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Uraufführung: Gabriela Monteros Latin Concerto für Klavier und Orchester

MDR-Masken-Festival im Gewandhaus Uraufführung: Gabriela Monteros Latin Concerto für Klavier und Orchester

Zum Abschluss des Masken-Festivals haben Gabriela Montero und das MDR-Sinfonieorchester unter der Leitung seines Chefs Kristjan Järvi unter tosendem Jubel das Latin Concerto der 45-jährigen Venezolanerin uraufgeführt

Gabriela Montero am Klavier.

Quelle: kfm

Leipzig. Es war einst die normalste Sache der Welt: Pianisten waren Komponisten, schrieben sich Werke in die eigenen Finger, bereisten damit die Welt. Gern Bezug nehmend auf modische Strömungen: Haydn und Mozart, Beethoven und Brahms, Schumann und Chopin, Brahms und Rachmaninoff, Ravel und Gershwin. Sie zählten als Pianisten zu den Großen ihrer Zeit und bildeten diese Zeit in ihren Klavierkonzerten ab. Die Klassiker in Form von Sonate oder Menuett, die Romantiker mit Lied-Reflexen, Mazurka, Polonaise, die letzten mit Anleihen beim Jazz.

Danach ist viel Spekulatives auf breiter Front an die Stelle lebendigen Musizierens getreten, und das Klavierkonzert hat sich in die Bedeutungslosigkeit verabschiedet. Im Zentrum dieser Entwicklung steht ein grundlegender Befund: Klavierkonzerte sind Virtuosenfutter. Und Virtuosenfutter muss Spaß machen. Am besten auch dem Publikum, zumindest dem Interpreten. Nicht im Entertainment-Sinne, aber recht banal lässt sich konstatieren: Der Pianist braucht einen musikalischen oder pianistischen, mindestens einen sportlichen Gegenwert für die Mühe, sich so viele neue Töne draufzuschaffen. Dass ein Werk sauschwer ist oder saukompliziert, total anders und sowieso unerhört, reicht nicht – auch den allermeisten Interpreten nicht.

Hoffnung für die Gattung

Und damit sind wir bei Gabriela Montero, 45, als Pianistin fabelhaft, als Improvisatorin ein Naturereignis – und als Komponistin vielleicht eine Hoffnung fürs Klavierkonzert an und für sich. Dies legt jedenfalls legt erster Beitrag zur Gattung nahe, das Latin Concerto, das sie selbst im Gewandhaus am Klavier am Sonntagabend im Abschluss-Konzert von Kristjan Järvi Masken-Festival mit ihm am Pult und dem MDR-Sinfonieorchester aus der Taufe gehoben hat. Mit rauschendem Erfolg.

Das Latin-Concerto funktioniert auf beiden Ebenen: Es ist für die Ohren geschrieben und hält der analytischen Betrachtung stand. Es wuchert nicht improvisatorisch, sondern ist klug entwickelt und gebaut. Es ist pianistisch dankbar, aber nicht angeberisch. Es ist – natürlich – schwer. Aber über die vertrackten Laufkaskaden und ineinander gekanteten Schichten spannt sich sinnstiftend formale und kompositorische Notwendigkeit.

Pianistisch sind die drei aus Mambo, Milonga und Venezolana gezeugten Sätze des Halbstünders filigran gebaut. Eher an Ravel orientiert als an Rachmaninoff, eher an Schumann als an Brahms. Die Harmonik bleibt der Tonalität verbunden, schrickt aber auch vor herben Dissonanzen nicht zurück, was auf Heitor Villa-Lobos verweist, der auch schon die Rhythmen Lateinamerikas als Jungbrunnen für die Gattung entdeckte.

Große Gefühle ohne Gefühligkeit

Doch ist Gabriela Monteros Latin Concerto zwar tief in der Tradition verwurzelt, dabei aber sehr persönliche Musik. Und sehr schöne. Im zentralen Andante beispielsweise, das aus schlichtest möglichem Beginn schöpfend die Kraft Piazzollas mit der emotionalen Lauterkeit und dramatischen Melancholie Chopins unter eine Decke bringt, gönnt Montero sich und ihren Hörern große Gefühle – ohne in die Halbwelten des Gefühligen abzugleiten.

Stehen in diesem kunstvoll gesteigerten Traum aus a-moll Melodie und Harmonie im Zentrum, leben die Außensätze vom Rhythmus. Im Kopfsatz markieren den, nach beschwörendem Klavier-Einstieg mit flirrenden Dissonanzen, die MDR-Sinfoniker, während die Solistin in immer wieder neuen Laufgirlanden einer klassizistischen Virtuosität huldigt. Im Finale ist es umgekehrt: Das Klavier treibt den Satz tänzerisch voran, das Orchester liefert ausgelassene Zwischenrufe bis zur plärrend wohlgelaunten Mariachi-Trompete. Beides jedoch nur als Gerüst, als Ausgangspunkt für Durchdringung, Durchmischung, ja Durchführung. Dabei ist das ganze Werk gekonnt, geistreich, originell, luftig und farbenfroh instrumentiert.

Dass die grandiose Pianistin Gabriela Montero der vielversprechenden Komponistin Gabriela Montero nichts schuldig bleibt, versteht sich von selbst. Und weil diese Musik so ganz nach dem Geschmack Kristjan Järvi ist, ist das Latin Concerto auch bei ihm und seinen Funkern in guten Händen. Nur eine Frage bleibt unbeantwortet: Warum hat die große Improvisatorin in ihrem ersten Klavierkonzert keine Solo-Kadenz vorgesehen?

Einzigartige Ad-hoc-Kunst

Das tut dem ausdauernd tosenden Jubel keinen Abbruch, für den sich Montero erwartungsgemäß via Improvisation bedankt. „Somewhere Over the Rainbow“ ist ihr bei ihrem Leipzig-Debüt 2012 schon einmal aus dem Publikum zugerufen worden. Diesmal führt sie das Thema von Scarlatti über Bach, Bach/Busoni bis Rachmaninoff, und wieder bleiben im Saal die Münder offen angesichts dieser Ad-hoc-Kunst.

Järvi bettet die Uraufführung ein in zwei touristische Werke: des Russen Nikolai Rimski-Korsakovs Capriccio Espagnol und des Deutschen Richard Strauss’ Aus Italien. Bei beiden prunken er und sein Orchester mit satten Farben, erstklassigen Soli, wunderbaren Show-Effekten. Und beide führt er in ständiger Steigerung wie im Rausch an die Grenzen der Spielbarkeit. Da geht im Zweifelsfalle notengetreuer – wirksamer aber kaum. Weder brandet der Jubel hoch, und wieder gibt es eine Zugabe: den Schluss von Strauss’ Oper „Intermezzo“. Aber so nassforsch vom Blatt, dass auf weiten Strecken selbst von Ähnlichkeit kaum die Rede sein kann.

Das Konzert ist für den Rest der Woche nachzuhören unter www.mdr-figaro.de

Von Peter Korfmacher

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