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"Und plötzlich stehst du vor Carlos Santana" - Matthias Winkler veranstaltet in Leipzig seit 25 Jahren Konzerte

"Und plötzlich stehst du vor Carlos Santana" - Matthias Winkler veranstaltet in Leipzig seit 25 Jahren Konzerte

Ob der Rock'n'Roll dieser Tage tatsächlich 75 Jahre alt wird, mag umstritten sein. Sicher ist hingegen, dass Matthias Winkler kommende Woche 50 wird - und auch seine Firma 2015 einen runden Geburtstag feiert.

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Matthias Winkler, noch bis Dienstag 49, begann kurz nach dem Mauerfall, Konzerte zu veranstalten. Mittlerweile hat seine Agentur MAWI rund 20 Angestellte.

Quelle: Wolfgang Zeyen

Seit 25 Jahren veranstaltet MAWI Konzerte in Leipzig und ist im Rock-Pop-Bereich längst der wichtigste Akteur der Region.

Feiern Sie dieses Jubiläum?

Ich habe lang überlegt, ob wir eine große Feier machen. Aber jetzt gehen wir lieber auf einen Ausflug: Mit unserer ganzen Belegschaft fliegen wir für ein Wochenende nach London, in die Musikhauptstadt Europas.

Wann genau ging das eigentlich los 1990?

Es gibt nicht wirklich einen Stichtag. Dafür müsste ich vielleicht mal die alte Gewerbegenehmigung wieder finden, die ich damals nach dem Mauerfall im Ordnungsamt der gerade noch existierenden DDR bekommen habe. Die Beamten verstanden nicht wirklich, was ich wollte. Schließlich erhielt ich ein A5-Blatt mit Durchschlag auf Pergamentpapier.

Verstanden Sie damals, was Sie wollten?

Ja, ich hatte eine klare Vorstellung: Konzerte veranstalten, damit ging es los, und im Grunde hat sich das bis heute nicht geändert. Wenngleich wir natürlich unsere Geschäftsfelder und den Aktionsradius langsam, aber deutlich erweitert haben. Doch im Kern sind wir ein regionaler Veranstalter geblieben und stehen bei jedem Konzert im Risiko.

Zunächst waren Sie allerdings noch Student der Pflanzenproduktion ...

Das Landleben finde ich nach wie vor reizvoll. Ich habe aber schon als Student nebenbei kleine Bands gemanagt und etwa eine Bodypainting-Show veranstaltet. Soweit das eben möglich war außerhalb der staatlichen Konzert- und Gastspieldirektion. Richtig auf den Geschmack gekommen bin ich im zweiten oder dritten Studienjahr. Da habe ich den Fakultätsball organisiert. Das war natürlich eine große Nummer damals.

Gab es nicht auch Rockkonzerte, die Sie auf den Geschmack gebracht haben?

Etliche, neben Auftritten der großen DDR-Bands wie Silly mit Tamara Danz zum Beispiel ein Konzert von John Mayall in Halle im Volkspark, das fand ich damals ganz toll. Auch Charlie Musselwhite, den berühmten Mundharmonika-Spieler, habe ich im völlig überfüllten Innenhof der Moritzburg in Halle erlebt. Klar war ich auch unter den 150 000 Leuten 1987 bei Bob Dylan in Ostberlin. Aber ebenso prägend war es für mich, Platten zu sammeln, die ganzen Amiga-Scheiben, von den Beatles und so. Da war es natürlich fantastisch, als wir 2004 Paul McCartney nach Leipzig holen konnten. Du läufst durchs Publikum, und die heulen alle, das ist unglaublich berührend. Ebenso bei den Rolling Stones, U2, AC/DC, David Bowie, Genesis, Phil Collins - alles Ikonen der Musikgeschichte, die wir mittlerweile nach Leipzig bringen konnten. Da hab ich zu Ostzeiten die Scheiben gesammelt, getauscht und war dann sauer, wenn ich übers Ohr gehauen worden war: weil die Platte einen Ramscher hatte, den ich nicht gesehen hatte.

Wer waren die ersten Künstler, die Sie nach Leipzig und Halle geholt haben?

