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Trevor Pinnock dirigiert Mendelssohns Leipziger Einrichtung der Matthäus-Passion

Großes Concert zum Bachfest Trevor Pinnock dirigiert Mendelssohns Leipziger Einrichtung der Matthäus-Passion

Seit 175 Jahren war sie nicht mehr zu hören, nun hat Trevor Pinnock im Großen Concert zum Bachfest Felix Mendelssohn Bartholdys zweite, seine Leipziger Einrichtung von Bachs Matthäus-Passion im Gewandhaus wieder zur Diskussion gestellt.

Trevor Pinnock

Quelle: BF

Leipzig. Auf den ersten Blick ist es ein absurder Meta-Historismus, wenn Trevor Pinnock in den beiden Großen Concerten dieser Woche und im Rahmen des Bachfestes Mendelssohns 1841er, seine zweite, die Leipziger Einrichtung der Matthäus-Passion rekonstruiert. Denn Mendelssohn ging es ja seinerzeit nicht um sich als Bearbeiter, sondern um Bach. Darum, ein Kunstwerk aufführbar zu machen, das in seinen Augen zu den größten Hervorbringungen menschlichen Geistes gehörte.

Mittlerweile teilt so ziemlich jeder diese Einschätzung und auf dem Wege der Annäherung an diese unerhörte Musik sind die aufführungspraktischen Probleme längst ausgeräumt, denen Mendelssohn sich gegenübersah. Überdies ist heute in Leipzig so ziemlich jedes Große ein Historisches Concert – wie soll man dann die Rekonstruktion dessen nennen, was Mendelssohn am Palmsonntag des Jahres 1841 auch schon „Historisches Concert“ nannte? Welche Gründe sollte es heute geben, statt tiefer Oboeninstrumente, die damals nicht zur Verfügung standen, Klarinetten einzusetzen? Welche dafür, das Cembalo wegzulassen? Oder für die in heutigen Ohren recht absonderliche Stützung der Rezitative mit Celli in Doppelgriffen? Womit ist es zu begründen, im Jahre 2016 die für Bach so wichtige Doppelchörigkeit aufzuweichen oder Mendelssohns Kürzungsvorschlägen zu folgen?

Bachfest und Gewandhaus argumentieren pragmatisch: weil es zum ersten Mal überhaupt möglich ist, diese Version und das Original, das John Eliot Gardiner am Donnerstag in der Thomaskirche präsentiert, innerhalb von nur einer Woche zu vergleichen. Doch tut sich in diesem Zusammenhang bereits die nächste Frage auf: Was heißt schon Original? Denn natürlich zielt auch Gardiners mit allen aufführungspraktischen Wassern gewaschener Zugang mit Mitteln von heute auf Hörer von heute. Genau so hielt es Mendelssohn, so tat es Karl Richter, und bei Karajan war es nicht anders. Insofern ist diese Aufführung der 1841er Version ein tatsächlich außerordentlich instruktives Unterfangen. Weil es die Sinne schärft für derlei Fragen. Weil es ermutigt, bei jedem Dogma lieber dreimal nachzufragen, das uns da verordnen will, wie welche Musik zu klingen habe.

Am Ende der rund zweieinhalb Netto-Stunden dieses historischen Historischen Concerts jedenfalls steht eine Erkenntnis: Es war dies kein rekonstruiertes, das hätte im Übrigen in die Thomaskirche gehört, sondern ein höchst lebendiges großes . Und auf dessen Programm steht keine musikologische Belehrung, sondern Johann Sebastian Bachs Matthäus-Passion.

Mit Ungewohntem natürlich und auch mit Einschränkungen: Der Verlust des Cembalos etwa nimmt der Musik oft den Puls, was es der Altistin Ann Hallenberg ermöglicht, immer wieder Schleppen mit Romantik zu verwechseln. Und es nimmt manchen Arien die harmonische Mitte. Da klingt dann eine Flöte (fabelhaft sinnlich bedient von Katalin Stefula) über zwei Kontrabässen und vier Celli bisweilen recht einsam.

