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Ton, Steine, Scherben in der Galerie Kontrapost

Ton, Steine, Scherben in der Galerie Kontrapost

Jahrhundert kein Schimpfwort mehr. Die unendliche Müdigkeit der sich in ewigen Variationen des einst Revolutionären erschöpfenden Nachhutgefechte früherer Avantgarden macht es auch jungen Künstlern leicht, sich tradierten Ausdrucksweisen zuzuwenden.

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Christin Müllers Skulptur "Bruder-Schafft" in der Galerie Kontrapost.

Quelle: André Kempner

Klassik ist im frühen 21. Christin Müller adaptiert gleich zwei Klassiken - die ganz alte der Antike und die noch ziemlich frische der Moderne, um daraus etwas Eigenes zu machen. Geboren wurde sie 1974 in Dohna, da wo das sanfte Elbtal zu den schroffen Felsformationen der Sächsischen Schweiz übergeht. Zur Kunst kam sie über Umwege. Nach einer handwerklichen Keramikerlehre begann sie erst mit Ende 20 das Studium auf der Burg Giebichenstein in Halle. Zu ihren wichtigsten Lehrern gehörte dort Bernd Göbel, der viele Nachwuchskräfte mit sehr unterschiedlicher Handschrift, aber sämtlich technisch versiert, hervorgebracht hat.

Das Material, mit dem Christin Müller in dieser Ausstellung arbeitet, ist Terrakotta, ein keramischer Werkstoff. Im Unterschied zum bekannten Terrakotta-Rot haben ihre Plastiken aber verschiedene helle Töne, die sie durch Engoben - verflüssigter Ton mit unterschiedlichen Beimengungen - erzielt. Auch ohne Glasuren wird so eine Variantionsbreite von Färbungen erreicht. Die leichte Handhabbarkeit von Keramik bringt aber die Gefahr mit sich, in die Nähe von Hausfrauen auf dem Selbstverwirklichungs-Trip zu geraten. Dank eines sicheren Formempfindens umgeht Müller diese Klippe.

Titel wie "Torso" oder "Psyche" wären nicht unbedingt nötig, um die Bezüge zu den alten Griechen herzustellen. Das Thema ist durchweg der menschliche Körper. Nichts Neues also, millionenfach interpretiert. Und gerade eben die Kollegen und Zeitgenossen von Phidias haben Maßstäbe gesetzt, die bis heute nachwirken. Trotz der Vereinfachung der Formen und den Verzicht auf naturalistische Details ist offensichtlich für Christin Müller die Dynamik der klassischen Zeit wichtiger als das archaische Schema.

Doch die geglättete Perfektion der Alten bricht sie auf. Neben dem schon historischen Fehlen von Gliedmaßen oder Köpfen haben auch die Volumen der Körper Risse und Löcher bekommen, demonstrieren ihren Charakter der gewollten künstlerischen Schöpfung, welche die Natur nur als entfernte Erinnerung benötigt. Bei vielen der kleinformatigen Figuren sieht man sogar deutlich die Stege, die zum stützenden Aufbau der Oberflächen nötig sind; der Arbeitsprozess wird selbst zum Thema. Mit Titeln wie "Schräggeträumt" oder "Windgerecht" unterstreicht Christin Müller diese Überwindung des Klassischen und findet neue Referenzen in der Plastik zwischen Rodin und Giacometti, die ihrerseits bereits eine adelnde Patina trägt. In dieser Tendenz zum Fragmentarischen, Unvollendeten bekommt dann der Begriff Scherben eine doppelte Bedeutung. Mit dem maskulinen Atrribut ist es der technische Terminus für die keramische Masse, aus der die Werke entstehen. Im Plural aber sind die Scherben dann aber auch Resultate des vorsätzlichen Dekonstruierens einer sowieso nie stimmigen Ganzheit.

Christin Müller "Scherbenversiegelt"; bis 4. Mai, Fr 10-12 und 18-21 Uhr, am 1. und 3. Sa im Monat 15-18 Uhr; Galerie Kontrapost, Stallbaumstr. 14a

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 10.04.2013

Jens Kassner

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