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Unverwechselbar: Andreas Reimann

70. Geburtstag Unverwechselbar: Andreas Reimann

Der Dichter Andreas Reimann feiert seinen 70. Geburtstag mit Band 1 der Werkausgabe: eine Erstveröffentlichung, denn der Zyklus war verschollen.

Der Schriftsteller Andreas Reimann .

Quelle: LVZ

Leipzig. Sie kommen spät, doch auch pünktlich. Zum 70. Geburtstag des Dichters Andreas Reimann erscheint Band 1 der Werkausgabe. „Kontradiktionen“ ist der Titel, versammelt sind Gedichte aus den Jahren 1964 bis 1966, hinzu gesellen sich „Die neuen Leiden der jungen Lyrik“: Essays und Diskussionsbeiträge, die 1974/76 in der Zeitschrift „Sinn und Form“ erschienen sind.

Zu Wort kommt also der sehr junge Reimann, und dass sich in den Gedichten und Texten dennoch ein Porträt des 70-Jährigen zeigt – das entspricht seinem Stil, seinem Formwillen, seiner Art, erkennbar zu sein, unverwechselbar. Deutlich wurde das auch vor zehn Jahren, als zum 60. „Der trojanische Pegasus“ erschien, 150 ausgewählte Gedichte aus 50 Jahren. Das nun vorliegende Buch ist in anderer, auch mehrfacher Hinsicht besonders.

Geschrieben hat Reimann die Texte Anfang 1964 bis Anfang 1966, mit 17 bis 19 Jahren. Und wenn sie nun zum ersten Mal erscheinen – dann genau 50 Jahre nach dem ersten avisierten Drucktermin. Doch der Dichter wurde vorzeitig vom Literaturinstitut Leipzig exmatrikuliert, das Ministerium für Staatssicherheit eröffnete den „Operativen Vorgang Autor“, er wurde wegen „staatsgefährdender Hetze“ zu zwei Jahren Haft verurteilt. Danach konnte er nicht mehr in geschlossenen Räumen arbeiten.

Ein Großteil des ersten Manuskripts kam abhanden. Aufgetaucht ist es – Zynismus der Geschichte – erst wieder mit Reimanns Stasi-Akten. So können die „Kontradiktionen“ nun doch noch erscheinen – was auch Peter Hinke von der Connewitzer Verlagsbuchhandlung zu verdanken ist und der Andreas-Reimann-Gesellschaft e.V.

Andreas Reimann

Andreas Reimann: Kontradiktionen. Gedichte und Essays.Connewitzer Verlagsbuchhandlung;128 Seiten, 20 Euro

Quelle: Verlag

Der Literaturwissenschaftler Peter Geist, Kenner des gesamten Werks, sagt: „Gedichte vergleichbarer Intensität, die die ,verfluchte narbe aus zement’ zum Thema erheben, sucht man in der deutschen Lyrik dieser Zeit vergebens. Diese literaturgeschichtlich erheblichen Leistungen der Lyrik dieses Dichters harren nach wie vor des Eingangs in die historische Aufarbeitung.“

Dem Heimweh gehen schon früh die Wörter nach, „Werd glatt,/ du borstenpelz der heimwehklette,/ denn unterm schotter folgt die stadt.“ Eine „Hymne vom Fahren“ ist dieses Gedicht, von der Ambivalenz des Abschiednehmens. „Ein abschied darf so groß nicht sein,/ daß uns kein abschied übrigbleibt.“ Die Verse sind ein Einfall der Wörter in die Welt, wie man sie weniger sehen als spüren kann. Wörter wie „knisterspröd“ und„erschütterungsbitter“.

Fahrten sind es immer wieder. Züge. Fort. Zu reisen kann ja nie nur etwas Äußerliches sein. In der „Elegie zwischen zwei zügen“ heißt es: „Leb nicht. Bin nicht tot. Nenns warten./ Hektisch morst die schreibmaschine./ Nächtlich sauf ichs irisgrüne/ anti-wasser, kipp den harten/ oft sto gramm, da schlaf ich gut./ Aber noch in morpheus blut/ grolln die großen überfahrten.“

Je tiefer man in diese Elegien blickt, umso herausfordernder schauen sie zurück. Sie kommen aus einer anderen Zeit in einer Sprache, die sich selbst erschafft. Nichts klingt leicht. Der Dichter fügt eine Welt aus dem, was er vorfindet, er findet das Verlorene.

Dem Zyklus „Kontradiktionen“ folgen Gedichte aus der Zeit vor 1964 und Gedichte, dem Buch „Die Weisheit des Fleischs“ zugehörig, die in diesem Band 1 der Werkausgabe eine kleine Werkschau gestatten. Dazu gehört auch, die Form zu studieren. Um die geht es im Essay „Die neuen Leiden der jungen Lyrik“ aus dem „Sinn und Form“-Heft 2/1974. „Festzustellen ist der Niedergang des Formbewusstseins in einem Grade, dass es bedenklich erscheint, noch auf dem Gattungsbegriff zu beharren.“ Der neue Inhalt, schreibt Reimann, verkommt durch die neue Form. „Wo Form nicht zählt, verfällt das Individuelle.“ Er geht hart ins Gericht mit den Lyrikern jener Zeit, mit den Gedichten, die veröffentlicht wurden in Anthologien oder verschiedenen Heften der Reihe „Poesiealbum“. Die sich anschließenden Reaktionen der Kollegen wirken teils recht angekratzt.

Jedenfalls zeigt sich der emotionsbewusste Lyriker Reimann hier als ein Kritiker höchster Schule: einer Schule der Ernsthaftigkeit bei absolutem Gehör für die Zwischentöne der Wahrhaftigkeit, begabt mit Ironie. Wenn es ihm um alles geht, buchstabiert er die einzelnen Teile. Der am 11. November vor 70 Jahren in Leipzig geborene Dichter – er musste nie fort, um hier bleiben zu können, und hat sich doch stets weit genug entfernt, um hier ganz da zu sein.

Andreas Reimann zum 70. Geburtstag: mit den Musikern Christine Artmann, Jens-Uwe Günther, Susanne Grütz, Hubertus Schmidt und anderen; Moderation: Axel Thielmann; am morgigen Samstag, 11 Uhr, Moritzbastei, Universitätsstraße 9; Eintritt frei

Andreas Reimann: Poeten-Museum. Weimar-Gedichte mit Zeichnungen von Rainer Ilg. Hrsg. von Jens-Fietje Dwars; quartus-Verlag Bucha bei Jena; 72 Seiten, 15,90 Euro

Von Janina Fleischer

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