Aber es gibt auch den gegenteiligen Effekt: Stützen zwei Klarinetten sanft die entrückten Linien von „In Liebe will mein Heiland sterben“, geht deren körperlose Zärtlichkeit besonders tief unter die Haut. Gleiches gilt für die nicht als Harmonie- sondern Effektinstrument eingesetzte Orgel, deren rabenschwarzer 32-Fuß im Schlusschor sparsam dosiert durch Mark und Bein fährt. Und wenn hier oder in den monumentalen Chören, die den zweiten Teil rahmen, den turbae oder im a cappella gesungenen Choral „Wenn ich einmal soll scheiden“ ein vergleichsweise großer Chor vor allem auf Emotion setzt oder wenn Sebastian Breuninger im grandios ausmusizierten „Erbarme dich“ jeden Ton zur Seele sprechen lässt, kann man schon nachdenklich werden angesichts der Wahrheiten, die uns in den letzten Jahrzehnten mit missionarischem Eifer verkündet wurden. Zumal die Struktur nicht leidet unter diesem anderen Musizieren: Die Substanz bleibt Bach. Nicht nur den Noten nach, sondern auch in ihrem Charakter, ihrem Wesen, ihrer Botschaft. Das geteilte Gewandhausorchester um die beiden Konzertmeister Breuninger und Conrad Suske lässt daran keinen Zweifel, die sensationellen Chöre von Mitteldeutschem und Norddeutschem Rundfunk schon gar nicht.

Von den Solisten verlangt die Faktur dieser Einrichtung nach größeren Stimmen als denen des Alte-Musik-Business. Da geht mit Michael Nagy, der sonst mit schönem Timbre Bachs Christus singt, auch schon mal Mendelssohns Elias durch, schiebt der ansonsten fein und weich geführte Tenor-Evangelist Benjamin Bruns der Arie auch mal einen Knödel unter, versucht Hallberg ihre eigenen Tempo-Vorstellungen durchzusetzen. Kleinigkeiten, die den tief bewegenden Eindruck kaum schmälern. Zumal Peter Mattei bei aller Kraft einen fabelhaften Bach-Bariton führt und Panajotis Iconomou als Hohepriester und Pilatus ebenso überzeugt wie die Solisten aus beiden Chören. Nur der unsaubere Sopran-Tremor Martina Hankovás lässt wenig Freude aufkommen – was doppelt schade ist, weil sie einige der intensivsten Arien zu singen hat.

Doch selbst dies weiß Pinnock einzubetten in seine Passionserzählung aus einem Guss. Die romantisch ist, nicht weil Mendelssohn kürzte und uminstrumentierte, sondern durch seine dynamischen und Phrasierungs-Einträge in den originalen Notentext: Durch Betonungen und Steigerungen setzt er moderne Emotion an die Stelle barocken Affektes. Unseren Hörgewohnheiten kommt er damit ziemlich nah. Vielleicht sogar den Intentionen Johann Sebastian Bachs – wer kann das schon wissen.

Das ist die eigentliche Botschaft dieser Passion nach Matthäus nach Mendelssohn: Er durfte, wofür heutige Kollegen kurzerhand geteert und gefedert würden. Nicht, weil er musste, sondern weil er es konnte. Und eine historisch genauestens informierte Aufführung dieser unvergleichlichen Musik kann weiter von Bach entfernt sein als diese. Keine schlechte Ausbeute schon am Anfang des Bachfestes 2016. Das Publikum sieht es offenkundig ähnlich: Die meisten der Halskranken der letzten Wochen kommen in den Genuss einer Spontanheilung, und der Jubel ist um kurz vor elf erheblich bis erstaunlich – im nach der Pause allerdings deutlich leereren großen Saal des Gewandhauses.

Am 16. Juni, 20 Uhr, stellt John Eliot Gardiner den historisch korrekten Gegenentwurf zu dieser Matthäus-Passion vor. Das Konzert ist ausverkauft.

Von Peter Korfmacher

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