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Träume vom vielgestaltigen Europa

Träume vom vielgestaltigen Europa

Mircea Cartarescu bedankt sich auf Englisch. Und hält die Rede dann in seiner Muttersprache. Zwar haben die Gäste des Festaktes zur Eröffnung der Leipziger Buchmesse im Gewandhaus die Übersetzung an ihrem Platz liegen, doch ist die Versuchung groß, sich zunächst ganz dem Klang hinzugeben.

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Vor dem Festakt gestern Abend im Gewandhaus: Preisträger Mircea Cărtărescu mit Sohn Gabriel und Ehefrau Joanna

Quelle: Wolfgang Zeyen

Dem Rausch der Wörter, in dem auch die Bücher des rumänischen Schriftstellers schwelgen, zuletzt sein Roman "Die Flügel", für den er gestern Abend den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung verliehen bekam.

Die Ehrung, verbunden mit 15 000 Euro, ist in diesem Fall die Würdigung eines Stücks Weltliteratur. Wenn der 58-Jährige über Literatur spricht, fallen immer wieder die Worte Geist, Kultur, Europa. "Wir sollten niemals vergessen", sagt er, "dass die Europäische Union, eines der weitsichtigsten und komplexesten Projekte der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, mit seinen politisch-wirtschaftlichen, den sozialen, finanzwirtschaftlichen und strategischen Komponenten grundlegend auf Kultur aufbaut." Und er erinnert daran, dass, wenn wir eine europäische Identität benennen können, einen "Stallgeruch" der Bürger dieses Kontinents, unabhängig von ihrer Nationalität, diese sich dann "vom besonderen Glanz seiner Denker und Künstler her und zwar von der griechisch-jüdischen Antike bis in unsere Tage" ableiten.

Das wiederum ist der Geist der Buchmesse, die die Literatur feiert und mit ihr sowohl deren Verortung wie auch die Verortung der Leser in der Welt. Diese Welt reicht vom Lesesessel bis zum Horizont, sie reicht aus der Vergangenheit in die Zukunft. Sie ist geprägt von Geschichte, die weitergegeben wird in Geschichten. Transportiert von Stimmen, die erzählen oder aufklären, die träumen, mahnen, widersprechen.

"Ich bin kein Autor aus Osteuropa", sagt Cartarescu. "Ich erkenne jenes Drei-Zonen-Europa, bestehend aus einem zivilisierten Westeuropa, einem neurotischen Mittel- und einem chaotischen Osteuropa nicht an, weder geopolitisch noch kulturell, religiös oder sonst irgendwie. Mein Traum gilt einem vielgestaltigen, aber nicht schizophrenen Europa."

Uwe Tellkamp, Freund und Schriftstellerkollege, nennt in seiner Laudatio den Preisträger "Weltschöpfer von Bukarest". Er würdigt die Religiosität des Romans als "ungebrochen und ernst, gespeist aus dem orthodoxen Glauben mit seiner byzantinischen Bildlichkeit, seinen zugleich strengen und leuchtenden Zeremonien, seiner Inbrunst und seinem Erscheinungsreichtum". Und dabei "von Humor durchlichtert".

Doch Vergangenheit, was geht sie uns an? Fragt Tellkamp. "Was sollen uns heute, in Zeiten von Digitalisierung und Finanzkrisen, diese gestrigen Geschichten, dieser Sozialismus, von dem wir aber nun allmählich genug gehört haben?" Die Gespenster der Vergangenheit kehren wieder, in verwandelter Form. Er spielt an auf eine "fundamentale" Unsicherheit. "Die Systemfrage wird wieder gestellt. Dabei rühren viele der Konflikte, in die wir uns gestellt sehen - Stichworte hier nur Ukraine und Griechenland - von alten Bekannten her: Planwirtschaft mit ihren Auswüchsen, Nationalismus (der sich mit dem Sozialismus glänzend vertrug), Missachtung demokratischer Prinzipien, Kontroll- und Normierungswahn." Darum ist die Welt in Cartarescus Buch zwar Vergangenheit, "aber eine, die hinter der Gegenwart an der Zukunft arbeitet".

Eine Einschätzung, die - so ähnlich und mit anderen Worten - auch in der Rede von Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich anklingt. Und bei Andreas Müller, der als Erster Bürgermeister und Beigeordneter für allgemeine Verwaltung kurzfristig den erkrankten Oberbürgermeister Burkhard Jung vertritt, den Dichter Erich Fried zitierend: "Erinnern, das ist vielleicht die qualvollste Art des Vergessens und vielleicht die freundlichste Art der Linderung dieser Qual."

Neben die Feierlichkeit, das Gewandhausorchester spielt Wagner, Berlioz und Beethoven, die Blumen sind üppig, tritt die Realität. Heinrich Riethmüller, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, plädiert "für das Wort und die Freiheit", spricht über Werte wie Vielfalt, kultureller Austausch, Bildung und Meinungsfreiheit. Dafür stehe die Leipziger Buchmesse. Dafür steht sie in diesem Jahr ganz besonders: 50 Jahre nach der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Deutschland und Israel - ein Schwerpunktthema mit Lesungen, Gesprächen und Partys.

"Aus Worten werden Welten" wirbt das Literaturfest "Leipzig liest" für sich. Die Türen stehen offen - bis Sonntag in der Stadt und auf der Neuen Messe.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 12.03.2015
Janina Fleischer

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