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Und ewig nerven die Lallbacken: Henning Venske bei der Lachmesse

Und ewig nerven die Lallbacken: Henning Venske bei der Lachmesse

Von versiegender Angriffslust keine Spur: Henning Venske bereist auch im Alter von 74 Jahren die Kabarettbühnen, um abzurechnen mit den Inkompetenten da oben. Am Samstag forderte er bei der Lachmesse Nach- und Mitdenken bei den Academixern ein.

"Das wird man ja wohl noch sagen dürfen." So alt und runzlig der Ausspruch sein mag - seit er aus Thilo Sarrazins Mund fiel, ist das Pharisäerhafte neben dem Trotz und der Selbstverteidigung noch etwas angeschwollen. Damit spielt auch der alte Fuchs Venske, benutzt das Zitat, um eben jene Heuchler mit drastischen Statements bloßzustellen.

So milde dieser Blick, der schon "Sesamstraßen"-Zuschauer gewärmt hat, durch die Publikumsreihen schweift, so giftig wirken die Drechseleien des Henning Venske, der weit über seine Zeit bei der Münchner Lach- und Schießgesellschaft hinaus die Kabarettlandschaft bereichert hat. Der Schaum vor seinem Schnäuzer ist ein unsichtbarer, die Bösartigkeiten trägt er in ähnlicher Entspanntheit vor wie ein Fernseh-Ansager das Wetter.

Dafür allerdings benötigt Venske immer wieder sein Text-Manuskript, womit er seinen Aussagen ein wenig die Lebendigkeit und Kraft stiehlt. Was bleibt, ist die Süffisanz, mit der er beispielsweise die Defizite der Republik-Repräsentanten auf rhetorischem Gebiet geißelt. Wenn beispielsweise Joachim Gauck die Gestaltung der "Freiheit in der Freiheit" beschwört oder die Bundeskanzlerin formuliert: "Damit es in Deutschland besser geht, werden die Weichen aufwärts gestellt", nicht zu vergessen: "Mir ist der Atem gestockt, und zwar in zwei Richtungen".

Mit der Sprachhüter-Inbrunst eines Hansgeorg Stengel listet Venske die Sinnleere auf, die die von ihm als "Lallbacken" betitelten Protagonisten des Politgeschäfts produziert und wundert sich darüber, wie manche Formulierungskünstler etwas "andenken" oder sich "rückerinnern" können. Mit dem Klassenbuch rügt er sich von Sitzbank zu Sitzbank des Parlaments, von Partei zu Partei, verpasst jedem eine verbales Brandzeichen: Siegmar Gabriel werde zwar immer dicker, gewänne aber trotzdem nicht an Format. Claudia Roth ist "Deutschlands aufdringlichster Gemüsespieß" und die Merkel eine "Mecklenburgische Elfenparodie". Peter Ramsauer hat da, wo bei anderen das Gehirn sitzt, "eine tiefer gelegte Weißwurst".

Das amüsiert ja ein Weilchen, täuscht jedoch nicht darüber hinweg, dass Venskes Synonymsucht als Platzhalter für wirkliche kabarettistische Untersuchungen bald ausgereizt sind. Dass der Hamburger nach wie vor auch analytisch etwas zu bieten hat, offenbart er, wenn er die - durchaus intelligenten - sprachlichen Sperenzchen sein lässt und mit klugen Zuspitzungen mal nicht nur die Regierenden, sondern auch deren Wähler aufs Korn nimmt. So wie bei der relativen deutschen Unaufgeregtheit zum Thema NSA: "Viele fürchten die allumfassende Überwachung weniger als einen vegetarischen Tag in der Betriebskantine."

Überwiegend jedoch kapriziert sich der optische Bruder von Christoph Hein auf die Botschaft, dass Politiker entweder dummes Zeug oder dreiste Lügen von sich geben. Das ist so kunstlos wie durchsichtig und eindimensional. Wenn allzu oft dieses affirmative "Ja, genau!" in den Stuhlreihen hängt, droht Langeweile. Kabarett kann mehr. Und Venske, dieser sympathische, eloquente Sezierer, sowieso. Was sich im Zusammenspiel mit dem jungen Kai Magnus Sting zeigt - deren Programm "Gegensätze" lief gestern Abend ebenfalls zum Festival.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 21.10.2013
Mark Daniel

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