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Unbefriedigend, aber „fair und gerecht“

Streit um Paul Klees „Sumpflegende“ endet mit Vergleich Unbefriedigend, aber „fair und gerecht“

Der jahrzehntelange Raubkunst-Streit um Paul Klees „Sumpflegende“ ist beigelegt worden. Die Parteien einigten sich auf einen Vergleich, der vom Stadtrat München bestätigt wurde. Der Leipziger Anwalt Christoph von Berg ist dennoch nicht zufrieden.

Der Leipziger Anwalt und Raubkunst-Experte Christoph von Berg.

Quelle: Andre Kempner

Leipzig / München..

Das klingt zunächst tatsächlich nach der „fairen und gerechten Lösung“, die die einstigen Gegner in einer gemeinsamen Pressenmitteilung diagnostizierten. Aber Christoph von Berg, Anwalt in Leipzig und international gefragter Spezialist in komplizierten Raubkunst-Fragen, ist dennoch nur zum Teil zufrieden: „Ich hätte“, sagt er und blickt dabei ein wenig frustriert vor sich hin, „die Sache gern bis in die höchste Instanz getragen, auch um höchstrichterlich zu klären, wie künftig mit ähnlich gelagerten Fällen umzugehen ist“.

Seit Anfang der Nuller-Jahre ist er mit der „Sumpflegende“ beschäftigt – da stritten Erben von Sophie Lissitzky-Küppers bereits seit gut einem Jahrzehnt mit der Stadt München um die Herausgabe des Bildes. Und das ist der entscheidende Grund, warum von Bergs Partei sich auf den Vergleich einließ: „Die Erben sind nach so vielen Jahren einfach zermürbt – ich kann das gut verstehen. Und muss es als Anwalt natürlich auch respektieren.“

Die Geschichte der „Sumpflegende“ sagt viel über den Umgang mit moderner Kunst, den Kunsthandel und das Rechtsverständnis der Bundesrepublik: 1919 malte Paul Klee in München das Bild in Öl auf Karton. Unmittelbar nach der Fertigstellung gelangte es in den Besitz des Kunstsammlers Paul Küppers, des Mitbegründers der Kestner-Gesellschaft in Hannover. Nach dessen Tod im Jahr 1922 erbte es seine Frau Sophie. Die heiratete 1927 den jüdischen Kommunisten und konstruktivistischen Maler Lazar Markovich Lissitzky, besser bekannt unter dem Namen El Lissitzky. 1927 folgte Sophie ihm in die Sowjetunion und siedelte nach Moskau über; die „Sumpflegende“ überließ sie als Leihgabe und zur Aufbewahrung dem Provinzial-Museum in Hannover. Dort wurde das Bild 1937 von den Nazis als „entartet“ beschlagnahmt, in den einschlägigen Schmäh-Ausstellungen gezeigt und schließlich 1941 an Hildebrand Gurlitt weitergereicht. Zwischen 1941 und 1961 verliert sich die Spur der „Sumpflegende“. 1962 taucht sie im einschlägigen Kölner Kunst-Auktionshaus Lempertz wieder auf und wird von der Baseler Galerie Ernst Beyeler erworben, 1963 bis 1973 befand sie sich in Schweizer Privatbesitz, 1973 bis 1982 in der Galerie Rosengart in Luzern. Am 8. Mai 1982 schließlich erwerben die Stadt München und die Gabriele-Münter-und-Johannes-Eichner-Stiftung das Gemälde, das dadurch als Hälftiges Miteigentum an die Stiftung und die Städtische Galerie im Münchner Lenbachhaus übergeht. Von Berg: „Und spätestens damit begann der Skandal. Denn die Stadt München war umfassend über die Geschichte des Bildes informiert.“

Sophie Lissitzky-Küppers, von den Sowjets nach Sibirien verbannt, war bereits 1978 gestorben, ihr Sohn Jen konnte sich erst nach der Wende um die Rückgabe des Gemäldes bemühen, scheiterte aber vor Gericht. Ähnlich ging es anderen Erben Sophie Lissitzky-Küppers’, die um die Jahrtausendwende mit von Bergs Hilfe einen neuen Anlauf startete, der nun – endlich – mit dem oben erwähnten Vergleich endete.

