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Überdreht, überzeichnet, absurd

Am 8. Oktober feiern in der Musikalischen Komödie Gilbert & Sullivans „Piraten von Penzance“ Premiere Überdreht, überzeichnet, absurd

Eine Entdeckung in Lindenau: In Leipzigs Musikalischer Komödie feiern „Die Piraten von Penzance oder Der Sklave der Pflicht“ des britischen Erfolgsduos Gilbert & Sullivan Premiere. Regie führt Cusch Jung, am Pult steht Tobias Engeli, Erster Kapellmeister am Haus Dreilinden.

Der Dirigent Tobias Engeli.

Quelle: Kempner

Leipzig. „... und dann kommen Frauen, also die Töchter des Generals. Frederic kennt ja nur seine Amme, und die ist viel älter als er ...“ Tobias Engeli gibt auf. Nach sieben sehr langen Sätzen ist er noch immer im ersten Akt, mithin kann der Versuch, in zwei Sätzen die Handlung von „Die Piraten von Penzance oder Der Sklave der Pflicht“ zusammenzufassen, als gescheitert gelten. „Aber“, sagt Engeli und grinst dabei breit, „das ist alles gar nicht so wichtig. ,Die Piraten’, das ist einfach ein gewaltiger Spaß, überdreht und überzeichnet und absurd.“ Und staunenswert erfolgreich. Denn die Komische Operette in zwei Akten des britischen Duos Arthur Sullivan und William Schwenck Gilbert ist im angelsächsischen Raum ein Garant für volle Häuser. Die letzte Inszenierung am Broadway brachte es auf rund 800 Vorstellungen. In der MuKo steht sie ab Samstag auf dem Spielplan, dirigiert von Tobias Engeli, seit 2014 Erster Kapellmeister am Haus Dreilinden, und inszeniert vom Chefregisseur Cusch Jung.

Es ist die erste ,Piraten’-Inszenierung am Haus, das doch eigentlich genau für dieses Genre steht. Überhaupt: Gilbert und Sullivan kommen nicht vor im Haus Dreilinden. Vor Urzeiten gab es mal eine Produktion des „Mikado“, an die sich kaum noch jemand erinnert in Lindenau. Das war’s. Dabei gehören die 14 Bühnenwerke, die der Komponist Arthur Sullivan und der Librettist William Schwenck Gilbert zwischen 1871 und 1896 gemeinsam schufen, zum Witzigsten, was das Genre zu bieten hat. Und musikalisch sind Stücke wie „Der Mikado“, „HMS Pinafore“, „Ruddigore“ oder eben „Die Piraten von Penzance“ von 1879 ebenfalls Perlen der Gattung – auf Augenhöhe mit den Werken Offenbachs, die übrigens auch befremdlich selten geworden sind im Haus Dreilinden.

Wobei das mit der Gattung so eine Sache ist. Denn für jedes Gemeinschaftsopus ließen die beiden sich eine neue einfallen. Im Falle der „Piraten“ lautet sie „An Entirely Original Comic Opera“, eine vollständig originale komische Oper also, was die deutsche Übersetzung „Komische Operette“ nur unzureichend widerspiegelt.

Ohnehin ist die Übersetzung ein Problem. Denn die hanebüchene Story von den ehrenhaften Piraten, den unwilligen Polizisten, dem gemütlichen General und seinen zahlreichen Töchtern lebt ebenso vom Wort- und Sprachwitz wie die quirlende Musik von der Sprache gezeugt ist. Doch Tobias Engeli legt für die Übersetzung von Inge Greiffenhagen und Bettina von Leoprechting seine Hand ins Feuer: „Die Pointen sitzen, der Sprachwitz funktioniert, die Stilhöhe stimmt.“ Jetzt müssen nur noch die Sängerinnen und Sänger der Musikalischen Komödie diesen Spaß so über die Rampe bringen, dass man wirklich jedes Wort versteht. „Das ist“, sagt Engeli, „das A und O bei einem solchen Stück, und es ist nicht ganz einfach herzustellen, zumal in dieser Produktion auch die Tänzerinnen des MuKo-Ballets viel und Anspruchsvolles zu singen haben. Aber Sullivan hilft uns sehr dabei. Er war wirklich ein Könner: Seine Instrumentation ist luftig und leicht und hält gebührenden Abstand von den Gesangslinien.“

