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„Unsere Tür steht für alle offen“: Werk 2 in Leipzig feiert 20-jähriges Jubiläum

„Unsere Tür steht für alle offen“: Werk 2 in Leipzig feiert 20-jähriges Jubiläum

20 Jahre Werk 2: Am Freitag feiert das größte Leipziger Freie-Szene-Projekt mit „Ein Kessel Buntes“ um 20 Uhr bei freiem Eintritt offiziell Geburtstag. Im Interview sprechen Vereinschef Jürgen Ackermann, Geschäftsführerin Katja Krause und Booker Roland Bergner über den Verein, die „Kulturfabrik“, das frühere Fremdeln mit dem Standort Connewitz und gerade abgeschlossene Baumaßnahmen.

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Vereinschef Jürgen Ackermann, Geschäftsführerin Katja Krause und Booker Roland Bergner (von links) blicken zurück auf 20 Jahre Werk 2 in Leipzig.

Quelle: Wolfgang Zeyen

Frage:

Leipzig. Mal schnell das Pflichtenheft abgearbeitet: Wer ist das Werk 2 eigentlich?

Katja Krause:

Wir sind ein Verein mit ungefähr 40 Mitgliedern und einem vierköpfigen Vorstand. Dieser Verein stellt alle Leute ein, die hier arbeiten, also zum Beispiel auch mich oder Roland, und er betreibt und verwaltet das gesamte Gelände. Das gehört der Stadt, wir zahlen aber keine Miete.

Jürgen Ackermann:

Dafür sind wir aber eigenverantwortlich, also auch für jede Reparatur zuständig. Und wir vermieten dann weiter an die anderen Vereine hier, also Cammerspiele oder Frauenkultur, um größere zu nennen. Es gibt aber noch eine Menge kleinerer Vereine und andere Mieter hier. Und natürlich müssen wir gegenüber der Stadt ganz penibel abrechnen, was wir hier tun. Womit Katja dann immer ordentlich zu tun hat.

Krause: Institutionell werden wir vom Kultur- und vom Jugendamt gefördert, einen kleinen Teil Projektförderung bekommen wir noch vom Sozialamt.

Gerade diese Vereinsstruktur war über die zwanzig Jahre immer mal wieder mit internem Zoff und persönlichen Streitereien im Gespräch.

Ackermann:

Es gab sicher die einen oder anderen Kantigkeiten, die wir aber gar nicht mehr so nachvollziehen können. Wir drei zum Beispiel sind ja erst seit ein paar Jahren verantwortlich. Natürlich gibt es auf so einem großen Areal auch mal persönliche Geschichten. Ich denke aber, es läuft die letzten drei, vier, fünf Jahre sehr stabil und auf einer heftigen Aufwärtsschiene. Vor allem seit die Halle D fertig ist, können wir über manche Sachen, die gewesen sind, einfach mit den Schultern zucken und lächeln.

Immerhin:

Der Geschäftsführerinnen-Verschleiß war außerordentlich in den zwanzig Jahren. Ein bisschen Angst?

Krause:

(lächelt) Eigentlich nicht.

 

Ackermann:

Wenn man mit anderen Läden vergleicht, sagen wir mal: naTo oder Anker, die seit zwanzig Jahren dieselbe Geschäftsführung haben, ist das sicher ein Weg, wie ich agieren kann. Bei uns ist das aus jeweils auch unterschiedlichen Gründen eben anders gelaufen. Mal war es eine ernsthafte Krankheit, mal hat sich jemand aus persönlichen Gründen entschlossen, einen anderen Weg zu gehen. Ich seh das nicht nur als Nachteil.

