Volltextsuche über das Angebot:

6 ° / 6 ° wolkig

Navigation:
Google+ Instagram YouTube
Unmut trotz starker Beiträge: Erstes Leipziger Dramaturgie-Festival „Intro“

Fazit Unmut trotz starker Beiträge: Erstes Leipziger Dramaturgie-Festival „Intro“

Ein wenig seltsam klingt das schon: ein „Festival für Dramaturgie“. Was soll das sein? Wen interessiert das? Braucht es das? In Leipzig jedenfalls fand es jetzt, vollgepackt mit „Performance, Kunst und theatraler Vielfalt“, anderthalb Wochen lang bis zum Sonntag unter dem Namen „Intro“ statt. Organisiert haben es Dramaturgie-Studierende der Theaterhochschule.

Leipzig. Man weiß es ja: Der Berufsstand des Dramaturgen hat es erstens schwer und ist zweitens eine ziemlich deutsche Erfindung (was das Erstens teilweise erklären mag). Dem Wunschdenken der Aufklärung entsprungen, Maßgebliches beizutragen zur moralischen Aufhübschung des Menschen, hatte man, wie es schon mal irgendwo schön verkürzt auf den Punkt gebracht wurde, den Hans Wurst kurzerhand aus dem Theater geworfen und durch den Dramaturgen ersetzt. Was jetzt hier natürlich nicht dessen Rolle definieren soll.

Allerdings: Eine der wesentlichen Intentionen zu diesem Intro-Festival scheint durchaus die, zu zeigen, dass man als Dramaturg und vor allem auch Dramaturgie-Student eben nicht der Hans Wurst vom Dienst sein will. Und das gerade auch mit Blick auf Konstellationen an der hiesigen Hochschule.

Dezidiert wurde da von den Festivalmachern zum kritischen Dialog geladen. Zum Versuch einer Kontroverse darüber, was Dramaturgie heute ist – und was sie sein könnte. Wie und was dabei gelernt wird in Theorie und Praxis und welche Möglichkeiten der Mitbestimmung in der Ausbildung es gibt: „Weil es um Dialog geht. Weil Dialog nicht nur Konsens ist, sondern auch Streit“, so die Intro-Programmatik.

Ganz offensichtlich gibt es da von Seiten der Studierenden einigen Gesprächsbedarf. Den der Lehrkörper indes wohl nicht teilt. Auf einschlägige Einladungen habe der mit Schweigen reagiert, erläutert Philipp Urrutia, maßgeblicher Organisator des Festivals: „Unsere Anliegen haben wir nicht als im Fokus empfunden.“

Theater, die sich dem Effizienzdiktat unterwerfen

Und so bleibt man auch zur Abschlusskundgebung am Sonntag in der Bosestraße unter sich, zum Meeting unter freiem Himmel, wo dann ein doch recht übersichtliches Häuflein eher einvernehmlich diskutiert. Tenor: Unmut über Hierarchien im Studium (eine Studentin: „Was ich hier erlebt habe, ist zwei Jahre Begrenzung“), Unmut über einen Mangel an Vernetzung, Unmut über die „Angst der Hochschule vor Veränderung“, durch die „Dramaturgie zum U-Boot der Tradition“ in einem „sich wandelnden Theater“ werde. Was wiederum die Frage aufwirft, ob die Theater (und das meint vorrangig die Stadttheater) überhaupt „auch noch Freiräume zum Scheitern“ bieten oder schon gänzlich dem „gesellschaftlichen Effizienzdiktat“ unterworfen seien. Eine einzige – und durchaus mal wohltuende – Gegenstimme im Negativtenor gibt es dann auch („Wenn man sich bewegt, bewegt sich auch was“), bleibt aber die Ausnahme von der Regel.