Was das Orchester der Musikalischen Komödie vor ungewohnte Herausforderungen stellt. „Normalerweise spielen wir hier neuere Musik, robustere – abgesehen vielleicht vom ,Wildschütz’. Aber den kennt immerhin jeder, während ,Die Piraten’ für alle Beteiligten Neuland sind.“

Analog zum Ballet, das singen muss, beschäftigt Jung als Choreograph auch den Chor tänzerisch noch mehr als in bisherigen Produktionen am Haus, um auf der Bühne die Bewegung zu erzeugen, von der die Partitur lebt. „Tempo“, sagt Engeli, „das Stück lebt vor allem vom Tempo. Das ist eine völlig andere Musik als die der populären Operetten der Silbernen oder der Goldenen Ära. Sullivan ist mit Schwelgen in satten Klängen oder weiten melodischen Bögen nicht beizukommen. Sie funktioniert eher wie Rossini, auch bei ihm ist Präzision alles.“

Rossini, Mozart, auch Schumann und Schubert waren die kompositorischen Hausgötter des Arthur Sullivan, dazu trat seine ausführliche Beschäftigung mit Alter Musik. All das findet sich in den „Piraten von Penzance“ wieder. Engeli geht so weit, von einem „stilistischen Potpourri mit Musik aus der Mitte des 19. Jahrhunderts“ zu reden – das gleichwohl nie in der Stilkopie steckenbleibt. Die Musik des Arthur Sullivan ist sofort als Musik des Arthur Sullivan zu identifizieren, ohne dass zu sagen wäre, wo genau er seine Visitenkarte zwischen die Notenlinien geklemmt hat. Und an der einzigen Stelle, an der das Stück still steht, wenn es ganz unverstellt um große Gefühle geht, im Duett zwischen Mabel und Frederic, schlägt Sullivan den Bogen zurück zum Barock. Engeli: „Da klingt dann auf einmal Purcell durch – und das versuchen wir auch so zu musizieren“.

Bleibt die Frage, was uns die Verwicklungen in einem Piratenlager an Englands Küste im viktorianischen Zeitalter angehen sollen. Die Frage allerdings findet Engeli falsch gestellt: „Piraten gab es damals auch längst nicht mehr, jedenfalls nicht an Englands Küste. Es geht hier um Parallelgesellschaften, die sich ganz naiv ihre eigenen Gesetze geben. Es gibt also tatsächlich Verbindungen zu unserer Zeit, in denen die Entstehung von Parallelgesellschaften ja durchaus als Gefahr gesehen wird. Aber so inszeniert Cusch Jung das nicht. Nur einmal schlägt der den Bogen ins Heute – ein großartiger Einfall, aber mehr möchte ich vorher nicht verraten. Ansonsten kann jeder im Publikum Parallelen ziehen oder auch nicht – wir setzen eher auf den unbändigen Spaß, den dieses Stück macht.“

Und darum ist Engeli auch zuversichtlich, dass „Die Piraten von Penzance“ an der MuKo funktionieren – gemeinhin ja nicht unbedingt der Ort für musiktheatralische Bewusstseinserweiterungen: „Die Handlung ist witzig, die Musik wunderbar – und Cusch Jungs Inszenierung spielt optisch mit den Klischees moderner Kino-Piraten, bedient also heutige Sehgewohnheiten. Da müsste ich mich schon sehr irren, wenn das kein Erfolg würde.“

„Die Piraten von Penzance oder Der Sklave der Pflicht“ in der Musikalischen Komödie Leipzig. Premiere Samstag, 19 Uhr, Vorstellungen: 9., 11., 15., 16. Oktober, 5., 6., 26., 27. November, 25. Dezember, 18., 19. Februar; Karten im LVZ Media Store in den Höfen am Brühl, in allen LVZ-Geschäftsstellen, über die gebührenfreie Tickethotline 0800 2181050, www.lvz-ticket.de, unter Tel. 0341 1261261 oder an den Kassen von Oper und MuKo.

Von Peter Korfmacher

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