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Üppige Klangpracht von Bartók und Chatschaturjan

MDR-„Zauber der Musik“ im Gewandhaus Üppige Klangpracht von Bartók und Chatschaturjan

Gewaltige Klangmassen bewegten der französische Dirigent Alain Altinoglu und das MDR-Sinfonieorchester am Sonntagabend im „Zauber der Musik“ im Gewandhaus. Auf dem Programm standen Werke von Béla Bartók und Aram Chatschaturjan, und am Flügel saß die beeindruckende virtuose Nareh Arghamanyan.

Alain Altinoglu am Pult des MDR-Orchesters

Quelle: Wolfgang Zeyen

Leipzig. Für Béla Bartók (1881 – 1945), war Volksmusik die Wurzel seines Schaffens. Über Jahrzehnte reiste er vor allem durch Südost-Europa, und was er dort fand, verlieh all seinen späteren Werken ihre urwüchsige, herbe, sinnliche Kraft. Paradoxerweise auch ihre einst verstörende Modernität. Das gilt in besonderem Maße für die Musik zur Tanzpantomime „Der wunderbare Mandarin“, 1926 in Köln uraufgeführt, und von niemand geringerem als Konrad Adenauer, damals Oberbürgermeister im Schatten des Domes, als abscheuliches Machwerk verboten. Das lag zwar eher an der für damalige Zeiten mindestens unkonventionellen Handlung um Huren und Diebe. Doch hat sich auch die großartige Musik bei aller Üppigkeit ihre Aggressivität, ihre Sprengkraft bewahrt. Und Bartók lag sicher nicht falsch mit seiner Einschätzung, dies sei eine seiner besten Orchesterpartituren.

Es ist auch eine seiner komplexesten und schwersten. Darum ist es kein kleines Verdienst Alain Altinoglus, demnächst Chef der Oper in Brüssel und im letzten Sommer außerordentlich erfolgreich mit Wagners „Lohengrin“ bei seinem Bayreuth-Debüt, sie mit dem MDR-Orchester so aufbereitet zu haben, dass im anständig besuchten „Zauber der Musik“ anfängliche Verstörung bald elektrisiertem Interesse weicht. Denn der so unaufgeregt wie souverän schlagende Altinoglu legt den Fokus nicht auf die überbordende Komplexität der Partitur, sondern auf ihre rhythmische und melodische Energie, auf die archaische Sinnlichkeit, die keinen wieder loslässt, der sich einmal darauf eingelassen hat.

Eine Musizierhaltung, die auch dem Funkorchester entgegenkommt. Hier scheint die emotionale Überrumplung im Zweifelsfalle wichtiger als die allerletzte Präzision. Was keineswegs als Makel zu verstehen ist, weil Altinoglu selbst aus den wild schäumenden Katarakten des Klangs immer wieder neue Details an die Oberfläche spült. Und die gefährliche Erotik der fabelhaften Solo-Klarinette und all der anderen exzellenten Holzbläser, die in der Pantomime den Räubern ihre Opfer zuführen, sie funktionieren auch als gleichsam absolute Musik prächtig. Ein kraftvoll tönendes Plädoyer für ein Meisterwerk.

Die ersten beiden Drittel dieses Zaubers gehören den Klängen des Georgiers Aram Chatschaturjan (1903 – 1978). Und auch sein Werk ist durchdrungen von folkloristischem Material. Doch mit entgegengesetztem Vorzeichen: Chatschaturjan klemmt sich die unverdächtige Musik seiner Heimat und angrenzender Regionen sozusagen als Feigenblatt vor eine Musiksprache, die zumindest im Des-Dur-Klavierkonzert Impressionismus und Expressionismus wenigstens nicht verleugnet.

Im „Zauber“ nimmt sich Nareh Arghamanyan des spektakulären Soloparts an. Chatschaturjan bemüht das volle Virtuosen-Programm: bestialische Akkordketten, flirrendes Passagenwerk, garstige Sprünge, komplexe Klang-Polyphonie –  alles bei der 1989 geborenen Arghamanyan in den besten Händen. Ihre Technik ist atemberaubend, ihre Kraft und Kondition sind es, ihre Anschlagskultur ist es auch. Was sich besonders in der Zugabe zeigt, die sie nach einer recht kurzen Schweigeminute „den unschuldigen Opfern von Paris“ widmet.

All das macht Chatschaturjans überbordenden Dreiviertelstünder nicht substanzieller, aber doch zum kurzweiligen Showstück. Zumal das Orchester um Konzertmeisterin Waltraud Wächter und unter Altinoglus farbenfroh begleitet. Mehr als das: Betörend schöne Soli von allen Ecken und Enden her. Auch in der Suite aus Chatschaturjans im Ganzen ziemlich schwer verdaulichem Ballett „Gajaneh“, in dem der Komponist für seine strukturell sehr urtümlichen Folklore-Reflexe an der Instrumentationsfront auffährt, was aufzufahren ist. Singende Sänge inklusive. Keine bedeutende Musik, aber – so gut gespielt wie hier – immer wieder nett. Ausdauernder Applaus.

Von Peter Korfmacher

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