Es wäre auch deshalb in der Tat interessant gewesen, was Dozenten und Professoren zu diesen Kritikpunkten zu sagen gehabt hätten. Sind sie überzogen, schulden sich eher subjektiven Befindlichkeiten als objektiven Einschätzungen? Möglich. Zugleich aber braucht man nur mal an einer Bühne wie dem Lofft nachzufragen, etwa Produktionsleiterin Anne-Cathrin Lessel, unter deren Ägide auch im Werkstatt-Programm junge Theatermacher erste Gehversuche unternehmen: „Es lässt sich nicht leugnen, wir stellen das durchaus fest“, so Lessel, „dass es da immer wieder große Defizite gibt bei den Kenntnissen um Produktionsprozesse wie auch bei den Kompetenzen im Theorie-Praxis-Transfer.“

Was sich, mit Blick auf eine freie Bühne wie das Lofft, auch der Hochschul-Fixierung auf Stadttheaterstrukturen schulden mag. Ein Argument indes, was dann wieder flugs das Traditions-U-Boot auf der Oberfläche auftauchen ließe. Dem dann seinerseits ein in all seinen Schwächen und Schwankungen gelungenes Festival gegenübersteht. Urrutia: „Es ist ein Festival, auch um herauszubekommen, was wir wollen und können.“

Wucht, Frische und Unmittelbarkeit

Und das ist dann eben gar nicht so wenig, wie auch das Programm der aufgeführten Master-Abschlussprojekte zeigt, deren Vernetzung und Einladung Urrutia oblag. Man muss sich da nur mal eine Inszenierung wie die „Kleinstadtnovelle“ (Produktion: Theaterakademie Hamburg) anschauen. Prosa zur Dramatik umzumodeln, ist ja inzwischen schon zum Dramaturgie-Standardprogramm geworden. Hier aber gelingt das mit Schernikaus Roman selbst in gelegentlich redundanten Momenten mit einer Wucht, Frische und Unmittelbarkeit, die dann den Schauspielern eben auch jene Freiheit zum Spielen gibt, die am Gegenwartstheater alles andere als selbstverständlich ist. Dass nun dieses fehlende Selbstverständnis auch etwas mit der Entwicklung einer Theaterkultur zu tun hat, die sich einstmals den Dramaturgen erfand, ist ein anderes, durchaus diskussionswürdiges Thema. Vielleicht für ein nächstes Intro-Festival.

Von Steffen Georgi

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus News
  • Dreamhack Leipzig

    Auf der Dremhack 2017 treten die besten Computerspieler gegeneinander an. mehr

  • Asisi - Welt der Panoramen
    Panometer Leipzig: Alle Infos zum "Great Barrier Reef" und den weiteren Panoramaprojekten von Yadegar Asisi

    Erfahren Sie im Special von LVZ.de alles zum Great Barrier Reef im Panometer Leipzig und den asisi-Panoramen in Dresden. mehr

  • Schau! Das Leipziger Museumsportal
    Schau! Das Leipziger Museumsportal

    Alle Informationen zu den Museen in Leipzig, ihren Ausstellungen und Events auf einen Blick im Special der LVZ. mehr

Blättern Sie hier durch die aktuelle Veranstaltungsbeilage "Applaus" und finden Sie Konzerte, Shows, Ausstellungen, Sport-Events und mehr in Leipzig und Umgebung. mehr

Erfahren Sie mehr auf www.leipziger-museen.de

Leipzig gilt als der Geburtsort der modernen Psychologie. Wie früher und heute im Geist geforscht wurde ist vom 14. September bis zum 16. Dezember 2016 in der Ausstellung "Psychologie in Leipzig - Geburt einer Wissenschaft" zu sehen. Besucher können sowohl Beobachter als auch Versuchsperson sein. Unsere Schau des Monats November! mehr

  • E-Paper
    E-Paper

    Mit unserem E-Paper-Abo können Sie die LVZ in digitaler Form täglich im Original-Layout im Web oder auf Ihrem Tablet lesen. mehr

  • Magicpaper
    Magicpaper

    Wenn Sie an Beiträgen in der gedruckten LVZ das Handy-Symbol entdecken, stehen ab sofort mithilfe der Magicpaper App zusätzliche digitale Inhalte f... mehr

  • Onlineabo

    "LVZ-Online Extra" heißt das Online-Premiumangebot der Leipziger Volkszeitung, das Sie überall auf der Welt und rund um die Uhr nutzen kö... mehr

  • Leipzig Wiederentdeckt
    Leipzig Wiederentdeckt

    Die 13 Filme schildern eine einzigartige Zeitreise durchs 20. Jahrhundert der Stadt Leipzig – von den Anfängen des Films bis zur Wendezeit. Mit bis... mehr

  • So war das damals...
    So war das damals...

    Dies ist ein Geschichtenbuch der besonderen Art: Leserinnen und Leser der Leipziger Volkszeitung erzählen Erlebnisse aus ihrer Kindheit und Jugend,... mehr