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Übertanzen von Grenzen: Leipziger Kunstpreis "Europas Zukunft" für Taus Makhacheva

Übertanzen von Grenzen: Leipziger Kunstpreis "Europas Zukunft" für Taus Makhacheva

Der Kunstpreis "Europas Zukunft" geht an eine Frau, deren Name schon eine Herkunft aus einer exotischen Gegend vermuten lässt. Tatsächlich stammt Taus Makhacheva aus Dagestan.

Leipzig. Ihre künstlerischen Ausdrucksweisen sind aber ganz zeitgemäß, wie in der Ausstellung in der Leipziger GfZK zu sehen ist.

 Ein Mann stemmt sich gegen einen Felsblock, versucht verschiedene Methoden, ihn auszuhebeln. Auch wenn der gewaltige Klumpen beängstigend schräg auf einer Klippe sitzt, hat der vergleichsweise winzige Mensch keine Chance, ihn zum Absturz zu bringen. Das Dorf im Tal scheint noch sicher zu sein vor der potentiellen Katastrophe. Vorläufig.

 Was wie ein verfilmter Kalauer übermütiger Jugendlicher aussieht, hat symbolische Kraft. In dieser aus mitteleuropäischer Perspektive so abgelegenen Region sind die Traditionen nicht mehr so stabil, wie man vermutet. Manches gerät ins Wanken, anderes ist schon lange den Abhang herunter gegangen.

 Vor dem Hintergrund der Ereignisse in der Ukraine scheint die Entscheidung der Jury programmatisch, einen Preis mit dem Namen "Europas Zukunft" an eine junge Frau zu vergeben, die aus einer russischen Teilrepublik stammt, welche an Kaukasus und Kaspisches Meer grenzt, östlich von Tschetschenien liegt und wie dieses muslimisch geprägt ist. Die Zukunft Euros in Dagestan zu sehen, muss aus mitteleuropäischer wie auch russischer Sicht problematisch erscheinen.

 Die Biografie von Taus Makhacheva deutet mehr auf einen kosmopolitischen Charakter hin. Kunst hat sie zunächst in Moskau studiert, danach in London. Beide so unterschiedlichen Städte gibt sie als Wohnsitz an, englisch spricht sie so fließend wie russisch. Und Awarisch, eine der Hauptsprachen in der multiethnischen Republik Dagestan.

 Wichtigstes Ausdrucksmittel Taus Makhachevas ist das Video. Im Unterschied zu vielen Medienkünstlern, die das spezifisch Künstlerische in verwackelten, absichtsvoll ungekonnt wirkenden Aufnahmen sehen, bevorzugt sie handwerklich sauber gemachte Filme. Im Zusammenhang mit den Motiven, darunter die beeindruckende Bergwelt des Kaukasus, ergeben sich starke, einprägsame Bilder.

 Manche Streifen sind Loops simpler Vorgänge, wie dieser Versuch, den Felsen zum Absturz zu bringen. In "Carpet" wickelt sich die Künstlerin in einen auf grüner Wiese liegenden Teppich regionaler Machart immer wieder ein und aus. Manchmal sind es winzige Details, die das eigentliche Motiv in grandioser Szenerie ausmachen, so die Figur in "Walk", die auftaucht und dann hinter dem Kamm des Gebirges wieder verschwindet.

 Gamsutl ist der Name eines verlassenen Bergdorfes der Awaren und zugleich Titel eines Videos. In den wie eine Festung wirkenden Ruinen führt ein Mann rituell erscheinende Bewegungen aus, halb Tanz, halb asiatischer Kampfsport.Schließlich hält er ein altes Glasfoto des Ortes, der durch die sowjetische Politik forcierter Industrialisierung starb, passgenau vor den heutigen Zustand. Nostalgische Verklärung ist allerdings nicht Taus Makchatchevas Sache. Mit der Sammlung historischer Postkarten "Types de Caucase" dokumentiert sie das rassisch-konservative Potential angeblich wohlmeinender Ethnografie. Andererseits geht sie mit der Ambivalenz moderner Lebensformen auch ambivalent um, nicht pauschal verurteilend. In der aus zwei Fotografien und einem Video bestehenden Installation "The Fast and The Furious" wird sie mit einem vollständig mit Tierfellen beklebten, überdimensionalen Jeep zur aktiven Teilnehmerin ins Heutige transponierter Macho-Spielereien. Dass die Miliz das nächtliche Autorennen auf einer Ausfallstraße Machatschkalas, der Hauptstadt Dagestans, verhindert hat, ist dabei nebensächlich.Viel artifizieller, doch gleichermaßen den Spagat zwischen Tradition und Umbruch darstellend, ist das Video "A Space of Celebration". Der Raum, eine sogenannte Hochzeitshalle für hunderte Gäste, ist in stalinistisch bis orientalisch-neureichem Pomp ausgestattet. Noch ist er leer, doch zwei Gestalten, eine kugelrund, die andere konisch bespannt wie japanische Papierleuchten, treiben darin ein seltsames Spiel. Da könnte Matthew Barney Regieassistent gewesen sein.

 In dieser statt auf ein Entweder-Oder mehr auf eine neugierige Akzeptanz zwischen verschiedenen Lebensentwürfen und Vermischungen etzenden Kunst kann Taus Makchatcheva tatsächlich Impulse für die Zukunft Europas anbieten, auch wenn sie aus dem vorderen Asien kommt.

A Walk, A Dance, A Ritual. Kunstpreis "Europas Zukunft" 2014; Galerie für Zeitgenössische Kunst, Karl-Tauchnitz-Str. 9-11; bis 29. Juni, Di-Fr 14-19 Uhr, Sa/So 12-18 Uhr

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 14.04.2014

Jens Kassner

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