Der Abend beginnt sehr warm, weil biographisch und grundehrlich. Doch er nimmt nur allmählich Fahrt auf. Das liegt daran, dass etliche im Publikum wohl eher kabarettistisch-heitere Kost erwartet haben. Auch daran, dass Schneyder den zunächst ausgelegten roten Faden, der sich an seiner Lebenslinie entlang zu schlängeln anschickte, wieder verlässt, nachdem man ihm eben zu folgen bereit war. Seine Sprach-Choreographie aus (scheinbar) freier Conférence und gereimten Zwischen-Versen ergibt einen Rhythmus, der eine gewisse Zeit des Einschwingens bedarf. Das dauert länger, als es müsste, weil Schneyder es durch Texthänger unterbricht.

Doch er kriegt den Bogen und das Publikum schließlich doch. Seine Erfahrung, sein Austria-Charme und die affirmative Routine seines Pianisten Christoph Pauli erweisen sich als unwiderstehlich. Zumal, weil Schneyder in punkto Schmäh mühelos das Niveau seines Landsmannes Georg Kreisler erreicht. Herrlich, wie er die ewig gleichen Sommer-Urlaubs-Rituale der Zeitgenossen verunglimpft und sich anschließend einen bitterbösen Song lang diebisch freut, wie's mitten im Juli ausdauernd Strippen regnet.

Insgesamt ist das ein Bilanzprogramm eines intensiven Lebens. Voll tiefer Weisheit und warmer Ironie. Zu goutieren vor allem für ein Publikum, das ihm, dem 76-Jährigen, wenigstens annähernd so viel gelebte Erfahrung entgegenbringen kann. Die Zuschauer in der Pfeffermühle sind mehrheitlich in diesem Alter. Sie haben Verständnis dafür, dass Schneyders kluge Chansons fast immer auch mit Rausch und den Mitteln, solchen herbeizuführen (hier vornehmlich Wein) zu tun haben. "Das allerletzte Glas" ist folgerichtig auch das letzte Lied im Programm. Es sollte Veltliner sein, singt Schneyder. Keiner schöner Tod - gottlob gestattet er zur Not auch einen Riesling.

Es gibt sehr berührende Momente in dieser Liedersammlung, seinen Komplett-Rundumschlag "Wenn ich an Liebe denk" zum Beispiel, oder das sensible "Momente". Die tiefsten Augenblicke aber erreicht der Abend, wenn Schneyder seine Übersetzungen von Jacques Brel bringt. Dafür ist er bekannt, diese Texte haben große deutsche Chansonniers gesungen, Michael Heltau etwa oder André Heller. An diesem Abend, interpretiert im unnachahmlichen Understatement ihres Nachdichters, sind sie schlicht ein Genuss. Der herzliche Beifall nach jenem letzten Glas (im Original auch von Brel) hält so lange an, bis Schneyder noch mal kommt und eine deftig zynische Zugabe schmettert, die seine eigene Totenfeier beschreibt. Kein Halten mehr danach, die Pfeffermühle tobt.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 30.10.2013

Lars Schmidt

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