Krause:

Ich seh das auch nicht so, dass man jetzt auf diesem Stuhl festgenagelt ist. Ich bin ja nun auch schon zehn Jahre dabei und hab ganz viele verschiedene Etappen durch. Angefangen hab ich als Minijobberin für Öffentlichkeitsarbeit, dann ist der Eventbereich dazu gekommen. Und jetzt diese große Aufgabe, bei der ich mir gesagt habe: Okay, ich versuch’s. Und ich habe auch nach diesen Jahren das Gefühl, dass, wie das ganze Team gerade funktioniert und wie es zusammengestellt ist, wie es sich entwickelt, eine ganz neue Motivation da ist. Auch mit den Möglichkeiten, die wir jetzt haben, mit der Halle D und den Gastro-Einnahmen, ordentliche Verträge mit den Leuten machen zu können.

Wie viele Leute seid ihr?

Krause:

Wir sind jetzt ein Dutzend Festangestellte. Mit allen Azubis, Umschülern, Praktikanten, Minijobbern, Honorarkräften sind wir über 40 Mitarbeiter.

Roland Bergner: Die wir auch brauchen, bei dem Aufwand, den wir mit den beiden Hallen jetzt betreiben. Anders formuliert: Wir brauchen eigentlich noch mehr.

Alle Welt kennt das „Werk 2“, ihr versucht jetzt die Dachmarke „Kulturfabrik“ zu etablieren.

Ackermann:

Den Grundgedanken einer Dachmarke gibt es eigentlich schon seit den Neunzigern. Damals hieß das aber „Werk 2 Trägerverein“. Das hat natürlich nicht funktioniert. Aber der Gedanke ist geblieben. Es gibt dieses Riesengelände mit hauptsächlich vier Vereinen, die nach außen aktiv sind. Das Publikum kommt hier her und kann das eigentlich gar nicht unterscheiden, zu wem sie gerade genau gehen. Warum sollten wir da nicht bündeln, gemeinsam nach außen auftreten? Eben nicht nur die Cammerspiele oder eben das Werk 2. Das hilft uns ja auch, besser zusammenzuarbeiten.

„Kulturfabrik“ klingt aber auch ein bisschen beliebig.

Ackermann:

Natürlich gab es eine lange Diskussion über den Namen. Das ist ja die Lieblingsdiskussion schlechthin, die dauert immer ewig. Und das Werk 2, das sind ja eigentlich nur wir, war für die anderen eben immer zu stark präsent. „Kulturfabrik“ war der kleinste gemeinsame Nenner. Ob sich das in den nächsten fünf Jahren durchsetzt … Das darf ich jetzt eigentlich gar nicht sagen, da werde ich wahrscheinlich gelyncht: Die Leute sagen sicher trotzdem weiter „Werk 2“.

Wie läuft die Zusammenarbeit mit der Stadt?

Krause:

Sehr gut! Die Leute sind sehr offen. Zumindest in den letzten zwei Jahren, wo ich mit den Ämtern rede, habe ich keine Probleme. Es gibt einen großen Willen, das Werk 2 zu unterstützen. Zumindest wäre zum Beispiel die künftige Veranstaltungssaison ohne die neue Zufahrt (an der Nordseite, direkt zu den Hallen, d. A.) sehr schwierig zu machen.

Da hat die Stadt ja nur mit sehr viel Mühe ausgebügelt, was sie euch vorher mit ganz wenig Mühe eingebrockt hat – nämlich die alte Zufahrt durch Unachtsamkeit zu versemmeln.

Ackermann:

Ja, natürlich, gerade diese Sache hat die Stadt damals komplett verpennt, das Vorkaufsrecht für das angrenzende Gelände, auch baurechtliche Dinge. Aber seitdem wir auch politisch gezeigt haben, dass wir nicht irgendjemand sind, mit dem man so was einfach machen kann, ist die Situation auch etwas anders.

Es gibt ja noch ein paar mehr Punkte, die an der Kompetenz und dem Willen der Stadtverwaltung ein wenig zweifeln ließen: Die letztendlich sehr teure „Übersanierung“ der Halle A zum Beispiel oder das endlose Gezerre um die Halle D.