Dabei scheint die Sache auf den ersten Blick und nach laienhaftem Rechtsverständnis klar zu sein: Die Nazis raubten ein Kunstwerk. Nach dem Geist der Washingtoner Erklärung, den „Grundsätzen der Washingtoner Konferenz in Bezug auf Kunstwerke, die von den Nationalsozialisten beschlagnahmt wurden“ wäre es folglich nahliegend gewesen, die „Sumpflegende“ an die Erben zurückzugeben.

Doch die 1998 verabschiedete Washing

Tatsächlich war den braunen Machthabern, bei denen selbst der Massenmord an sechs Millionen Juden ordentlich und nach Recht und Gesetz zu vollziehen war, im Nachhinein aufgefallen, dass der Beschlagnahme Entarteter Kunst die rechtliche Grundlage fehlte. Also schoben sie 1938 das Gesetz zum Raubzug nach. Darin heißt es: „Die Erzeugnisse entarteter Kunst, die vor dem Inkrafttreten dieses Gesetzes in Museen oder der Öffentlichkeit zugänglichen Sammlungen sichergestellt und von einer vom Führer und Reichskanzler bestimmten Stelle als Erzeugnisse entarteter Kunst festgestellt sind, können ohne Entschädigung zu Gunsten des Reichs eingezogen werden.“

Dieses Gesetz wurde vom Alliierten Kontrollrat nicht aufgehoben, behielt also seine Gültigkeit bis zur Veröffentlichung des Bundesgesetzblattes im Jahr 1968, in das es nicht aufgenommen wurde. Von Berg: „Die Alliierten hatten damals ein großes Interesse daran, dass eigene Kunstgeschäfte aus der Kriegszeit legal blieben. Aber selbst vor diesem Hintergrund hat es nichts mit der ,Sumpflegende’ zu tun. Denn im ,Gesetz über die Einziehung von Erzeugnissen entarteter Kunst’, wie es vollständig heißt, gibt es den Nachsatz: ,... soweit sie bei der Sicherstellung im Eigentum von Reichsangehörigen oder inländischen juristischen Personen standen’ – und Sophie Lissitzky- Küppers war 1937 bekanntlich längst Sowjetbürgerin.“ Selbst die Nazis erkannten dies, in einer internen Mitteilung von Goebbels Propagandaministerium vom 17. September 1938 heißt es: „Die Staatsangehörigen der Sowjet-Republik sind der Vollständigkeit halber in die Liste mitaufgenommen. Der Fall bleibt wohl gesondert zu prüfen.“ Dazu jedoch kam es nie.

Doch auch davon abgesehen empfindet von Berg den Versuch als skandalös, die Rechtsauffassung der Nazis in einen Raubkunst-Prozess hinein zu verlängern. Überdies mache es die deutsche Rechtsprechung den Opfern von einst noch heute unnötig schwer: „In den USA ist die Rechtslage so, dass ein Neu-Eigentümer im Zweifelsfalle nachweisen muss, wie er an ein Bild gekommen ist. In Deutschland muss dagegen das Opfer beweisen und dokumentieren, wie es abhanden kam. Wie, frage ich Sie, soll das jemand können, der im KZ saß, während die Nazis seine Wohnung ausräumten?“

Auch um in solchen Fällen ein Umdenken zu erreichen, hätte Christoph von Berg die „Sumpflegende“ gern bis in den Bundesgerichtshof getragen. Aber in der Zwischenzeit lenkte die Gegenseite ein. Was auch damit zusammenhängt, dass Ude und Friedel mittlerweile das Feld verlassen haben und mit Dieter Reiter, SPD, als Oberbürgermeister und Matthias Mühling als Direktor des Lenbachhauses verständigere Akteure ins Spiel kamen. Berg ungewohnt knapp: „Gute Männer!“

Angesichts der Beispielhaftigkeit dieses beschämenden Falles ist es immerhin zu begrüßen, dass seine Dokumentation in der Öffentlichkeit des Lenbachhauses nun Teil des Vergleichs ist. Allerdings steht zu befürchten, dass die Versuche der Stadt München, Menschen, die unter Nazis und Sowjets gleichermaßen zu leiden hatten, um ihr Recht zu bringen, dabei nicht die angemessene Würdigung finden werden.

Von Peter Korfmacher

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