Es waren nicht gleich die ganz großen Namen, eine Band hieß beispielsweise The Dostojewskis. Wir waren damals auch die ersten, die Paul Millns hierher gebracht haben. Zudem kleinere englische Bands wie Carter The Unstoppable Sex Machine oder kleinere deutsche Gruppen wie M. Walking on the Water. Dann wurde es so langsam größer, 1992 hatten wir Manowar, die damals durchstarteten. Oder auch Santana.

War das für Sie als Kind der DDR nicht verrückt, Musiker zu buchen, die wenige Jahre zuvor unerreichbar fern schienen?

Das erste Mal richtig kneifen musste ich mich in der Tat 1992 als Veranstalter von Santana. Vorher hast du dir mühselig die Platten beschafft, die so verkratzt waren, dass du sie gar nicht mehr anhören konntest. Und plötzlich stehst du im Backstage-Bereich vor Carlos Santana und stierst ihn eigentlich nur an. Schon wenige Wochen nach der Grenzöffnung war ich nach Hamburg zu Udo Lindenberg gefahren, der damals noch im Interconti-Hotel wohnte. Der Portier rief oben an und fragte, ob er mich wegschicken soll. Nein, ich sollte warten. Nach einer Stunde kam Udo dann und hat sich zwei Stunden lang mit mir unterhalten. Seitdem sind wir Freunde und später haben wir auch Konzerte miteinander gemacht.

Gibt es heute noch Künstler, denen Sie als Fan gegenübertreten?

Einige! Zum Beispiel arbeiten wir seit fast 25 Jahren mit Helge Schneider zusammen. Ich bin sein Fan von der ersten Stunde an, und mit keinem Künstler haben wir länger ununterbrochen kooperiert. Nächstes Jahr kommt er wieder nach Leipzig. Ich war auch Fan von Joe Cocker, den wir in den neuen Bundesländern seit 1998 exklusiv veranstaltet haben. Als er vor einem Dreivierteljahr starb, hat mich das sehr berührt. Irgendwie denkt man immer, die leben ewig. Man wartet auf die nächste Tournee, fragt sich, na, wie ist die Band jetzt zusammengestellt, hat er mal wieder eine Bläsersection dabei? Und freut sich auf die Konzerte. Zu Ostzeiten war ich auch mal sehr hinter einer Platte von Sade her, die war damals irgendwie selten. Als Sade später auf Tour ging, wollte sie leider so viel Geld, dass ich sie nicht veranstalten konnte. Ich war total traurig. Ein Jahr später kam sie für weitere Termine nach Deutschland, ein bisschen günstiger diesmal, und da habe ich es eben riskiert. Es war nahezu ausverkauft. Als Fan lässt man sich manchmal zu Sachen hinreißen. In dem Fall ging's gut, aber in anderen Fällen hätte ich lieber nur als Gast hingehen sollen.

Ist der Besuch eines eigenen Konzerts mehr Vergnügen oder Arbeit?

Wenn der Künstler auf der Bühne steht, sind die Sorgen im Normalfall verflogen. Wenn man mit einem Konzert Sorgen hat, sind die meist wirtschaftlicher Natur, weil sich das Konzert nicht so verkauft wie erwartet und man die Gewinnschwelle verfehlt oder mal sogar deutliche Verluste macht. Aber am Abend selbst ist es eh zu spät, da kann man genauso gut versuchen, die Show zu genießen.

Wie sehr können Sie sich auf das Leipziger Publikum verlassen?

Ich könnte jetzt - wie ein Künstler von der Bühne herunter - sagen: Leipzig hat das geilste Publikum. Und wenn du als Veranstalter mit dem Künstler am nächsten Tag in einer anderen Stadt bist, kommt derselbe Spruch. Natürlich hat Leipzig ein großartiges Publikum und ist, wenn man Berlin ausklammert, die Konzerthauptstadt in den neuen Bundesländern - mit großem Abstand. Das liegt einfach daran, dass hier gleich nach der Wende die Veranstaltungsorte zur Verfügung standen: die Festwiese, die Messehalle 7, das mittlerweile legendäre Haus Auensee. Dort hat ja wirklich alles gespielt, was irgendwie jemals auf der Bühne stand. Die Leipziger mussten aber erst lernen, zu Konzerten zu gehen. Das war am Anfang nicht ganz einfach. Shows von The Cure 1990 oder von Tina Turner und den Toten Hosen liefen nicht wie erwartet. Dagegen war das Tote-Hosen-Konzert vor einem Monat mit 70 000 Leuten auf der Festwiese auch für unsere Firma ein absolutes Highlight. Eine Konzertkultur musste im Osten erst entstehen. So wie die ganze Infrastruktur. Damals gab es ja keine Computer-Tickets, sondern man musste die Eintrittskarten an Stadtinformationen im Umkreis von Halle und Leipzig verteilen. Mittlerweile verfügt Leipzig über die modernste Arena in den neuen Bundesländern. Sie ist zwar auch nicht optimal, aber schon wesentlich geeigneter für Konzerte als alle anderen Hallen im Osten. Die Leipziger Clubkultur kann sich im bundesdeutschen Vergleich sowieso sehen lassen.