Ackermann:

Es ist ja immer die Diskussion: Welche Mittel gebe ich für die Freie Szene aus? Es wurde ja jetzt viel gemacht, beim Werk, beim Conne Island, beim Anker. Ohne politischen Druck wäre das sicher nicht passiert. Es gibt immer so Phasen, wo die Stadt erkennt, dass die Freie Szene ein Pfund für Leipzig ist, mit dem man wuchern kann. Und es gibt dann wieder Phasen, wo das komplett vergessen wird. Man muss schon sehr aktiv sein. Dass die Stadt ankommt und sagt, „Wir haben da noch was übrig, was braucht ihr?“, das passiert natürlich nicht.

Man könnte ja fast vermuten, es gäbe inzwischen ein bisschen Neid auf euch in der Freien Szene, weil es ja gerade wirklich gut läuft.

Krause:

Das Gefühl habe ich nicht. Wir treffen uns ja in der AG Soziokultur. Da spricht man sich schon ab, wenn es um nötige Investitionen geht. Und es ist auch völlig klar, dass wir als Werk 2 in nächster Zeit nicht als erste die Hand heben, wenn es um Mittel geht. Wir sind uns schon bewusst, dass jetzt erst mal wieder andere dran sind. Es gibt da auch ganz klare Absprachen.

Es gibt immer mal wieder den Vorwurf, das Werk 2 würde mit seinem Umfeld, also mit der Connewitzer Szene, ein wenig fremdeln.

Krause:

Also ich kann das bestätigen, wenn ich auf meine zehn Jahre zurückblicke. Es gab immer Situationen, wo Leute, die hier gearbeitet haben, nicht aus dem Stadtteil kamen, und auch nicht diesen Bezug zum Stadtteil hatten. Man kann auch diese schlimme Bushido/Sido-Diskussion anführen. Ich fand das nicht gut, die sich hier in einem Träger der Jugendhilfe einmieten zu lassen und es wurde dann dieses Schreiben formuliert. Und ein Jahr später fand das Konzert wieder statt und dasselbe Schreiben wurde hingehangen. Da wurde dann auch mal vergessen, das Datum zu ändern. Das waren schon völlig bescheuerte Dinge, man macht sich damit auch lächerlich. Aber da gab es halt den Anspruch noch nicht. Deshalb bin auch froh, dass wir jetzt Roland als Booker haben, der ist eben jemand aus dem Stadtteil, hat eine andere Sozialisation gerade durch das Conne Island hinter sich. Es sind auch ganz viele neue Mitarbeiter da, die einen anderen Blick auch auf musikalische Dinge haben. Die auch vertreten, was wir hier wollen. Das wurde bei Personalfragen früher nie bedacht oder hinterfragt. Uns ist jetzt auch der kulturelle Background sehr wichtig, zum Beispiel bei Azubis, bei den Leuten, die wir hier im Haus haben.

Bergner:

Wir verschließen uns dem Stadtteil nicht, im Gegenteil. Wir sind mit dem UT Connewitz in Kontakt, mit Leuten aus dem Conne Island, unsere Tür steht eigentlich für alle offen. Sachen wie Bushido und Sido – und da gibt es ja noch zehntausend andere – würden wir sicher heute einfach nicht mehr machen. Es geht darum, an einem kulturellen Profil zu feilen, das auch hier in den Standort reinpasst. Aber nicht nur wegen dem Standort, sondern weil wir das auch inhaltlich so wollen.

Du darfst noch ins Conne Island?

Bergner:

(lacht) Ich bin regelmäßig dort und lege am Samstag auch da auf.

Das Werk 2, mit diesen zwei Hallen, das dürfte der attraktivste Booker-Job sein, den Leipzig zu bieten hat.

Bergner:

(lächelt) Das kann ich nur bestätigen.

Hast du eine Art Masterplan, eine Linie, wo es musikalisch hingehen soll?

