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Tod eines Fußlümmlers: Historischer Krimi um ersten Deutschen Meister VfB Leipzig

Uwe Schimunek Tod eines Fußlümmlers: Historischer Krimi um ersten Deutschen Meister VfB Leipzig

Das richtige Thema am richtigen Ort zur richtigen Zeit: Der Leipziger Schriftsteller Uwe Schimunek spinnt einen Krimi um die erste deutsche Fußballmeisterschaft, die 1903 der VfB Leipzig errang. Ein Roman mit viel Leipziger Lokalkolorit, liebevoll recherchierten historischen Details und einem klug konstruierten Mordfall.

Uwe Schimunek, 47, Leipziger Schriftsteller.

Quelle: Christian Schirmer

Leipzig. Der VfB sei soeben „glorreicher Deutscher Fußballmeister“ geworden, wird die Redaktion der Leipziger Zeitung am Ende des Romans durch ein Telegramm aus Altona erfahren, „durch ein 7:2 gegen Prag“. Mehr als diese zwei Zeilen kriegen die Leser in ihrem Amtsblatt Seiner Majestät tags drauf nicht zu lesen. „Als ob Dinge wichtiger würden, nur weil ein Reporter sie immer wieder vorbringt“, hat der Herr Direktor Doktor Richter seinem Redakteur Edgar Wank schließlich ein paar Tage zuvor noch erklärt, wie mit dieser „derart albernen Freizeitbeschäftigung“ journalistisch umzugehen sei. Und Richter ist als „Direktor der Königlichen Expedition der Leipziger Zeitung“ immerhin so etwas wie Geschäftsführer und Chefredakteur in Personalunion.

Nah und fern zugleich ist die Welt, in die Schriftsteller Uwe Schimunek in seinem neuen Buch „Mörderisches Spiel in Leipzig“ die Leser mitnimmt. Nah, weil liebevoll recherchiertes Lokalkolorit den historischen Krimi durchzieht. Fern, weil die erste deutsche Fußballmeisterschaft 1903 eben in eine Zeit fällt, in der die Stadt gerade erst ihre jetzigen Grundzüge erhält – und in der die gesellschaftlichen Vorlieben sich von den heutigen gehörig unterschieden. Was auch, aber nicht nur die Popularität des Fußballs angeht.

Schimunek ist ein Meister darin, in vergangenen Zeiten literarisch auf Verbrecherjagd zu gehen. In der Mitte des 19. Jahrhunderts lässt er den Oberst-Lieutenant von Gontard in bisher drei Fällen rund um Berlin ermitteln. Sein LVZ-Reporter Konrad Katzmann ist in drei Bänden den Bösewichten der 1920er Jahre auf der Spur. Nun also ein neuer Kriminalist: Anfang des 20. Jahrhunderts hat der Polizeireporter Edgar Wank gerade bei der Leipziger Zeitung seine erste Stelle angetreten, als ihm ein Freund vom mysteriösen Tod des VfB-Spielführers Thoralf Schöpf erzählt – „in voller Manneskraft“. Und das wenige Wochen vor dem Endspiel.

Keine Fiktion: die Telegramm-Affäre von 1903

In viele Richtungen gilt es zu recherchieren. Liegen die Tatmotive im persönlichen Umfeld des toten Fußballers? Oder beim Deutschen Fußball-Bund, 1900 in Leipzig gegründet? Wobei es sich keineswegs um Schimuneks Fiktion handelt, dass sich der DFB nicht erst in jüngster Vergangenheit, sondern von Anfang an für Ungereimtheiten rechtfertigen musste. Die so genannte „Telegramm-Affäre“ von 1903 ist aktenkundig. Der Karlsruher Fußball-Verein verpasste sein Halbfinale seinerzeit, weil die Vereinsführer nach einem (falschen) Telegramm kurz vor dem geplanten Termin von einer Spielabsage ausgingen. Der Vorsitzende des profitierenden Vereins DFC Prag war gleichzeitig DFB-Präsident.

Zu einem außerordentlichen Lesespaß wird der Krimi jedoch nicht in erster Linie wegen des klug konstruierten Mordfalls. Sondern vor allem, weil Schimunek den Zeitgeist der Jahrhundertwende in all seiner Exotik aus heutiger Sicht charmant und authentisch rüberbringt. So ist dieser neue Sport aus England auch in der Stadt des baldigen ersten Deutschen Meisters weitgehend als „Fußlümmelei“ verschrien, ein Begriff, den sich die Figuren aus einer Streitschrift des schwäbischen Turnlehrers Karl Planck von 1898 borgen. Die einzigen sportlich relevanten Großereignisse sehen die meisten Leipziger der Jahrhundertwende – und auch die Leipziger Zeitung – in den Pferderennen im Scheibenholz.

Die Welt wächst und schrumpft zugleich

Leipziger Leser werden insbesondere ihre Freude daran haben, mit welcher Liebe zum Detail (beispielsweise der damaligen Straßennamen) Schimunek den Wandel der aufstrebenden Handelsstadt in Worte und Sprachbilder fasst. Lindenau, wo die VfB-Spieler für ihr Extratraining mit Hilfe von Kleidungsstücken Tore markieren, ist noch von ländlicher Stille geprägt, während Architekt Paul Möbius allmählich seine Jugendstil-Spuren in der Stadt hinterlässt. Auf dem Augustusplatz verströmt seit kurzem ein Neues Theater großstädtisches Flair – der Vorgängerbau der Oper. Zeitgleich erlebt aber auch die Schrebergarten-Bewegung gerade in Leipzig, wo sie ihren Ausgang genommen hatte, ihre Blütezeit.

Nicht zuletzt der einzige Telefonapparat in den Redaktionsstuben erweist dem Polizeireporter bei seiner Recherche wichtige Dienste. „Die Welt wächst und schrumpft zugleich“, stellt er angesichts solcher technischer Neuerungen schon Anfang des 20. Jahrhunderts fest. Wenn er wüsste. Zwei Zeilen Berichterstattung werden seinen Leipziger Kollegen gut ein Jahrhundert später allenfalls für den ersten Tweet unmittelbar nach Abpfiff genügen. Dabei wird da in Leipzig von einer deutschen Fußballmeisterschaft anders als 1903 noch längst keine Rede sein.

Uwe Schimunek: Mörderisches Spiel in Leipzig. Ein historischer Krimi, Jaron-Verlag, 256 Seiten, 9,95 Euro

Von Mathias Wöbking

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