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Turm-Regisseur Wolfgang Engel im Interview: Kein Urteil über den DDR-Alltag

Turm-Regisseur Wolfgang Engel im Interview: Kein Urteil über den DDR-Alltag

Es wird mit Sicherheit eine der spannendsten Inszenierungen der neuen Spielzeit, wenn das Staatsschauspiel Dresden Uwe Tellkamps in der Stadt durchaus kontrovers diskutierten Roman „Der Turm" auf die Bühne bringt.

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Wolfgang Engel hatte bei seiner „Turm“-Inszenierung „ein Déjà-vu-Erlebnis nach dem anderen“.

Quelle: Wolfgang Zeyen

Der Stoff passt offenbar genau ins Konzept von Intendant Wilfried Schulz, der die oft verfeindeten „Parteien" in der Stadt ins Gespräch bringen und die Fronten aufbrechen will. Zwischen den Proben sprach Tomas Petzold mit Regisseur Wolfgang Engel.

Frage: Was hat Sie darauf gebracht, sich dieses Themas, dieses Stoffes, des „Turms" anzunehmen?

Wolfgang Engel: Ich habe ihn ja nicht bearbeitet. Die Rechte, den Roman zu vertheatern, hatte das Staatsschauspiel Dresden sich gesichert. Jens Groß, der Dramaturg des Hauses hier, und Armin Petras haben eine Fassung gemacht, und Armin Petras meinte, es wäre gut, wenn ich das inszenieren würde - so ist das entstanden. Wilfried Schulz hatte mir schon vorher angeboten, hier zu inszenieren, und da habe ich mich sehr gefreut, denn nach dem „Wilhelm Tell" wollte ich gerne wieder etwas machen. Und dann wurde es also „Der Turm".

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Dohma. Uwe Tellkamps preisgekrönter Roman „Der Turm“ soll Ende 2012 im Ersten als Zweiteiler ausgestrahlt werden. „Die Idee wird Wirklichkeit“, sagte MDR-Fernsehdirektor Wolfgang Vietze am Dienstag bei den Dreharbeiten auf Schloss Cotta bei Pirna. Der Film wird im Auftrag der Dreiländeranstalt von TeamWorx produziert. Bis Dezember sind 50 Drehtage geplant.

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Also haben wohl die lange Zusammenarbeit und die gute Erfahrung mit Petras eine besondere Rolle gespielt?

Ja, dass es mir jetzt solchen Spaß macht, hier zu arbeiten, hat damit zu tun, dass beide Schreiber - und die Arbeit von Jens Groß ist nicht zu unterschätzen - die Atmosphäre, die Stimmung des Buches total eingefangen haben. Man sucht ja gleich nach Defiziten, wenn die Fassung eines solchen Tausend-Seiten-Romans aus hundert Seiten besteht. Ich finde, dass die Fassung eine sehr strenge ist, aber eine, die die Endzeit der DDR sehr gut einfängt.

Wobei man das Buch ja atmosphärisch über eine längere Zeitspanne verstehen kann als nur für die, in der sich die Handlung abspielt. Es kommen ja eigentlich immer Dinge mit, die aus den 60ern stammen und in gewissem Sinn auftransplantiert wurden.

Natürlich beschreibt das Buch Wurzeln. Wo kommen wir her, was tragen wir mit uns herum. Das geht ja so weit, dass zum Schluss bei einem Mann wie Altberg, dem Schriftsteller, noch einmal dessen Erlebnisse im Zweiten Weltkrieg eine Rolle spielen. Ich finde insgesamt, dass es ein sehr positives Buch ist, und verstehe gar nicht, dass es manche total ablehnen, es für ein negativ geschriebenes Buch halten. Denn dieser Hauptzug der Leute vom Weißen Hirsch, dass sie sich Altem zuwenden, hat immer etwas damit zu tun, dass sie eine Sehnsucht haben nach einem Leben in Reichtum, Humanismus, Schönheit, Kultur... Der Bildungsbürger spielt eine Rolle, und dies alles finden sie in der DDR nur im Alten. Das ist nicht von vornherein ein rückwärts gewandter Zug von Menschen, sondern hat etwas mit gesellschaftlichem Verhalten zu tun, und das finde ich ganz spannend. Natürlich entsteht dabei auch Dünkel. Es ist ja nicht so, dass wir alle gute Menschen sind, sondern wir sind unvollkommen in unseren Ansprüchen und maßlos, halten uns für die Besten...

Wenn man auch den ebenfalls aus Dresden stammenden Ingo Schulze gelesen hat, kann man schon auf die Idee kommen, dass es sich hier um Dekonstruktionen der eigenen Biografien handelt. Für mich gibt es zwei Fragen, die bei der Beschäftigung mit dieser Vergangenheit zunehmend auseinanderdriften. Die eine lautet „Was war die DDR?", die andere „In welcher Zeit haben wir gelebt?" Müsste die DDR, indem sie sich immer weiter entfernt, nicht Platz machen für eine größere Perspektive?

