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Ungeschminkter Alltag - Leipziger DOK-Filmfest beginnt vielversprechend

Ungeschminkter Alltag - Leipziger DOK-Filmfest beginnt vielversprechend

Versprochen wird vorher immer viel. Kennt man ja. Aber dieses Jahr scheinen die Versprechungen der Dokwoche-Chefs tatsächlich einzutreffen: Der Internationale Wettbewerb ist wirklich einer der stärksten der letzten Jahre.

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"A Folk Troup" von Gang Zhao: Beobachtungen bei einem Wandertheater, das mit traditionellen Sichuan-Opern durch das ländliche China zieht.

Quelle: Dokwoche

Leipzig. Er begann gestern jedenfalls sehr vielversprechend.

Aus Helsinki, Tel Aviv und Chengdu (China): Bilder einer sozialen Wirklichkeit jenseits der Schlagzeilen. Nüchterne Blicke in den ungeschminkten Alltag von Menschen, die sich durchschlagen, die am Rande leben, deren Träume so karg sind wie die Wirklichkeit, mit der sie tagtäglich fertig werden müssen.

Zum Beispiel an Helsinkis Peripherie, in einem Plattenbau, der auch nicht idyllisch zu glühen beginnt, wenn die späte Sonne darauf steht. In dem Haus leben Jane, Toni, Mira, Pete und Make. Eng die Zimmer, klein die Dinge, mit denen sie ihre Tage ableben. Trinken, qualmen und quatschen, abhängen und zusammen hocken. Ein bisschen nach draußen gehen, rauchen und in die Gegend blicken. Viel zu sehen gibt es nicht. "Dieser Ort frisst deine Seele", sagt einer. Ein anderer fragt, was er in der verdammten Zukunft sieht - und hält sich den Finger an die Schläfe. Peng. Pete hat eine kleine Tochter, die er vermisst, und seit sechs, sieben Jahren keine Arbeit, Mira, die abgehauen ist, weil es mit den Eltern nicht mehr ging, ist schwanger. Der Vater des Kindes ist gewalttätig. Er darf sich ihr nicht mehr nähern. Die meisten sind in den 20ern und verschluckt vom grauen Leben, Make ist 44 und hat Krebs. Der Tod ist kein Problem, sagt er, die Kosten der Beerdigung sind es schon.

"Hilton! - Here for Life" von Virpii Suutari (Finnland) zeichnet ein intensives Gruppenbild der Hoffnungslosigkeit. Ein bisschen Wärme gibt es nur, wenn die Ausgestoßenen zusammen sind. Dann vergessen sie für den Moment ihre tristen Geschichten. Ein bitterer Geschmack bleibt immer - und jene kalte Trostlosigkeit, die im Anblick der kahlen Ästen ohne Schnee liegt.

Pulsiert in "Hilton!" das Leben atmospärisch, in vielen Blicken in die ungemütlichen Wohnungen, redet in "Super Women" von Yael Kipper und Ronan Zaretzky (Israel) ein Arbeitsalltag, der die Kassiererinnen eines Supermarktes in Tel Aviv aussaugt. Frauen, die aus Russland eingewandert sind, die an Universitäten studiert haben, die mal Chefin waren in der Sowjetunion und nun im ersehnten gelobten Land wenig gelobt werden. Das Geld reicht hinten und vorn nicht, der Druck auf die Schnelligkeit beim Abkassieren nimmt stetig zu. Nathan, der Chef, will die Schichten kürzen, Nella, die Gewerkschafterin, verhandelt fast jeden Tag.

Die Kassiererinnen sitzen in den Pausen draußen oder in einem kleinen Raum, reden ständig über ihre zunehmenden Sorgen, rauchen hastig, blicken resigniert vor sich hin. Der Mann von einer möchte gern noch ein Kind. Doch daran ist gar nicht zu denken. Dass sie die Auswanderung nach Israel bereut, sagt keine, aber in den Erinnerungen schwingt oft so ein melancholischer Ton mit. Immer wieder beobachtet die Kamera farbige Männer, die saubermachen. Immer wieder verkünden Durchsagen auf der Tonspur, was heute noch ganz billig im Angebot ist.

"Super Women" lebt von seinen Untertönen, von seinen Blicken in Gesichtern, die lauter reden als die ohnehin schon nicht gerade leisen Reden der Frauen. Als undercover getestet wird, wie hurtig kassiert werden muss, damit möglichst wenig Käufer an den Kassen stehen, reicht es: Die Frauen fahren zur Gewerkschaft. Ohne belehrendes Ausrufezeichen. Einfach so.

Einfach so geht im Wandertheater der 38-jährigen Zhao Li gar nichts. Sie muss für Auftritte sorgen, sich mit arroganten Kulturbehörden herumschlagen, Plakate kleben, Flyer verteilen, Lebensmittel auf dem Markt einkaufen, kochen und abends in den traditionellen Sichuan-Opern auch noch auf der Bühne stehen. "A Folk Troup" von Gang Zhao (China) porträtiert eine Schauspielertruppe, die in provisorischen Schuppen weit abseits der städtischen Zentren auftritt - vor allem vor alten Männern. Eine Truppe, in der auch schon mal Streit ausbricht und die nach jeder Vorstellung ihre Beine und ihre blauen Flecken pflegen muss.

Eine wunderbare, warmherzige Beobachtung. Die Kamera ist immer ganz nah dran, die knallbunten Kostüme und die geschminkten Gesichter stehen in harten Kontrast zum grauen Alltag der Männer und Frauen, die jahrelang für ihre typisierten Figuren mit den geheimnisvollen Gesten geübt haben. Rund herum ist ständig Abriss im Gange. Ein Menetekel für dieses Theater.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 30.10.2013

Norbert Wehrstedt

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