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Ulrich Tukur und die Rhythmus Boys im ausverkauften Gewandhaus

Ulrich Tukur und die Kunst des schlechten Benehmens Ulrich Tukur und die Rhythmus Boys im ausverkauften Gewandhaus

Anarchisches Entertainment und feine Vorkriegs-Tanzmusik aus den Staaten. Ulrich Tukur und seine Rhythmus-Boys machten im Rahmen ihrer gemeinsamen Tour zum 20. Geburtstag ihrer gemeinsamen musikalischen Bemühungen im ausverkauften Gewandhaus Station, wo über knapp drei Stunden kein Auge trocken blieb.

Ulrich Tukur (am Flügel) und die Rhythmus Boys: Ulrich Mayer, Gitarre, Kalle Mews, Schlagzeug, und Günter Märtens am Bass.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Wenn man so viel erlebt hat wie Ulrich Tukur, dann hat man auch viel zu erzählen. 1957 ist er geboren. Doch bereits in den späten 20ern zog er mit dem großen, dem unvergleichlichen Cole Porter (1891–1964) in New York, in Paris, in Venedig um die Häuser – und ließ es dabei mächtig und gewaltig krachen. Oft war damals schon der nicht weniger große Irving Berlin dabei, von dessen bemerkenswerter sexueller Zielstrebigkeit noch mit 101 Jahren im Alten-Stift der Stars Tukur beredt Zeugnis abzulegen vermag.

Ohne Punkt und Komma breitet der singende Pianist und moderierende „Tatort“-Kommissar zwischen den 19 Titeln des aktuellen Programms „Let’s Misbehave!“, mit dem er und seine Rhythmus-Boys den 20. Geburtstag ihrer gemeinsamen musikalischen Bemühungen feiern, sein fei erfundenes Halbwissen aus. Grimassierend, grölend, grunzend. Ohne Punkt und Komma auf Englisch, Scheinsächsisch, Sonstwasisch durch die Geschichte der US-amerikanischen Unterhaltungsmusik hechelnd. Immer wieder redlich bemüht, der Aufforderung des Programm-Namens gerecht zu werden: Benehmen wir uns daneben!

Und so freut sich das Publikum im ausverkauften Saal nach „einem kleinen triadischen Ballett nach Oskar Schlemmer“, bei dem Tukurs Mitstreiter, der Gitarrist Ulrich Mayer als dicke Frau, Schlagzeuger Kalle Mews im Tutu und Bassist Günter Märtens als kopfloser Riese, das Niemandsland zwischen Fellini und Geisterbahn durchalbern, vom ersten Augenblick an über jede Pointe, jede Zote, jede Absurdität und jeden Unsinn dieses anarchischen Entertainments. Das erinnert stark an Helge Schneider in seinen besten Zeiten – ist aber besser, weil souverän vom erheblichen Können aller Beteiligten getragen. Denn nur wer so gediegen musiziert, darf sein Publikum unversehens bei „Georgia On My Mind“ mit der Wasserpistole nass spritzen, darf sich bei „Kraftwerk“, diesen „Arschlöchern aus Düsseldorf“, maliziös beschweren, dass sie seit den 70ern schon alle großen Hits bei Tukurs Rhythmus-Boys geklaut haben, angefangen bei den „Fliegen“. Nur der darf bei „Begin the Beguine“ am Klavier ausdauernd den Schlusston suchen, zwischendurch mal Goethe verlesen oder Stolberg, darf den nicht sehr großen Schlagzeuger den Kontrabass des sehr großen Bassisten halten lassen und dies als dokumenta-erprobte Humaninstallation „Der Ständer“ verkaufen. Denn all dieser gehobene oder auch niedere Unfug, den die vier Freunde da vorne mit postpubertärer Freude präsentieren, bleibt in Balance zum durchaus ernstzunehmenden musikalischen Treiben dieser im Geiste des Dada gereiften Boy-Group.

Tukur lässt kaum eine Gelegenheit zum Tiefstapeln aus, weist immer wieder kokett auf seine Grenzen am Klavier hin. Und dass es die gibt, daran besteht ja auch in keinem Moment irgendein Zweifel. Ulrich Tukur ist kein Tastenlöwe, kein Funkel-Jazzer, keiner, der die Läufe nur so rauschen lassen könnte, keiner, der in seinen Soli neue Reiche erkundete auf den 88 Tasten, die die Welt bedeuten. Und wo wir schon mal dabei sind: Auch sein Gesang folgt oft den Gesetzmäßigkeiten des Disierens, bemüht in höheren Lagen gern die geschliffen funkelnde Sprechstimme, beherzigt bisweilen eher das Regelwerk der Stochastik als das notengetreuer Tonhöhenfindung. Doch gleicht der Musiker Tukur diese Defizite mit etwas viel Wichtigerem aus: mit Seele.

Ulrich Tukur liebt diese Musik. Und weil er sie liebt, nimmt er sie ernst. Und weil er sie ernstnimmt, bewahrt sie sich inmitten all des Klamauks ihre Würde, und der lange Abend bleibt auch als Konzert in der Balance. Tukurs Klavierspiel ist filigran, luftig, elegant, seine Sparsamkeit nicht Folge von Unvermögen, sondern von bemerkenswert differenzierter Anschlagskultur. Er kann den großen Steinway singen lassen und die Figurationen sachte perlen. Und seine Minimal-Soli sind so sensibel austariert, dass sie gern ein wenig länger werden dürften.

Dann könnten sich auch die drei Kollegen ausgiebiger austoben, die sich vor lauter Furcht, den Chef, denn das ist Tukur ganz ohne Zweifel, an die Wand zu musizieren, solistisch recht weit zurücknehmen. Dabei würden die melodische Finesse, die Mayer auf seiner Gitarre entfaltet, das rhythmische Filigran des Besen-Könners Mews und die satte Souveränität von Märtens’ Bass problemlos mehr musikalischen Raum füllen können.

Gewiss: Dann würde der lange Abend noch länger. Aber ein kurzer Blick durchs Publikum zeigt, dass wohl jeder dies als Geschenk betrachten würde. Fortwährend müssen sich die Menschen im Parkett und auf den Rängen die Lachtränen aus den Augenwinkeln wischen – und doch bleiben sie empfänglich für melancholische Zwischentöne (These Foolish Things) oder nostalgische (La Paloma als Zugabe aus schönster Hurz-Tradition heraus entwickelt zu herzerwärmender Schönheit). Und weil nur selten ein Abend Herz und Geist und Lachmuskeln so ausführlich trainiert wie dieses durchgeknallt lausbübische Gesamtkunstwerk, fällt auch der finale Jubel nachgerade tumultuarisch aus.

Von Peter Korfmacher

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