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Traditionsbewusster Bilderstürmer

Max Reger zum 100. Todestag (11. Mai) Traditionsbewusster Bilderstürmer

Vor 100 Jahren starb in Leipzig der Komponist Max Reger, er wurde nur 43 Jahre alt. Aber in dem guten Vierteljahrhundert, in dem er als Komponist tätig war, schuf er ein riesiges Werk. Über dessen Einordnung zwischen den Polen Tradition und Moderne streitet die Musikwelt noch heute. Dabei könnten die Konzerte helfen, die nicht nur in Leipzig, wo er als Kompositionsprofessor am Konservatorium und als Universitätsmusikdirektor wirkte, rund um den Todestag viele seiner Kompositionen wieder zur Diskussion stellen.

Max Reger 1913.

Quelle: dpa

Leipzig. Auf den ersten Blick ist es eines dieser Bonmots des für seinen polternden Witz berühmten Max Reger: „O es ist zum Konservativwerden“, schrieb er am Silvesterabend 1910 in einem Brief. Doch bricht aus diesen vier Worten nebst Schmerzenslaut die ganze Zerrissenheit der Komponisten-Persönlichkeit heraus. Sie beziehen sich auf Arnold Schönbergs Opus 11, auf drei reduzierte Klavierstücke, mit denen der Österreicher im Jahr zuvor die tonale Welt der Musik aus den Angeln gehoben hatte. Und Reger, der sich bis dahin als Modernist verstanden hatte, musste einräumen: „Da kann selbst ich nicht mehr mit; ob so was noch irgend mit dem Namen ,Musik’ versehen werden kann, weiß ich nicht: mein Hirn ist dazu wirklich zu veraltet!“

Triebfeder Fortschritt

Im Grunde ist der Platz dieses Komponisten, der vor 100 Jahren, am 11. Mai 1916, in Leipzig starb, 43-jährig erst, bis heute nicht gefunden. Denn spätestens nach dem Zweiten Weltkrieg ist die Musikwelt der Einordnung zwischen Moderne und Tradition ausgewichen, indem sie Reger mit dem kunstgewerblich vergifteten Attribut der Könnerschaft versah. Dabei war für Reger, da war er ganz Kind seiner Gründerzeit, der Glaube an den Fortschritt unverzichtbare Antriebsfeder. Wer sein im kurzen Zeitraum von 26 Jahren entstandenes Gesamtwerk auch nur flüchtig überschaut, wird feststellen, dass Reger seinen Stil kontinuierlich weiterentwickelte. Alles in größter Folgerichtigkeit, über die Grenzen der Gattungen hinweg.

Zugespitzt ließe sich sagen: Bei kaum einem anderen Komponisten gehen Kunstlied und Choralvorspiel, Sonate für unbegleitetes Streichinstrument und hypertropher Riesenpsalm, gewaltiger Variationszyklus und hingehauchtes Charakterstück, kurz: das Monumentale und die Petitesse so geschmeidig und selbstverständlich aus einem Gesamtschaffen hervor wie bei Reger zwischen seinem genialisch aufblitzenden Opus 1, der d-moll-Violinsonate von 1890, und dem 1915/16 komponierten grandiosen Klarinettenquintett Opus 146. Und ebenso selten war ein Komponist in seiner persönlichen Modernität so konsequent.

Er konnte nicht anders

Das verband ihn mit dem um ein Jahr jüngeren Schönberg: Beide brauchten zur Formulierung ihrer neuen Gedanken das Fundament der Tradition. Selbst der zwölftönige Schönberg spannte ja seine Unerhörtheiten im Gerüst barocker Formen auf. Für Reger indes war das Schaffen der Alten von noch größerer Wichtigkeit. Für ihn stand fest, „dass ein wahrer Fortschritt“ nur auf der Basis „der genauesten und liebevollsten Kenntnis derer von gestern’“ erreicht werden könne. Dieser Maxime, die er mitbekommen hatte von seinen ersten Lehrern in der heimatlichen Oberpfalz und bei seinem Mentor Hugo Riemann am Konservatorium in Sondershausen, die er selbst seinen rund 200 Schülern am Leipziger Konservatorium auf den Weg gab, blieb er bis zum Ende treu. Denn er konnte nicht anders.

