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Uraufführung von Tellkamps „Turm“ in Dresden mangelt es an Sinnlichkeit

Uraufführung von Tellkamps „Turm“ in Dresden mangelt es an Sinnlichkeit

Dresden. „Dresden, in den Musennestern, wohnt die süße Krankheit Gestern", dieser Satz aus Tellkamps Mammutwerk ist der Bühnenfassung prologhaft vorangestellt.

Er kennzeichnet das Bürgertum in den letzten Jahren der DDR, das sich bei innerer Distanz zum System nicht so recht entscheiden kann, wie es sich zum Staat verhalten mag. Flucht, Ausreiseantrag - oder doch mitmachen, den Kollegen bespitzeln? Und diese Entscheidungsfaulheit gilt ein bisschen auch für Wolfgang Engels Inszenierung von Tellkamps „Turm": Die ist handwerklich solide und birgt gute Momente, die dem melancholischen Abgesang auf die DDR eine gewisse Komik verleihen - etwa wenn der ehemalige Leipziger Intendant alle Darsteller die merkwürdige Mütze aufsetzen lässt, die Tellkamp bei der Verleihung des Deutschen Buchpreises trug. Aber es stellt sich während des mehr als dreistündigen Abends mit deutlichen Längen nicht das Gefühl ein, Zeuge eines großen Theatererlebnisses gewesen zu sein - anders als viele sich bei der Lektüre im Besitz eines Stücks Weltliteratur wähnten.

Natürlich ist es eine beinahe übermenschliche Aufgabe, einen 973-Seiten-Roman in ein Bühnenzeitfenster zu pressen. Jens Groß und Armin Petras haben das rigoros und doch behutsam getan. Haben die beiden großen Geschehnisse des ersten Teils - die Geburtstagsfeier des Chirurgen Richard Hoffmann und die Diskussionen über systemkonforme Veröffentlichungen im Verlag von dessen Bruder Meno Rohde - parallel gesetzt, was einen nicht uninteressanten Wechsel ermöglicht. Sie haben aus den zusammenhangslosen Bewusstseinströmen, die Tellkamp in sein Werk einstreut, Versatzstücke herausgenommen, etwa das Lied vom Drehrumbum. Und sie haben den Romaninhalt auf Dialogszenen verdichtet, so dass unheimlich viel geredet wird an diesem Abend. Das bringt einige wirkungsvolle Szenen hervor, zum Beispiel wie die schmierigen Kaminski-Stasi-Zwillinge (Henner Momann und Eike Weinreich) Richard (Holger Hübner) mit seiner außerehelichen Affäre erpressen oder wie dieser mit seiner Frau Anne (Hannelore Koch) bespricht, wie es jetzt weitergehen soll, zum Wohle der Kinder.

Innere, im Stillen ausgetragene Kämpfe müssen bei der Bearbeitung zwangsläufig wegfallen, was besonders deutlich bei Richards Sohn Christian (Benjamin Pauquet) wird, dessen Wanken zwischen dem Ehrgeiz, berühmt zu werden, und der Kapitulation in Schwedt stark verkürzt wird. Doch die Konzentration auf Handlung - und man ist ja schon froh, auf der Bühne mal wieder welche zu sehen - ist legitim.

Das Beste an diesem Abend jedoch ist das Bühnenbild von Olaf Altmann: Er hat den Wohn- und Arbeitsraum der Türmer als mehrstöckiges Balkongerüst gebaut. Ein sehr plastisches Bild für eine Sub-Gesellschaft, die sich im Innern von Kabine zu Kabine austauscht, jedoch nach außen hin abgeschottet ist. Die Figuren wirken darin wie Nippes in einem Setzkasten.

Aus dem 17-köpfigen Ensemble, das die Teile des Abends im Chor eröffnet, stechen Benjamin Höppner als Lektor Meno hervor, der auf wunderbar ironische Weise eine Ode auf ein einfaches Brötchen vorzutragen vermag, sowie Christiane Hoppe als unangepasste, sehr erotisch trotz schroffer Art wirkende Autorin Judith Schevola. Am meisten Applaus bekommt Philipp Lux, der in einer Nebenrolle das schwarze, punkige Schaf des Dichters Eschschloraque spielt. Ein wenig bedauert man, dass Christians erste Liebe Reina nur in Worten auftaucht.

Die Ansprüche an die Inszenierung eines solchen Erfolgswerkes wie „Der Turm" sind naturgemäß besonders hoch, und der Regisseur kann es zwischen Zertrümmerung der Vorlage und der Unterwerfung unter sie eigentlich nur falsch machen. Engel tendiert zur zweiten Variante, so dass seine Inszenierung trotz all der genannten positiven Aspekte doch nur wie eine Bebilderung wirkt, die zudem wegen der fehlenden Vorhänge auf der Bühne mehr wie ein Deklamationstheater wirkt.

Die süße Krankheit Gestern, sie wird an diesem Abend nur bedingt sinnlich erfahrbar.

Nina May

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