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Über kulturelle Gräben: Monika Gintersdorfer erhält Neuber-Preis

Leipziger Auszeichnung Über kulturelle Gräben: Monika Gintersdorfer erhält Neuber-Preis

Die Theaterregisseurin Monika Gintersdorfer ist mit dem Caroline-Neuber-Preis 2016 der Stadt Leipzig geehrt worden. Sie erhielt die mit 10 000 Euro dotierte Auszeichnung am Samstag im Schauspiel Leipzig. Gintersdorfer brachte zusammen mit Knut Klaßen einen deutsch-ivorischen Popkultur-Clash auf die Bühne.

Deutsch-ivorischer Popkultur-Clash: „Not Punk, Pololo“.
 

Quelle: Knut Klaßen

Leipzig.  Die Lobpreisung erklimmt pathetische Gipfellagen. Monika ist die Größte. Und die Beste. Und: „Wer nicht auch von ihr besessen ist, der hat kein Herz.“ Gemeint ist Monika Gintersdorfer, Regisseurin und Gewinnerin des diesjährigen Caroline-Neuber-Preises, mit 10 000 Euro dotierter Theaterpreis der Stadt Leipzig. Gesagt hat es Laudatorin Nadine Jessen bei der Preisvergabe am Samstagabend im Schauspiel Leipzig. Und dass ihre Sätze des Überschwangs in den Ohren des Publikums befremdlich klingen, ist wohl kalkuliert. Jessen leuchtet damit in den kulturellen Graben zwischen Deutschland und der Elfenbeinküste. In der Elfenbeinküste seien, so Jessen, solcherlei Lobreden normal. Die Laudatio mitteleuropäischer Prägung hingegen verlangt eine andere Tonart.

Auch die trifft Jessen. Pointiert verdeutlicht sie, worum es im Schaffen Monika Gintersdorfers geht: Um das Sichtbarmachen, Ausloten und Überbrücken solcher kultureller Gräben, um das durchaus konfrontative Ringen verschiedener Sichtweisen, die nebeneinander bestehen dürfen. Teilweise unvereinbare Positionen der Performer werden „nicht wegharmonisiert“.

Popkultureller Zusammenstoß

Seit über zehn Jahren arbeitet Gintersdorfer mit ivorischen und deutschen Performern, die ihre eigenen Lebensgeschichten und Prägungen mitbringen. Hier treffen nicht nur Darsteller, hier treffen immer Menschen mit ihren Erfahrungswelten und Bezugsgrößen aufeinander. In „Not Punk, Pololo“, die Inszenierung, die das Regie-Duo Monika Gintersdorfer und Knut Klaßen zur Preisverleihung mitbrachte, führt das zum getanzten popkulturellen Zusammenstoß. Energiegeladen, kraftvoll und immer wieder humorvoll gebrochen.

Nicht tänzerische Perfektion, tänzerischer Ausdruck, die zur Schau gestellte Attitüde sind zentral. „Ich habe Menschen über die Klinge springen lassen“, singt einer der schwarzen Tänzer. Im Dienst der Politik stand er auf der Seite des Bösen. Gott habe sein Leben verändert. Religion blitzt also auch auf in der sonst auf Kriminellen-Habitus basierenden Inszenierung. John Pololo hieß der legendäre ivorische Gangster, der ab den 80er und 90er Jahren zum Vorbild für die ivorische Subkultur wurde. Analog zur Kultur des amerikanischen Gangster-Raps mit dominant aggressivem Verhalten, Schläger-Attitüde und Zugehörigkeits-Ritualen. Alles streng durchcodiert. Hier begleitet von live eingespielter vor allem elektronischer Musik. Fast beiläufig gegen die Gangster-Pose gesetzt, deutet eine weiße Tänzerin am Rand Tanzschritte vor der Spiegelwand an.

Inspiriert ist der Abend von den Varietoscopes, den in der Elfenbeinküste beliebten Tanzshows. Aber es geht eben nicht um Tanz-Exotik. Die Hermetik wird aufgebrochen. Durch Übersetzung der französischen Gesänge. Und ein Darsteller erklärt Hintergründe, kommentiert – und macht zugleich mit einiger Komik und Verweisen auf deutsche Popkultur-Debatten und Dietmar-Dath-Zitaten deutlich, dass er sich damit aufs Glatteis begibt. Inwieweit ist Eindeutigkeit in der Verständigung möglich? Wie verschiebt sich die Aussage von Symbolik durch die Einbettung in neue Kontexte? Die Frage schimmert im Tanz immer durch.

Überzeugende Balance

Als Gegenpol setzt die Inszenierung die Techno-Bewegung der 90er Jahre. „Es geht um den Beat und der Beat hat keine Botschaft“, sagt eine Tänzerin. Und „Techno ist omnipräsent. So wie Gott.“ Die Love-Parade lässt grüßen

Insgesamt überzeugt die Balance. Der Abend verheddert sich nicht im Diskurs, er überlässt sich immer wieder der Musik und dem Tanz. Und er thematisiert den Theaterraum selbst, reißt symbolisch die Wand zwischen Publikum und Bühne ein, lädt zum Mittanzen. Auch wenn sich darauf aus dem Publikum niemand einlassen will.

An „Not Punk, Pololo“ überzeugt, was die Jury generell am Werk Gintersdorfers schätzt: „ein nachhaltiger, transkultureller Austausch auf Augenhöhe.“ Der Neuber-Preis wird alle zwei Jahre vergeben und bezieht sich auf die Theaterreformerin Friederike Caroline Neuber, die im 18. Jahrhundert für regelmäßige Erneuerungen des Genres sorgte. Für Neuerungen steht auch Gintersdorfer. Jessen sagt das in der Laudatio so: „Du bringst die Prise Regelbruch mit, die der Theaterapparat braucht.“

Von Dimo Rieß

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