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Ultimative DeMo-Grafie: "Monument", die opulente Werkschau zu Depeche Mode

Ultimative DeMo-Grafie: "Monument", die opulente Werkschau zu Depeche Mode

Ein gut gewählter Zeitpunkt: Zum Leipziger Wave-Gotik-Treffen und im Vorlauf zur Deutschland-Tournee von Depeche Mode (Konzert am 11. Juni in Leipzig) erscheint das Buch "Monument".

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Quelle: asd

Leipzig. Neun Monate lang haben der Mecklenburger Dennis Burmeister und der Leipziger Sascha Lange an dem wuchtigen Kompendium gearbeitet, das unveröffentlichte Fotos, die komplette Diskografie, Fakten und lesenswerte Geschichten rund um die britischen Superstars bündelt.

Kai Schwarzbach achtete auf jedes Geräusch im Treppenhaus. Keinesfalls sollten die Eltern etwas mitbekommen von seinem dunklen Geschäft. Der 18-jährige schob die Schulhefte zur Seite und begann mit den Bastelstunden für sein Meisterwerk: erst die Fotos ausschneiden, dann die Schrift zaubern. Was in der Gegenwart als kuriose Anekdote durchgeht, vollzog sich damals in heiligem Ernst: Statt wie andere, mit vernünftiger Drucktechnik ausgestattete Bootleg-Macher reihte der Junge aus dem Ruhrgebiet anno 1986 große Rubbelbuchstaben so genau wie möglich auf eine Linie. Das Cover der illegalen Depeche-Mode-Schallplatte "Composition of Sounds", bestehend aus nicht autorisierten Konzert-Mitschnitten, nahm Gestalt an ... Heute hat es hohen Sammlerwert.

Geschichten wie die von Kai Schwarzbach machen "Monument", ein schwergewichtiges Sammelsurium aus Bildern und Historie zu einer Jugendkultur prägenden Band, so besonders. Sie brechen das Chronologische auf, gehen über die Information hinaus in diffuse Welten aus Kult und Gefühl, sie skizzieren die Wege, die das Fan-Sein ebnen kann - sei es als Bootleg-Hersteller, als Veranstalter von DeMo-Partys, als Verantwortlicher der Fan-Homepage oder als Label-Manager.

Schon der Titel ist ein Code. In "Monument" nistet ebenso die Ironie wie im DeMo-Albumnamen "Music For The Masses". Und so wie nach Erscheinen der 1987er Platte die millionenfache Nachfrage das Zwinkern vom Titel wischte, so kann auch dieses 424-Seiten-Werk in Inhalt und Aufbereitung tatsächlich etwas Monumentales für Fans werden. Das Werk der Männer aus Basildon taugt als Paradebeispiel für den Darwinismus des Musikbusiness. Der Puderzucker früher Kompositionen verflüchtigte sich, gewachsen ist eine Pop-Intelligenzia als Alternative zur breiten Schlichtheit, obwohl diese Band selbst Millionen bedient. Mit Depeche Mode verbindet der Enthusiast weit mehr als nur Songs, die sich von schlichter Synthie-Fluffigkeit hin zu düster-komplexen Elektro-Gebilden entwickelten. Depeche Mode formten Identitäten, prägten Lebensgefühl, Haltung, Stil - auch die Vita der "Monument"-Autoren.

Dennis Burmeister, Jahrgang 1975, trug in den letzten 25 Jahren eine riesige Depeche-Mode-Sammlung mit mehreren tausend Exponaten zusammen. Der im mecklenburgischen Basedow lebende Grafik-Designer, DJ und Veranstalter traf Sascha Lange (Jahrgang 1971) vor fünf Jahren im Büro des Labels Mute Records, als der Leipziger Buchautor und Historiker zum Thema Jugendkultur recherchierte. Die in beiden glühende Leidenschaft für Depeche Mode führte zu langen Gesprächen und einem Plan, dessen beeindruckendes Ergebnis jetzt vorliegt.

Neben der gut geschriebenen und selbstredend kenntnisreichen Band-Bio ist das Buch voll von Abbildungen absoluter Raritäten rund um die Welt von Martin Gore, Dave Gahan und Andy Fletcher, samt der früheren Mitglieder Alan Wilder und Vince Clark. Ein Museum in Druckform: Man spaziert quasi vorbei an der Abbildung des ersten Demo-Tapes, an Setlisten der ersten Konzerte, bleibt stehen bei Sonderveröffentlichungen, Promotion-Material, verschlingt die Interviews.

Zu den spannendsten Kapiteln zählt "Behind The Wall" - Beschreibungen zum Leben als Fan in der DDR. Wie im Westen kopierten die Anhänger Posen, Frisuren und Klamotten ihrer Helden, allerdings unter erschwerten, nämlich sozialistischen Bedingungen. Mangels Material war man bei der Kleidung zu Eigenkreationen gezwungen.

Der gegen Mitte der 1980er eingeschlagene Industrial-Kurs der Band, das Metallische, die graue Fabrik- und Malocher-Ästhetik mit Vorschlaghammer schwingenden Männern - das korrespondierte unbeabsichtigt mit täglicher DDR-Realität. Der Arbeiterstaat wirkte wie die Landschaft zu Depeche-Mode-Songs. Eine heute komische Anekdote: Als 1987 auf dem Cover von "Music For The Masses" und im Video zu "Strangelove" die Abbilder von Megafonen auftauchten, löste das eine Diebstahl-Serie aus, auf die sich die Staatsoberen keinen Reim machen konnten - reihenweise verschwanden Megafone, etwa aus Bahnhöfen, wie auch in einer Meldung der Leipziger Volkszeitung von 1988 nachzulesen ist.

Jahrelang sehnsüchtelte die DDR-Jugend nach dem scheinbar nie Erreichbaren. Für viele eine Unglaublichkeit, dass die Westweltstars am 7. März 1988 in der viel zu kleinen Berliner Werner-Seelenbinder-Halle spielen durften - eingebettet in einen Propaganda-Rahmen der FDJ, aber immerhin.

Verdammt lang her. Die Mauer ist weg, die Liebe zur Band geblieben. Nach der deutschen Vereinigung zog Bootleg-Autodidakt Kai Schwarzbach übrigens nach Leipzig. Ein einziges Exemplar seiner von einer niederländischen Briefkastenfirma gefertigten Schwarzpressung steht noch in seinem Regal, der Rest ist in Besitz von Freunden oder erzielt auf Händlermärkten Spitzenpreise. Ein Ticket fürs Leipziger Depeche-Mode-Konzert? "Hab' ich, schon seit Monaten." Natürlich.

Buch-Präsentation in Leipzig am 6. Juni in Lehmanns Buchhandlung (20.15 Uhr). Für das Depeche-Mode-Konzert am 11. Juni in Leipzigs Red-Bull-Arena gibt es noch Stehplatzkarten für 74,65 Euro unter Telefon 0800 2181050 oder www.lvz-ticket.de.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 17.05.2013

Mark Daniel

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