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Ulf Schirmer dirigiert im Großen Concert den "Ring ohne Worte"

Ulf Schirmer dirigiert im Großen Concert den "Ring ohne Worte"

"Die Orchesterpartitur selbst", sagt der Dirigent Lorin Maazel, "ist der Ring, verschlüsselt in einen Klang-Code. Entziffert man diesen Code, so entpuppt er sich als eine Geschichte, Sage, ein Lied, eine Philosophie - in zahllosen kosmischen Obertönen und menschlichen Untertönen.

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Ulf Schirmer dirigiert Wagner im Großen Concert.

Quelle: Wolfgang Zeyen

" Womit klar sein dürfte, worum es ihm zu tun war, als er Mitte der 80er skrupulös und virtuos den "Ring ohne Worte", diese 70 orchestralen Minuten aus den rund 16 Stunden des monumentalsten aller Musikdramen destillierte: "eine symphonische Synthese, die die wesentlichen Bestandteile seines Klang-Codes aufzeigt". Ein hoher Anspruch - und er ist ihm gerecht geworden. Dieser pausenlose Orchestrstrom führt beinahe das gesamte Motiv-Material mit, und nimmt man dies ernst, sieht den "Ring ohne Worte" nicht vornehmlich als Showstück, dann schimmert er tatsächlich hindurch, der Mythos vom Ring.

Ulf Schirmer nimmt dies ernst, entwickelt aus dem schimmernden Es-Dur des "Rheingold"-Beginns kein Potpourri schöner und/oder beliebter Stellen, sondern eine organische Großform, die sich vom Musikdrama emanzipiert und eigene Gültigkeit beansprucht. Da spielt es dann auch keine Rolle, dass die Tetralogie in dieser Version in eine merkwürdige Schieflage der Proportionen geriet: Aus der "Götterdämmerung" enthält dieser Orchester-Ring mehr Material als aus den anderen drei Opern zusammen; "Siegfried" etwa wird in wenig mehr als fünf Minuten abgehakt. Aber da Wagners Orchester ohnehin nicht synchron illustriert, sondern kommentiert, fortwährend voraus schaut oder zurück, empfindet dies der Hörer, mitgerissen vom symphonischen Sog, nicht als Mangel. Schirmer baut virtuos seine Steigerungen, macht sinnlich erlebbar, was Wagners "Unendliche Melodie" genannte Kompositionstechnik, was seine unvergleichliche Kunst des Übergangs für die emotionale, ja manipulative Kraft der Musik bedeuten.

Immer wieder wurde in den letzten 140 Jahren die heikle These formuliert, Wagners Nibelungen-Ring sei eine gigantische dramatische Sinfonie in vier Sätzen. Das ist insofern nicht ganz falsch, als diese Musik auch losgelöst vom inneren Nibelungen-Film, der beim gelernten Wagnerianer zweifelsfrei immer mitläuft, auch absolut funktioniert.

Was sie vor allem der ästhetischen Sorgfalt verdankt, mit der Schirmer am Pult zu Werke geht. Detailversessen und doch immer das Ganze im Blick behaltend schärft er so das Ohr für Zusammenhänge, für harmonische, melodische, nicht zuletzt instrumentatorische Herrlichkeiten, die, erscheinen sie auf 16 Stunden verteilt, allzu oft untergehen im musikdramatischen Furor.

Indes: Ein Orchester-Showstück ist "Der Ring ohne Worte" natürlich auch. Und diesbezüglich bleibt das Gewandhausorchester trotz seiner reichen Wagner-Tradition und des Umstandes, dass alljährlich aus Leipzig zahlreiche Musiker an führender Position in Bayreuth musizieren, Wagner und Maazel einiges schuldig. Ja, der Klang, dieser satte, warme, rauschhafte Wagner-Ton des Orchesters geht unmittelbar unter die Haut. Wie da die Streicher um Konzertmeister Frank Michael Erben vor allem in den tiefen Registern glühen vor Intensität und Sinnlichkeit, das ist Weltklasse und viele der zahlreichen Soli sind es auch. Und die Hörner und Wagner-Tuben entledigen sich ihrer Aufgaben trotz hörbarer Gefährdungen eindrucksvoll kultiviert.

Auf der anderen Seite passiert gerade im Zusammenspiel mehr, als tolerabel wäre. Bereits die ersten Bläser-Einsätze des "Rheingold-Vorspiels" klappern vernehmlich. Und was von hinten rechts kommt, ist schlicht indiskutabel: Die Trompeten bratzen meist enthemmt drauflos und kümmern sich kaum je um die klangliche Balance des Tutti, die Schirmer herzustellen versucht. Und die Posaunen produzieren so ziemlich an jeder Kreuzung erheblichen Blechschaden. Spielen sie laut, klingt's ordinär; spielen sie leise, ist das Ergebnis allzu oft allzu unsauber.

Dem Jubel im Saal tut das keinen Abbruch, aber es wirft doch sehr grundsätzliche Fragen zu Disziplin und Eigenhygiene eines Weltklasseorchesters auf.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 18.05.2013

Peter Korfmacher

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