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"Underground" - ein Tatsachenroman um Julian Assange und Wikileaks

"Underground" - ein Tatsachenroman um Julian Assange und Wikileaks

ist er noch ein Mensch oder schon eine Marke? Hollywood-Regisseur Steven Spielberg will dessen Leben verfilmen. Vor der autorisierten Autobiographie ist nun der Tatsachen-Roman „Underground“ auf Deutsch erschienen, darin porträtierte Suelette Dreyfus bereits 1997 das Leben junger Hacker, darunter auch Mendax alias Assange, heute Kopf von Wikileaks.

Julian Assange. Am 16. Oktober 1989 soll die Raumsonde Galileo zum Jupiter geschossen werden. Mit Hilfe von Atomkraft. Im Goddard Space Flight Center der Nasa starren die Mitarbeiter erst verblüfft, bald darauf entsetzt auf ihre Computerbildschirme, von denen ihnen entgegenblinkt: „Worms Against Nuclear Killers“. WANK ist der erste Computerwurm mit einer politischen Botschaft und der zweite in der Computergeschichte, der sich über die ganze Welt ausbreitet. Die Hacker haben die Weltbühne betreten.

Sie nennen sich Par, Prime Suspect, Mendax, Electron oder Anthrax. Sie sind jung und vernetzt. „Sie wollten Leute kennen lernen, die wie sie selbst waren: intelligente, aber verschrobene oder gar menschenfeindliche Typen, die sich für die Feinheiten elektronischer Rechner interessierten.“ Viele „fühlten sich im realen Leben wie Ausgestoßene, die es an der Schule oder auf der Uni nie ganz in ,normale‘ Freundeskreise geschafft hatten.“ So malt Suelette Dreyfus das Klischeebild von lichtscheuen Freaks, denen technische Details mehr sagen als Worte. Das klingt oft unfreiwillig komisch: Sie „standen sich durchaus nahe und hatten gelegentlich schon Daten ausgetauscht“.

Andrerseits sind diese Hacker in den 80er Jahren Pioniere, und sie haben eine Art Ehrenkodex, niemandem ernsthaft Schaden zuzufügen. Zumindest, so lange es darum geht, Sicherheitslücken aufzuspüren, etwa um kostenlos zu telefonieren. Bevor Hacker und Geheimdienste im Internet ihre Unschuld verlieren, geht es weder um Informationelle Selbstbestimmung noch um Transparenz oder Open Access, die heute etwa von der Piratenpartei postuliert werden. Hacker sollten Anarchisten sein, nicht Falken, wird Mendax alias Assange zitiert. Und doch scheint schon auf, was aus der Boygroup begabter Spieler eine polarisierende Risikogruppe machen sollte. Von „Sahne“ und „Abschaum“ ist die Rede, von Sucht, Arroganz, Elite, von Strafverfolgung, Flucht, Depressionen, Paranoia und vom Verlangen nach Macht, „Für Anthrax war Macht das Potenzial, in der echten Welt Einfluss ausüben zu können.“

Dreyfus weiß, wovon sie schreibt. Unterstützt wurde die australische Journalistin und Technikautorin mit Lehrauftrag an der University of Melbourne von Assange selbst, der während der dreijährigen Arbeit an dem Buch nicht nur Fakten beigetragen hat: Über 100 Interviews haben beide nach eigenen Angaben geführt, haben 40 000 Dokumentenseiten, Telefonabhörprotokolle, Logdateien, Zeugenaussagen, Gerichtsurteile zusammengetragen. Dabei verhält sich das mit Vor- und Nachworten, Glossar und Anmerkungen gut 600 Seiten starke Buch zum literarischen Roman wie Wikileaks zum Journalismus. Das liest sich mal spannend wie ein Geheimdienst-Thriller, oft aber auch eintönig, überfrachtet mit technischen Details und Abläufen.

In ihrem (neuen) Schlusswort betont Dreyfus, dass die Wurzeln in jugendlicher Neugier bestanden, bei der es mehr um Abenteuer als um echte Straftaten ging. Sie bringt Wikileaks als quasi logische Folge ins Spiel, als ersten „Bannerträger des ,Sunshine Journalism‘, der gleißend helles Licht auf die Lügen und Verfehlungen von Regierungen und Unternehmen wirft“, indem er die Wahrheit zeige und beweise. Als Reaktion darauf benutzten moderne Sicherheitsstaaten „die technologischen Möglichkeiten dazu, die umfassende Überwachung im gleichen Tempo auszubauen, wie wir Normalbürger die Geschwindigkeit und Leistungsfähigkeit unserer Desktop-Computer erhöhen.“

Das Interessante am frühen australischen Untergrund ist für sie „die Grundhaltung, dass nicht jede Autorität recht hat, und dass man dagegen rebellieren muss“, sagt Dreyfus in einem Interview. Genau so gelte das heute für Wikileaks. Tatsächlich drängen sich diese Vergleiche bei der Lektüre immer wieder auf. Andererseits: Nichts ist so alt wie die Zeitung von gestern, hieß es einst. Inzwischen ist es die Nachricht von vorhin im sich permanent aktualisierenden Internet. Gemessen daran scheint ein Hacker-Tatsachenroman aus den 90ern einer Schiefertafel aus der Steinzeit näher als der Gegenwart. Oder wie es Wikileaks-Aussteiger Daniel Domscheit-Berg in einem Interview sagt: Die technische Entwicklung sei so schnell, dass damit auch die Laufzeit einer ganzen Generation „extrem stark verkürzt“ werde.

Assanges Beteiligung an „Underground“, dessen Original frei als E-Book zur Verfügung steht, mag ein Grund dafür sein, es jetzt ins Deutsche zu übertragen (bewerkstelligt von fünf Übersetzern). Tatsächlich hilft dieses Buch über die Anfänge des Internets, zu verstehen, was Assange antreibt, warum er von manchem zum Heilsbringer überhöht wird oder zum Gesicht einer Generation. Ursprünglich, schreibt Dreyfus, waren Hacker jene, die versuchten, gewitzte technische (und eben keine illegalen) Lösungen für knifflige Probleme zu finden. Der Blick zurück zu den Anfängen ermöglicht aber auch einen Umgang mit den Fragen, vor denen die Welt heute steht, wenn es darum geht, die Grenzen der Technik und Gesellschaft nach moralischen Maßstäben  zu definieren.

Suelette Dreyfus, Julian Assange: Underground. Die Geschichte der frühen Hacker-Elite.

Tatsachenroman.

Haffmans & Tolkemitt;

603 Seiten,

24,90 Euro

Janina Fleischer

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