Über die Frage „Was war die DDR?" würden wir hier noch in vier Wochen sitzen und diskutieren. Ich finde, dass über den Alltag eines DDR-Bürgers nach der Wende überhaupt nicht gesprochen wurde, sondern das hat sich alles nur aufgedröselt in irgendwelchen Thesen und Überschriften. Ich werde mich hüten, ein Urteil über diesen Alltag zu fällen, weil der so unterschiedlich aussah bei den verschiedensten Leuten. Ich kann Defizite beschreiben oder wo ich, der ich mich für einen aufgeklärten Menschen halte, entdeckt habe, was für einen Schaden ich an meiner Seele genommen habe. Ich denke, nur so wird etwas daraus. Ich erlebe im Moment etwas Wunderbares mit den Schauspielern, die die DDR aus einer anderen Perspektive betrachten. Das sind Schauspieler, die die DDR wie ihre Westentasche kennen, das sind Schauspieler aus dem Westen, die überhaupt nichts von DDR wissen, und es sind junge Leute, für die ist DDR einfach nur Vergangenheit. Ich habe gesagt: „Lasst uns auch miteinander Spaß haben sechs Wochen lang, einfach darüber zu reden." Es funktioniert hervorragend. Wir streiten uns, weil die Blickwinkel ganz unterschiedliche sind, und insofern kann ich die Frage von Ihnen so einfach nicht beantworten.

Wenn man von deutschem oder gar europäischem Alltag sprechen und die Übereinstimmungen und Unterschiede sehen würde, wäre das wohl auch interessant. Was Sie sagen, erinnert mich aber auch daran, wie Sie schon früher Schauspieler mit ihren Biografien konfrontiert haben, um damit herauszuholen, was an dem jeweiligen Stück für uns wichtig sein könnte. In dem Roman scheint mir allerdings vieles so stark verfremdet, dass dies für Uneingeweihte nicht mehr aufzulösen st. Gibt es genügend Anker, wenn man ansonsten der Fantasie freien Lauf lässt?

Die Hauptfiguren haben fiktive Namen, Nebenfiguren, Nebenschauplätze sind real. Das ist völlig uninteressant. Ich habe nicht eine Sekunde beim Lesen versucht, mir zu vergegenwärtigen, wie sich der Weiße Hirsch zusammensetzt...

Es gibt diese implantierte Machtzentrale, die eigentlich außerhalb von Dresden liegt...

Es ist wie Atlantis, die Geschichte eines versunkenen Landes, und da kommt mir der Komplex, den Tellkamp von der Erdkunde her beschreibt, vor wie Atlantis, das untergeht. Da gibt es diesen Komplex der Bürger, diesen Komplex der Politik, den der Stasi, und das alles zusammen ist ein Land. Ich habe nie auch nur im Ansatz überlegt, wo könnte was liegen. Ich meine mit dem Verhältnis von Dichtung und Wahrheit eigentlich etwas Schlichtes, nämlich dass man verführt wird, das Buch als eine Art Gebrauchsanleitung zu lesen.Das ist der Fehler. Wichtig ist: Wie reden die Leute miteinander, was reden die Leute miteinander. Was ist das für ein Gebilde von Schriftstellern. Es ist völlig uninteressant, dass er sich an Hacks orientiert hat bei Eschschloraque. Aber es ist wichtig, dass der ein Stalinist übelster Sorte ist, der seinen Sohn ans Messer liefert. Mit Fühmann hat dieser Altberg vielleicht gemein, dass er auch in der SA war... Ich würde nie sagen, der Autor ist Christian, entscheidend ist, dass mit ihm eine Figur gezeigt wird, die ganz langsam von ihren Sehnsüchten so gebrochen wird, dass sie am Schluss das Maul hält, ein Niemand, nichts mehr ist. Und das ist eine so wahre DDR-Geschichte... Die Geschichte wird erzählt auch über Klischees, über unbestreitbare Tatsachen in ihrer schlimmsten Ausprägung. Ist es das, womit man der historischen Wahrheit am nächsten kommt?Da geht es ja schon wieder los, halten wir dasselbe von dem, was wir gemeinhin historische Wahrheit nennen? Ich kann mich aus meiner Erfahrung und meiner Biografie heraus zu dem Text dieses Romans ins Verhältnis setzen. Das tue ich und ich habe ein Déjà-vu-Erlebnis nach dem anderen. Mit dem Text und mit den Figuren, obwohl ich die alle gar nicht kenne. Es gibt ja sogar Anleitungen dazu -wie weit taugt Ihrer Meinung nach das Buch als Schlüsselroman?Da bin ich auch vorsichtig. Es ist ein Teil von Dresden, den Tellkamp da beschreibt. Vom Theater, davon wie sich die ganze Stadt in den 80ern mit Theater beschäftigt hat, erzählt er nicht, auch die wichtige Rolle, die kirchliche Einrichtungen in den 80ern spielten, wird so gut wie überhaupt nicht erwähnt oder nur am Rande. Das ist aber auch akzeptiert. Er beschreibt einen Komplex, den er kennt, nämlich das Milieu der Ärzte, der Intellektuellen, des Bildungsbürgers, und wie diese Klientel versucht, sich nicht unterkriegen zu lassen. Dass der Dresdner, weil es halt in Dresden spielt, sich besonders angesprochen fühlt, verstehe ich durchaus, aber das ist nicht die Geschichte, die ich erzählen will. Tun Sie das in erster Linie aus der Perspektive eines Anti-Helden, der von Christian?Wir zeigen den ersten der drei Teile als ein Panorama, haben alles das, was so große Versammlungen sind - der Urania-Vortrag, der 50.Geburtstag von Richard, der Schriftstellerkongress - zu einer einzigen zusammengefasst, und es gibt genügend Räume auf der Bühne, wo Einzelgespräche stattfinden, in denen es darum geht: Was wusste man voneinander, wie versuchte man rauszukriegen, wie der andere denkt, alle diese verschachtelten Wege... Für den zweiten Teil wird dann die Geschichte von Christian immer bestimmender, aber trotzdem wird das Panorama nicht verlassen. Ich will aber mit meinen Schauspielern auf die Reise gehen, nicht etwas abbilden, was fertig ist. Und in der Machart so, dass man darüber ins Gespräch kommt über das eigene Leben.

Tomas Petzold

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