Bergner:

ich finde, es gibt viele kulturelle Ausrichtungen, die Leipzig einfach noch nicht abarbeitet. Da kann man sich etablieren, das kann man zum Thema machen. Es war für mich nie so, dass ich meinem alten Laden, dem Conne Island, etwas wegnehme und hierher trage. Es geht darum, das kulturelle Profil der Stadt zu erweitern. Ich finde ja, dass Leipzig prinzipiell einen guten Namen hat, was Konzerte angeht. Ich bin ja auch viel mit Bands unterwegs und es gibt wenige Städte, die so ein Profil haben wie wir.

Ist das eine gesunde Konkurrenz zwischen den Konzertläden?

Bergner:

Es hat ja jeder Club sein eigenes Profil. Sicherlich gibt es da auch Konkurrenz. Aber das ist ja nicht schlimm, das bringt ja eher die Sache voran. Wenn irgendwo ein Angebot nicht genutzt wird, macht es halt ein anderer. Das war nicht immer so und das tut der ganzen Szenerie auch gut.

Ist diese Präsenz des Konzertortes Werk 2 nicht übermächtig gegenüber euren Kulturfabrik-Partnern?

Krause:

Nein, dadurch, dass die vier Vereine völlig unterschiedliche Ausrichtungen haben. Es bietet uns allen schon räumlich völlig neue Möglichkeiten. Wir gehen ja jeweils auch in die Räume der anderen, wenn eine Veranstaltung zu groß oder zu klein ist für die eigenen. Da soll es ja auch hingehen, dass jeder sein Profil behält, aber sich räumlich öffnen kann.

Bergner:

Ich habe jetzt, seit zwei Jahren bin ich hier, das Gefühl, dass es mehr zusammen wächst. Es gibt mehr Auseinandersetzung miteinander. So war das sicher früher nicht.

Ackermann:

Man hat halt lange aneinander vorbei agiert. Deshalb ist es schön, dass es jetzt diese Kontakte gibt.

Auffahrt wieder da, Halle D ist offen, Kulturfabrik-Projekt läuft. Alles abgehakt, was nun?

Ackermann:

Mann muss bloß hinten zur Halle 5 schauen, die ist in sehr marodem Zustand. Das wäre das nächste sehr dringende Sanierungsprojekt, eigentlich der ganze hintere Bereich. Es gibt auch im Inneren noch so manche Ecke, wo du siehst, dass dort 20 Jahre nichts passiert ist. Und dann Toilettenbereiche, Wasserleitungen, Elektro, Fußböden … Da ist noch viel, viel zu tun.

Krause:

Und abgesehen vom Baulichen, also inhaltlich, gibt es bestimmt auch noch Steigerungsmöglichkeiten. Da stoßen wir im Moment aber auch echt an unsere Kapazitätsgrenzen, es ist ja fast täglich Veranstaltung, manchmal sogar doppelt. Und es ist leider für uns schwierig, junge Leute zu akquirieren, die einfach Bock haben, hier was zu machen, ohne, dass man sie auch gleich finanziell entlohnen muss.

20 Jahre Werk 2, Feierwochen, gönnt man sich da was Besonderes?

Krause:

Wir haben da lange drüber diskutiert, wie und wie lange man das gestaltet. Wir haben dann aber festgestellt, dass es nicht sinnvoll ist. Es wäre ja schon schwierig, Band XY genau in diese Wochen zu kriegen. Und es deckt dann ja auch nicht wirklich diese Vielfalt ab. Also haben wir gesagt: Wir starten einfach im September und kennzeichnen das restliche Jahr: Das ist, was für uns spricht und das sind wir.

Bergner:

Wir gönnen uns ja „Ein Kessel Buntes“ am Freitag. Das ist etwas, wo wir sagen: Okay, es geht um Jahre Werk 2. Da will man vielleicht auch ein bisschen mehr als die normale Zielgruppe erreichen, deshalb auch ohne Eintritt.

Ackermann:

Das ist unsere öffentliche Geburtstagsfeier.

Krause:

Unser Geschenk für alle zum 20.

Interview: Jörg Augsburg

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