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Ulrike Draesner liest am Mittwoch aus ihrem neuen Roman "Vorliebe"

Ulrike Draesner liest am Mittwoch aus ihrem neuen Roman "Vorliebe"

Ulrike Draesner ist eine gnadenlose Autorin. Den emotionalen Möglichkeiten stellt sie wissenschaftliche Fakten zur Seite. Was sie dabei sichtbar macht, ist eine Wahrheit, in der die Komik des Schicksals mitschwingt, aber auch Vergeblichkeit, der Tod.

Leipzig. In Draesners neuem Roman „Vorliebe“ trifft  Harriet eine Jugendliebe wieder. Das innere Chaos droht die Hülle der Normalität zu sprengen. Ein klug komponiertes, verführerisch geschriebenes Buch über die Grenzen der Erkenntnis.

Astrophysikerin Harriet und Ashley, ein englischer Luftfahrtingenieur mit Flugangst, sind seit Jahren ein Paar und noch immer verliebt. Auch wenn  Sprödigkeit das Herzliche überdeckt.   Als Ash mit seinem Citroën Radfahrerin Maria streift und Harriett zu beiden ins Krankenhaus eilt, verändert sich alles. Harriet erkennt in Marias Mann Peter Olvaeus ihre Jugendliebe, eine Vor-Liebe. Nach nunmehr 21 Jahren bleibt es nicht bei dieser einen Begegnung.

Eine Affäre beginnt, vor aller Augen, knirschend toleriert. So wie Harriet sich am Ende „der Verflechtungen zwischen den Menschen, denen sie zuletzt begegnet war, nicht mehr sicher“ ist, so verstehen es die jeweils Betrogenen nicht, Wut und Enttäuschung zu den Erwartungen ins Verhältnis zu setzen. Das Herz will besitzen, nicht teilen. Ein Bild dafür ist Ben, Ashleys Wochenend-Sohn, dem die Trennung seiner Eltern „wie ein Knopf in der Nase“ steckt, „seit damals atmet er darum herum“. 

Es ist eine alte Geschichte. Ulrike Draesner erzählt sie neu. Die Autorin, Jahrgang ‚62, Lyrikerin, Essayistin und Übersetzerin, zeigt die Figuren eben nicht in der Seilschaft ihrer Sehnsüchte, sondern ungesichert an den Klippen der Umstände.

Harriet Saramnadipur, halb Inderin, ganz Nomadin, ernst und eigenwillig, mit 37 Jahren Spitzenforscherin, hat immer schon Zahlen gemocht, weil stets eine Regel denkbar war, „die X mit Y verband.“ Sie hat trainiert, Gefühle zu beherrschen, wegzudrücken. Sie ist stolz darauf, zu funktionieren. Weil die Messwerte des Universums sich nicht manipulieren lassen, waren sie ihr lange eine Zuflucht. Sterne galt es zu erforschen, aber doch nicht vom Himmel zu holen. Manchmal träumt sie davon, „durch die Zeit zurückzuwandern“.  Zurück zu Peter?

Peter Olvaeus ist ein Pfarrer, der mit den Privilegien des Alters noch keine Erfahungen gemacht hat, und dessen Vorstellung vom Himmel freilich eine ganz andere ist als ihre, nach der der Himmel entstehe, „weil das eintreffende Sonnenlicht den Luftmolekülen der Erdatmosphäre einen Stoß versetze, die Elektronen von ihrem Atomniveau auf ein anderes sprängen, ein kleiner Lichtblitz freikomme.“

In physikalischen, literarischen, religiösen, märchenhaften, kulturhistorischen Anspielungen umkreist die Autorin das Phänomen der unverhofften Veränderung. Wohl, weil sich in der Begegenung mit Peter auch ein Kreis schließt, bringt Draesner die Zahl π ins Spiel, π, die (mathematische) Konstante, die das Verhältnis des Umfangs eines Kreises zu seinem Durchmesser beschreibt, π, das für P steht, wie Peter. In den hatte sich Harriet mit 16 verknallt, als sie eigentlich auf der Flucht nach Brüssel war. Diese Reise holen beide nun nach, in drei Nächten durchmessen sie den Kreis, erforschen Leben und Lieben, Vorleben und Vorlieben. Dabei kommt es zu einer hinreißenden Erfüllung: Sie tätowiert ihm einen Dinosaurier auf die Pobacke.

Natürlich verändert diese Affäre nicht nur Harriet, denn bei „einem Paar ist immer der Schwächere um den Stärkeren gegossen. Eine Form. Zerstörst du den einen, zerstörst du den anderen.“ Bis Peter plötzlich versteht, warum sich Orpheus, als doch schon alles gerettet schien, nach Eurydike umwandte. „Nun stand er selbst an ebendieser Stelle. Wo im Menschen Gewinnen und Verlieren beginnen, ununterscheidbar in einander überzugehen.“  Und vor dem Fenster wartet auf beide dasselbe alte All, das Diesseits.

Wie schon die Romane „Mitgift“ und „Spiele“ verführt auch „Vorliebe“ auf mindesten zwei Ebenen. Zum einen spinnt Draesner einen Handlungsfaden um Alltag und Ausbruch, zum anderen wirkt ihre Sprachkraft da, wo herkömmliche Wörter nicht hingelangen. Also erschafft sie neue, erfindet Lachinfarkt, Liebesegoismus, Erdenblödigkeit; ergänzt das ewige Lexikon zur Vermessung der Welt.

Sie schreibt assoziativ schweifend, nicht ausschweifend, aber doch sich gründlich umblickend im inneren Chaos unter der Hülle der Normalität. Es lohnt, innezuhalten, die Bilder zu entfalten: Sprachbilder, Erinnernungsbilder, Standbilder in Flashs oder tastenden Kamerafahrten. Nicht zuletzt bereitet es großes Vergnügen, gescheiten Menschen beim Denken zuzuhören, gerade weil sie nicht berechnen können, was sich nicht berechnen lässt: das Glück, den Körper, die Liebe.

Lesung: Mittwoch, 17.02.2010, 20 Uhr, im Leipziger Haus des Buches, Gerichtsweg 28. Karten (3/2 Euro) unter Telefon 0341 9954134.

Ulrike Draesner auf der Leipziger Buchmesse: 18. März: 19.30 Uhr, Lesung in der Stadtbibliothek (Interim im Städtischen Kaufhaus); 19. März, 14 Uhr, Lesung und Gespräch im 3Sat-Forum, auf dem Messegelände (Glashalle)

Ulrike Draesner: Vorliebe. Roman. Luchterhand Verlag; 256 Seiten,19,95 Euro

Janina Fleischer

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