Das Haus Auensee gehört Ihnen mittlerweile.

Es gibt zwar eine eigene Betreibergesellschaft. Aber ja, das habe ich gekauft und war mir am Anfang gar nicht sicher, ob das so eine gute Idee war. Es ist natürlich auch ein großer Glotz am Bein. Das Haus steht unter Denkmalschutz und ist in der Unterhaltung sehr teuer. Um die Kapazität zu erweitern, wollten wir 1,5 Millionen Euro investieren, daraus sind dann 4,5 Millionen geworden. Aber wir lieben das Haus. Grönemeyer, Maffay, Westernhagen, Rammstein, Die Toten Hosen und Die Ärzte haben da schon gespielt. Seit dem Umbau passen 3600 Menschen hinein. Auch die Künstler sagen uns immer wieder, dass es ein grandioses Gefühl ist, dort aufzutreten.

Die städtische Bühne im Clara-Zetkin-Park dürfte einen ähnlichen Stellenwert haben.

Ja, die haben wir vor 15 Jahren aus dem Dornröschenschlaf geweckt. Auch dort haben wir Geld investiert, die Bühne war völlig morsch, die haben wir abgerissen und neu gebaut. Mittlerweile ist die Parkbühne direkt kultig, nicht nur für die Künstler und den sommerlichen Tourneekalender in Deutschland, sondern auch für das Publikum, das vor den Toren sitzt. Das sind ja manchmal mehr Leute als drinnen.

Gibt es persönliche Kontakte zu Musikern? Freundschaften? Für Heinz Rudolf Kunze machen Sie ja das gesamte Management.

Paul McGuiness, langjähriger Manager von U2, hat mal auf die Frage eines Journalisten, ob sie nicht alle Freunde seien, geantwortet: Nein, U2 sind meine Klienten. Ein bisschen so ist es auch bei uns: Eine enge persönliche Freundschaft zu einem Künstler, dem du wirtschaftlich verbunden bist, wird es in dieser Branche selten geben. Zumal du ja als Veranstalter meistens noch Leute zwischen dir und dem Künstler hast. Uns verbindet mit einigen eine sehr nette, entspannte Zusammenarbeit. Aber dass man miteinander in Urlaub fährt, ist ganz selten. Das muss aber auch nicht sein: Beispielsweise ist es ein tolles Erlebnis, mit Van Morrison auf Tour zu gehen, wie wir es in Deutschland ein paar Mal gemacht haben, wenngleich der Mann ja sehr kauzig ist, um's vorsichtig auszudrücken. Ein Genie, das auf der Bühne eine Uhr runterlaufen lässt. Du feierst als Veranstalter geradezu, wenn die Uhr ein paar Minuten abgelaufen ist und er noch spielt. Ich freu mich auch schon auf unser Konzert mit Bob Dylan im Oktober im Gewandhaus. Wann hast du schon mal die Chance, so jemanden so nah zu sehen? Meine langjährigen Freunde, Berater und Kollegen Silke Ehrlich und Dirk Götze sowie Heinz Rudolf Kunze und Dieter Maschine Birr von den Puhdys werden im Publikum sitzen, das wird ein Gänsehautabend! Wenn dich Live-Musik schon als Junge fasziniert hat, ist es ein Riesenglück, wenn du das zum Beruf machen konntest.

Interview: Mathias Wöbking

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 17.09.2015

Mathias Wöbking

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