Volltextsuche über das Angebot:

9 ° / 3 ° Sprühregen

Navigation:
Google+ Instagram YouTube
Unter der Oberfläche der Produktionsmittel: Diskurs zur elektronischen Musik im Schauspielhaus

Unter der Oberfläche der Produktionsmittel: Diskurs zur elektronischen Musik im Schauspielhaus

"Das Arbeitsmittel ist ein Ding oder ein Komplex von Dingen, die der Arbeiter zwischen sich und den Arbeitsgegenstand schiebt" - so steht es in Marx' Klassiker "Das Kapital", und zumindest Asmus Tietchens dürfte das damals schon mal gelesen haben, als "sehr links" im Hamburg der hoch politisierten Spätsechziger.

Am Ende ist alles eine Frage der Produktionsmittel. Auch und gerade beim Arbeitsgegenstand Musik.

Eine illustres Duo hat sich am Montagabend im Foyer des Schauspielhauses eingefunden: Hans-Joachim Roedelius und Asmus Tietchens gehören zur ersten Liga der deutschen Musikavantgarde. Es ist ein bemerkenswert durchdachter Coup, ausgerechnet sie zum neuen "Diskurs"-Format einzuladen, das Theorie und Praxis, Gespräch und Musik verbinden soll. Denn es geht um die "Entwicklung elektronischer Musik".

Eine der grundlegenden musikhistorischen Wurzeln der aktuellen Clubkultur lässt sich dabei problemlos in der Musique Concrète ausmachen, die Tietchens als Jugendlicher noch nächtelang im Radio hören konnte. Eine andere im einzigen tatsächlich originären Beitrag der westdeutschen Musikszene zum Kanon der Popkultur: Krautrock. Als Mitbegründer des kurzlebigen aber nichtsdestotrotz legendären Berliner Zodiak Free Arts Lab und des weltweit enorm einflussreichen Bandkollektivs Kluster (später: Cluster) war Roedelius einer dessen zentraler Akteure. Das Gespräch mit den beiden hätte spannend werden können.

Leider ist die Zeit viel zu kurz, bremst die einzig der amerikanischen Moderatorin Geeta Dayal geschuldete Wahl der englischen Sprache deutlich den Wort- und Gedankenfluss und fällt der im Thema eigentlich renommierten Autorin kaum mehr ein, als immer wieder zu erzählen, was für eine "incredible honor" es sei, hier mit den alten Herren am Tisch zu sitzen. Der vierte im Bunde aber ist jung und darf so ziemlich genau einmal zu Wort kommen. Dabei hätte der Leipziger Mix Mup ganz sicher auch etwas beitragen können, immerhin gilt er als einer, der sich sehr viele Gedanken darüber macht, an was und wie er arbeitet.

So bleibt es bei ein paar - nichtsdestotrotz spannenden - Anekdoten und Einsichten. Eben zu den Mitteln, mit denen man Musik produzieren kann, wenn man, so Roedelius, "kein Musiker ist, keine Noten lesen kann und kein Interesse an Musikhistorie hat". Oder wie Tietchens einfach ums Verrecken keine Gitarre lernen kann, weil man Linkshänder ist und noch niemand von Paul McCartney und Jimi Hendrix gehört hat. Und davon, dass man eine Gitarre auch andersherum bespannen kann. Steht ja nicht in der Gebrauchsanleitung. Die immer sofort wegzuwerfen, ist von Anfang an ein grundlegendes Arbeitsprinzip beider.

Viel Zeit müsse man sich allerdings nehmen, erklärt Tietchens noch, nicht nur an der Oberfläche der Synthesizer oder Software dürfe man bleiben, sonst klinge eben alles gleich; wie heute ganz oft, impliziert das selbstverständlich. Zeit haben die gut hundert deutlich interessierten Besucher denn auch mitgebracht: Bis weit nach Mitternacht folgen sie aufmerksam der musikalischen Praxis im angenehm rauen Charme der Baustelle.

Während Roedelius eine routinierte Ambient-Werkschau zwischen Vogelgezwitscher und unheilvoll kratzendem Dräuen abliefert, demonstriert die exzellente Arbeit Tietchens auf aktuellem Stand der Technologie, was er mit "man braucht nur Tonbandgerät, Schere, Klebeband" vorher gemeint hat. Der Klang eines Rohres zum Sand- und Steinabtransport beim Hamburger U-Bahn-Bau wird zum ebenso kontemplativen wie aufkratzend schmirgelnden Noise-Event. Danach sitzen die beiden fachsimpelnd in der Ecke, während Mix Mup den klassischen neuzeitlichen Knöpfchendreher gibt, der zunehmend verfremdete Töne immer wieder durch seinen Gerätepark schleift. So geht Diskurs natürlich auch.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 14.05.2014
Jörg Augsburg

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus News
  • Schauspiel Leipzig
    Mikrologo Schauspiel Leipzig

    Theater in Leipzig: Höhepunkte, Premieren, Spielplan und Angebote der Spielzeit 2016/2017 im Schauspiel Leipzig mehr

  • Dreamhack Leipzig

    Auf der Dremhack 2017 treten die besten Computerspieler gegeneinander an. mehr

  • Asisi - Welt der Panoramen
    Panometer Leipzig: Alle Infos zum "Great Barrier Reef" und den weiteren Panoramaprojekten von Yadegar Asisi

    Erfahren Sie im Special von LVZ.de alles zum Great Barrier Reef im Panometer Leipzig und den asisi-Panoramen in Dresden. mehr

  • Schau! Das Leipziger Museumsportal
    Schau! Das Leipziger Museumsportal

    Alle Informationen zu den Museen in Leipzig, ihren Ausstellungen und Events auf einen Blick im Special der LVZ. mehr

Blättern Sie hier durch die aktuelle Veranstaltungsbeilage "Applaus" und finden Sie Konzerte, Shows, Ausstellungen, Sport-Events und mehr in Leipzig und Umgebung. mehr

Erfahren Sie mehr auf www.leipziger-museen.de

Leipzig gilt als der Geburtsort der modernen Psychologie. Wie früher und heute im Geist geforscht wurde ist vom 14. September bis zum 16. Dezember 2016 in der Ausstellung "Psychologie in Leipzig - Geburt einer Wissenschaft" zu sehen. Besucher können sowohl Beobachter als auch Versuchsperson sein. Unsere Schau des Monats November! mehr

  • E-Paper
    E-Paper

    Mit unserem E-Paper-Abo können Sie die LVZ in digitaler Form täglich im Original-Layout im Web oder auf Ihrem Tablet lesen. mehr

  • Magicpaper
    Magicpaper

    Wenn Sie an Beiträgen in der gedruckten LVZ das Handy-Symbol entdecken, stehen ab sofort mithilfe der Magicpaper App zusätzliche digitale Inhalte f... mehr

  • Onlineabo

    "LVZ-Online Extra" heißt das Online-Premiumangebot der Leipziger Volkszeitung, das Sie überall auf der Welt und rund um die Uhr nutzen kö... mehr

  • Leipzig Wiederentdeckt
    Leipzig Wiederentdeckt

    Die 13 Filme schildern eine einzigartige Zeitreise durchs 20. Jahrhundert der Stadt Leipzig – von den Anfängen des Films bis zur Wendezeit. Mit bis... mehr

  • So war das damals...
    So war das damals...

    Dies ist ein Geschichtenbuch der besonderen Art: Leserinnen und Leser der Leipziger Volkszeitung erzählen Erlebnisse aus ihrer Kindheit und Jugend,... mehr