Modernität, Fortschritt also, zeigt sich im Schaffen und Denken Max Regers erst im Verhältnis zu Tradition: Seine Orgelwerke etwa gewinnen Neues aus dem, was der Abgott Bach formulierte. Analog bedarf die quecksilbrig den Quintenzirkel durchmessende Harmonik des Zentrums, damit die Entfernung von ihm erkennbar wird – als autonome Kategorie.

Variationen im Großen wie im Kleinen

Im Zentrum seines Schaffens stand die Variation. Im Großen schuf er hier auf den Spuren Bachs, Beethovens, Schumanns und Brahms’ Gipfelwerke der Gattung: Die Hiller- und die Mozart-Variationen, neben der Böcklin-Suite die einzigen Orchesterwerke, die sich auf Dauer im Repertoire festgesetzt haben, die Beethoven-, Bach-, die heiteren Telemann-Variationen.

Im Kleinen erweist sich bei genauerem Hinschauen sein Gesamtwerk als Variation. Denn die fortwährend und geschmeidig sich über die Periodik hinwegsetzende, sozusagen prosaische Metamorphose seines motivischen Materials, auch da ist er auf Augenhöhe mit den verehrten Giganten Beethoven und Brahms, ist für seine Werke mindestens ebenso charakteristisch wie die bis zum Bersten gespannte Harmonik. Beide durchaus mit dem Auflösungspotenzial, das auch Schönbergs tonale Werke auszeichnet. Folgerichtig blieb der dem Schaffen Regers bis zum Schluss in bewundernder Wertschätzung verbunden, obwohl der Kollege den Schritt über den Abgrund auf die andere, die atonale Seite der Moderne nicht mitgegangen war: In den Konzerten des Vereins für Musikalische Privataufführungen, die Schönberg in Wien zwischen 1918 und 1921 organisierte, tauchte kein anderer Name so häufig auf.

Reger quoll über vor Tönen – und litt darunter: „Ich bin“, klagte er seiner späteren Frau Elsa in einem Brief, „fortwährend mit schweren, schweren und sehr angreifenden Arbeiten und Plänen beschäftigt“. Auch auf Spaziergängen könne er nicht abschalten, sein Hirn dränge zu „unentwegtem Schaffen“. Das hilft zum einen, die schiere Werkfülle dieses Komponisten erklären. Zum anderen hilft es, das größte Problem vieler Werke Max Regers zu begreifen: die schiere Menge der Noten. Allenfalls Richard Strauss verfügte über eine ähnliche Souveränität im kompositorischen Handwerk. Aber Reger ging in dieser Beziehung noch weiter. Bei ihm sehen viele Partituren schon von weitem aus, als habe er jeden verbleibenden Quadratmillimeter zwanghaft mit Noten gefüllt – und mit Vorzeichen. So kam das Musiker-Bonmot in die Welt, bei ihm wisse man oft nicht, ob man das Schwarze zu spielen habe oder das Weiße.

Undankbare Schwierigkeiten

In der Tat stellen viele von Regers Werken die Interpreten vor gewaltige Herausforderungen. Das ausladende Klavierkonzert beispielsweise ist in seinen Akkordballungen für den Solisten eine Zumutung. Gerade weil es nicht virtuos ist, nicht pianistisch, sondern sinfonisch gedacht, was sich im Notenbild niederschlägt, das mehr nach Klavierauszug aussieht. Ähnlich undankbar ist allenfalls der Klavierpart des uferlosen Klavierkonzerts von Ferruccio Busoni, dessen 150. Geburtstag Die Musikwelt in diesem Jahr begeht und dem Reger in enger Künstler-Freundschaft verbunden war.

Um das Violinkonzert ist es kaum anders bestellt. Für beide gilt, was für viele Reger-Werke gilt: Wer auf Effekt aus ist, den schnellen Erfolg, der ist hier falsch. Dennoch kämpfen immer wieder Interpreten für ihre Durchsetzung: der Pianist Rudolf Serkin etwa oder sein Sohn Peter, der es im übernächsten Großen Concert mit Herbert Blomstedt und dem Gewandhausorchester wieder in Leipzig spielt für das Klavierkonzert, der Geiger Ulf Wallin, der es mit Ulf Schirmer am Pult erstaunlich transparent auf CD vorgelegt hat, fürs Violinkonzert.

