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"Twittern aus Not“ - Blogger und Journalisten fragen in Berlin nach der digitalen Revolution

"Twittern aus Not“ - Blogger und Journalisten fragen in Berlin nach der digitalen Revolution

„Die Revolution haben wir uns anders vorgestellt" war das Motto eines Medienkongresses, zu dem die Tageszeitung und die Wochenzeitschrift Der Freitag für das Wochenende ins Berliner Haus der Kulturen der Welt geladen hatten.

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Gefragt wurde nach der Zukunft des Journalismus. Häufigste Antwort: "Wir wissen es noch nicht."

Quelle: Janina Fleischer

Berlin. Um die Aufstände in arabischen Ländern sollte es gehen, um Wikileaks und nicht weniger als die Zukunft des Journalismus. Der am häufigsten gehörte Satz: „Wir wissen es noch nicht."

Scharf pfeift der Wind um die Ecken. Von rechts schiebt sich eine Spitze des Kanzleramtes heran, an der Anlegestelle wartet ein Dampfer auf Touristen. Doch am Samstagmorgen laufen nur ein paar Jogger vorbei. Zwei Kaninchen schlagen sich in die Büsche. Im Haus der Kulturen der Welt, dem idealen Ort für geistige Weitflüge, trudeln die Kongressteilnehmer ein - mit Augenringen und Verlangen nach einem Kaffee. Den gibt es, biologisch angebaut und fair gehandelt, schon vor dem Eingang. Und die Hände wärmt er auch.

Drinnen geht es seit Freitagabend in fünf Sälen und einem Café um die mediale Revolution und ihre Folgen und dabei auch um eine Zunft, deren Zukunftsfähigkeit zuletzt vor allem mit Twitter-fernen Hauptstadtjournalisten in Verbindung gebracht wurde. Hier bleibt der Spott im Rahmen. Das Internet nicht nur zu nutzen, sondern auch dessen Schattenseiten auszuleuchten, ist aufwendiger, als einen Konsens zu finden, dass Facebook Gefahren birgt und im analogen Zeitalter nicht alles schlecht war.

Bernd Scherer, Intendant des Hauses, verweist auf China, das einerseits einen Ort bietet für die Aufklärungs-Ausstellung deutscher Museen und gleichzeitig einen anderen, ungleich größeren Raum kontrolliert: das Internet. Natürlich müsse jede Revolution zuerst im Kopf stattfinden, doch sie brauche auch Wege der Verbreitung.

Das, wie Freitag-Verleger Jakob Augstein es nennt, „retrofuturistische Motto" zu füttern, auf dass daraus Wissen wachse, spricht Evgeny Morozov in seinem Eröffnungsvortrag über Erfahrungen mit autoritären Regimen und einen großen Irrtum. „Wir dachten, dass das das Internet den Dissidenten nutzen würde und nicht den Regierungen", sagt der Journalist, Blogger, Medienwissenschaftler („The Net Delusion": The Dark Side of Internet Freedom"). Doch Realität ist das Sperren, Zerstören, Sabotieren von Seiten, auf denen Proteste organisiert, Informationen verbreitet werden. Die Online-Welt, sagt er, lasse sich leicht manipulieren.

Unternehmen wie Google oder Facebook müssten darum genauso kritisch betrachtet werden, „wie wir das mit Erdölunternehmen machen", so Morozov. Viele Probleme seien nicht technologischer, sondern politischer Art. Er warnt vor einer Parallelwelt, in der Aktivisten im Netz die Proteste verfolgen, statt auf die Straße zu gehen. Und von dort zu berichten, etwa via Twitter, wie Lina ben Mhenni und Mona Seif es in Tunis und Kairo getan haben. Diese Öffentlichkeit, ihre Bekanntheit schütze sie, sagen beide. Für den irakischen Journalisten Dana Asaad sind Blogger „hilfreich", weil sie aus Regionen berichten, in die er nicht vordringen kann. Zudem seien sie Multiplikatoren.

Ihre Stimme zu verbreiten, appelliert auch die kubanische Bloggerin Yoani Sánchez (Generation Y), die kein Visum bekommen hat und in einer Video-Botschaft erzählt: „Das Internet erlaubt und all das, was auf den öffentlichen Plätzen Kubas verboten ist. Wir twittern aus Not. Nicht aus Frivolität." Den Erfolg der rund 200 alternativen Blogger in ihrem Land erklärt sie mit der horizontalen Struktur der Szene. „Es gib keinen Anführer, keinen Kopf, den man abtrennen könnte."

Anders als bei Wikileaks. Die Enthüllungsplattform ist indirekt durch Aussteiger Daniel Domscheit-Berg vertreten. Der bestätigt einen kulturellen Wandel im Beschaffen und Bereitstellen von Informationen, fordert jedoch mehr Verantwortung und Transparenz. „Die meisten Menschen wissen nicht, wie sie mit rohen Informationen umgehen, wie sie sie in einen Kontext stellen, wo sich weiter informieren sollen."

Immer geht es um Macht. Auch darum haben nicht nur in Ägypten, Tunesien oder im Irak die Technologien nach der sozialen längst politische Dimensionen. Eine Entwicklung, die in Deutschland zögernd öffentlich debattiert und ernstgenommen wird. Es sollte über eine Art Unterrichtsfach nachgedacht werden, regt Ex-Bunte-Chefin Beate Wedekind am Rande an. Der Wissenschafts-Journalist Ranga Yogeshwar ermuntert zu einem bewussteren Umgang mit Informations-Quellen. In seinem Vortrag „Zur Grammatik des medialen Apokalypseglaubens" fühlt er sich nicht nur wohl dabei, immer wieder Recht behalten zu haben. „Fakten sind das, womit Sie auf Dauer wirklich etwas bewegen."

Und es muss bei aller Begeisterung über technische Möglichkeiten eine Haltung dazu postuliert werden, die ethisch-moralische Grundsätze einfordert. Ein Anspruch, der mit Jugend allein nicht zu erfüllen ist. „Der Nerd funktioniert nur, wenn er um sich ein Team hat, das ihn nach außen verständlich macht", sagt Mercedes Bunz vom Guardian. Während Emily Büning, Jahrgang '85 und Bundessprecherin der Grünen Jugend, geistiges Eigentum als „Mist" empfindet, wird der 1978 geborene Podcaster Max Winde gern zitiert als Urheber des Satzes: „Ihr werdet euch noch wünschen, wir wären politikverdrossen."

Es gehen also hierzulande nicht alle nur mit dem Ziel auf die Straße, sich ein neues iPhone zu kaufen. Das hat der Kongress ebenso bestätigt wie, dass eine Revolution nicht automatisch zum Besseren führt, dass in diesem Umbruch weder Ost- noch Westkompetenzen Vorteile verschaffen, dass viele Antworten ausstehen. Sicher ist: In den Twitter-Charts vom Samstag fand nur Bohlens DSDS noch mehr Interessenten als der Kongress.

Janina Fleischer

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