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Triebabfuhr in exotischem Ambiente

Triebabfuhr in exotischem Ambiente

Jede Oper Giacomo Puccinis hat ihren eigenen Ton. Und der von "Madama Butterfly" ist herber, als die Hörgewohnheit es will. Ein flüchtiger Blick aufs unter dem Daumen entlang gleitende Partitur-Kino zeigt bereits: Diese Oper lebt nicht von der Glut der Streicher, gleichwohl sie noch immer in kühnen Spreizungen die Melodie stützen und färben und tragen.

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Eine Welt zerbricht: Karah Son als Butterfly im Bühnenbild Frank Philipp Schlößmanns.

Quelle: Volkmar Heinz

nd färben und tragen. Puccinis sechstes Bühnenwerk prunkt vor allem im Holz, im synkopischen Pumpen der Mittelstimmen, die den authentisch japanischen oder grandios erfundenen Exotismen dieser Oper Kraft verleihen, Wahrhaftigkeit - und Modernität. Dass dies so deutlich zu hören ist, "Butterfly" aufschließt zu Strauss' ein Jahr später erst uraufgeführter "Salome", ist die Sensation der Neuproduktion dieses Hits an der Oper Leipzig, die am Samstagabend vor ausverkauftem Haus ausführlich bejubelt Premiere feierte.

Anthony Bramall räumt am Pult des Gewandhausorchesters um Konzertmeister Frank-Michael Erben gründlich auf mit dem Klischee vom Rührstück, das vor allem die Taschentücher des Publikums ins Auge fasst. Die subtile Magie dieses Orchesterklangs ist nicht nur auf Augenhöhe mit den Zeitgenossen, sie verkörpert die Avantgarde der ersten Jahre des 20. Jahrhunderts. Obschon Puccini als Ausrede für die Kühnheiten seiner Oper einen Fernen Osten bemüht, den es so natürlich nie gegeben hat. Bramall leuchtet mit präzise forderndem Schlag tief hinein in die einzigartige Partitur, treibt ihr die Sentimentalitäten aus, gibt dem Kitsch keine Chance - und bleibt dennoch der Emotion verpflichtet und der Schönheit. Vor dem Hintergrund dieser skrupulös-disziplinierten Musizierhaltung entfalten selbst die heikelsten Momente, der Summchor am Ende des zweiten, das Vogelzwitschern zu Beginn des dritten Aktes, ihren Zauber ohne Reue.

Karah Sons ätherischer Sopran braucht in der Titelpartie ein wenig, um seinen schlackenlosen Glanz zu entfalten. Doch alsbald erhält ihr Porträt einer 18-Jährigen, die, verlassen vom geilen Yankee, den sie aufrichtig liebte, keinen Ausweg sieht als den Freitod, die sinnliche Wucht der Puccini-Heroine. Da wird hinter den schönen Tönen eine tödlich verwundete Seele sichtbar. Ihre Emphase im Duett des ersten Aktes, die naive Schwärmerei des Mozart-Reflexes "Scuoti quella fronda di ciliegio" im zweiten, Cio-Cio-Sans Entschlossenheit zum Äußersten über der im Schmerz sich selbst auslöschenden Musik im dritten, sie rühren ans Herz. Nicht obwohl die bezaubernde Son all die Manierismen meidet, die sich in gut 100 Jahren wie Mehltau über die Partie gelegt haben, sondern weil sie es tut. Keine Cio-Cio-San für den schnellen Erfolg, sondern eine, für lange nachhallende Erschütterung.

Ähnlich verhält es sich - bei umgekehrten Vorzeichen - mit Gaston Riveros, ihrem Ehemann auf Zeit, respektive Käufer. Rivero lässt mit seinem hellen, kraftvollen, bisweilen kalten Tenor-Strahl auch klanglich keinen Zweifel daran zu, dass er nichts im Sinne hat als die Lust seiner Lenden. Dieser Benjamin Franklin Pinkerton ist nicht nur der gedankenlose Liebhaber, dem man so oft begegnet. Er tritt vom ersten Ton an auch musikalisch die Kultur mit Füßen, in die er da hineingeraten ist. Dass dieser selbstgefällige Soziopath am Ende noch einmal in verlogenem Selbstmitleid das blumige Asyl besingen darf, das er zertrat, adelt mit Riveros zynischem Schmelz sogar die dramaturgisch unbefriedigende Fassung mit finaler Tenor-Wallung. Folgerichtig lässt Pinkerton am Ende Butterflys Kind (Aino Pursio), die Frucht seiner Triebabfuhr im exotischen Ambiente, vor dem Fernseher zurück.

Mathias Hausmann zeigt als warm timbrierter Konsul Sharpless, dass auch unter dem Sternenbanner mitfühlende Menschen leben, Keith Boldt als spitz intonierender Mädchenhändler Goro, dass das Land der aufgehenden Sonne im Gegenzug viel von der Geschäftstüchtigkeit der schönen neuen Welt gelernt hat. Susanne Gritschneiders Suzuki besticht mit sonorer Empathie, und von Martin Petzolds würdevollem Yamadori bis zum von Alessandro Zuppardo trotz einiger Timing-Probleme im ersten Akt fabelhaft präparierten Chor bleiben keine Wünsche unerfüllt.

Dazu erfand Frank Philipp Schössmann sprechende Bilder von großer Kraft. Holzschnittartig konfrontiert er die Welt des alten Japan, von den Kostümen Sven Bindseils als folkloristisches Relikt einer längst überformten Identität entlarvt, mit den Verheißungen der Moderne zwischen Mobiltelefon und Fernseher. Im Liebesduett des ersten Aktes nähert sich die Idylle des Papier-Palais dem Himmel an. Im zweiten, da hat sich rechts Butterfly in US-Blütenträumen eingeigelt, gerät sie in Schieflage, um im dritten zu zerbrechen. Subtil ist das nicht, funktioniert aber bestens.

Allerdings fängt Regisseur Aron Stiehl zwischen der zynischen Menschenschacherei der ersten Szene und der bewegenden Grausamkeit der letzten auf zu weiten Strecken zu wenig damit an. Ausgerechnet Butterfly lässt er allzu oft allein im Regen stehen, vor allem im zweiten Akt, in dem die kindliche Geisha zur tragischen Heroine reift. Dass in der Folge trotz der überwältigend schönen Musik über knapp drei Bruttostunden im Publikum deutlich mehr gehustet wird als geweint, zeigt deutlich, dass Stiehl weitaus tiefer hätte schürfen können. Gerade weil Bramall am Pult so sensibel und ernsthaft mit dieser Oper umgeht. So aber bleibt eine szenische Kulinarik in Erinnerung, mit der man nichts falsch macht.

Das spiegeln die Reaktionen des Publikums recht präzise wider: Jubel für die musikalischen Protagonisten, enthemmt für Son, Hausmann, Gritschneider sowie Bramall und das Orchester. Freundliche Duldung fürs Inszenierungsteam.

Vorstellungen: 22., 28.3., 11., 18.4. (mit LVZ-Opernclub), 23.6.; Karten (15-68 Euro) im LVZ Media Store in den Höfen am Brühl, in allen LVZ-Geschäftsstellen, über die gebührenfreie Tickethotline 0800 2181050, auf www.lvz-ticket.de, an der Opernkasse oder unter Telefon 0341 1261261.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 16.03.2015
Korfmacher, Peter

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