Doch selbst Musiker, die diese Werke durchdrungen haben, tun sich oft schwer, andere daran teilhaben zu lassen. Der Musikwissenschaftler und Reger-Verehrer Carl Dahlhaus erklärte die Probleme des Publikums mit Regers Musik damit, dass sie „im Unterschied zu der von Mahler oder Berg, bei Hörern, die wenig oder nichts begriffen haben, das ebenso deutliche wie unangenehme Gefühl“ hervorrufe, „dass sie nichts begriffen haben“.

Zeit seines kurzen Lebens rang Reger um Anerkennung. Doch spätestens 1907 mit seiner Berufung als Kompositionsprofessor ans Leipziger Konservatorium, wo er buchstäblich bis zu seinem Tod unterrichtete, und als Universitätsmusikdirektor, ein Amt, das er 1911 wieder aufgab, war er durchaus kein erfolgloser Komponist mehr. Seine Werke wurden von einer treuen Schar namhafter Verehrer gefördert: von Arthur Nikisch etwa oder von Willem Mengelberg. Beim Publikum aber kam er nach eigenem Dafürhalten nicht an. Jedenfalls nie in der Stadt, in der er gerade lebte.

Heimatlos, treibend, getrieben

Die freischaffenden „Sturm- und Trankjahre“ in Wiesbaden (1893–98), der Rückzug zu den Eltern nach Weiden (1898–1901), als zunehmend geachtete Musikerpersönlichkeit in München (1901– 07) und in Leipzig, als Hofkapellmeister in Meiningen (1911–14), als komponierender Eremit in Jena: Reger blieb heimatlos, treibend, getrieben. Und so ist es kein Zufall, dass er in einem Hotelzimmer in Leipzig starb, auf der Durchreise zwischen seinen Studenten und der kompositorischen Arbeit.

Für den Freund Wilhelm Steinmetz war klar, „dass sich der überragende Genius ganz einfach zu Tode gearbeitet hat. Dass bei einem so überdimensional arbeitsreichen und vielfach gehetzten Dasein ein vorzeitiger Verbrauch der gesamten Kräfte erfolgen mußte, ist jedem Einsichtigen und insbesondere jedem Arzt klar.“

Für Reger war etwas anderes klar: „Warten Sie nur“, sagte er seinem Schüler Hermann Unger, „in zehn Jahren gelte ich auch schon als Reaktionär und werde zum alten Eisen geworfen. Aber ich werde wiederkommen.“

Reger-Termine in Leipzig:

Sonntag, 8. Mai, 20 Uhr, Gewandhaus: Gewandhausorganist Michael Schönheit und die Merseburger Hofmusik eröffnen mit Werken von Reger und nach Bach das Leipziger Max-Reger-Fest

Mittwoch, 11 Mai, 20 Uhr, Thomaskirche: Festkonzert zum 100. Todestag Max Regers: Auf dem Programm stehen unter anderem Regers 100. Psalm 106 und die Hiller-Variationen, es singt der Leipziger Universitätschor, es spielt das MDR Sinfonieorchester, die Leitung hat Regers Amts-Enkel, Universitätsmusikdirektor David Timm.

Samstag, 14. Mai, 15 Uhr, Thomaskirche: In der Motette gibt es neben Bachs Pfingstkantate „O ewiges Feuer, o Ursprung der Liebe“ Regers Choralkantate „Meinen Jesum lass ich nicht“. Der amtierende Thomaskantor Gotthold Schwarz dirigiert die Thomaner und das Gewandhausorchester.

Samstag, 14. Mai: Leipziger Kirchen bitten zur Langen Reger-Orgel-Nacht

Samstag, 14. Mai, 20 Uhr, Sonntag, 15. Mai, Montag, 16. Mai, 20 Uhr, Gewandhaus: Über Pfingsten bittet Michael Schönheit zu einem kompakten Reger-Festival.

Donnerstag, 19. Mai, Freitag, 20 Mai, Gewandhaus: Herbert Blomstedt am Pult des Gewandhausorchesters und Peter Serkin am Klavier brechen im Großen Concert eine Lanze für Regers Klavierkonzert. Daneben steht Beethovens Sechste auf dem Programm.

Das Bach-Museum Leipzig präsentiert noch bis zum 23. Oktober 2016 die Sonderausstellung „Alles, alles verdanke ich Johann Sebastian Bach! – Bach und Reger“.

Auch das Bachfest (10. bis 19. Juni) widmet sich dem Schaffen Max Regers.

www.reger-in-leipzig.de

Von Peter Korfmacher

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