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Uwe Steimle lädt ein, Stefan Zweig „zu fühlen“

Hörbuch Uwe Steimle lädt ein, Stefan Zweig „zu fühlen“

Entstanden sind die drei Aufsätze zu Kriegszeiten, sie sind aber aktueller denn je, sagt Uwe Steimle und hat deshalb das Hörbuch „Die Schlaflose Welt“ herausgegeben – mit Texten von Stefan Zweig, gelesen von Walter Niklaus.

Der Schriftsteller Stefan Zweig (l) und seine zweite Frau Lotte auf einem Bild von etwa 1940. Im Februar 1942 setzten sie in Brasilien ihrem Leben gemeinsam ein Ende.

Quelle: Casa Zweig / dpa

Leipzig. Es ist nicht das Hörbuch zum Film. Dennoch ist es eine Aufnahme zur Zeit. „Die schlaflose Welt“ heißt das gut einstündige Hörbuch mit Aufsätzen von Stefan Zweig, das der Schauspieler und Kabarettist Uwe Steimle herausgegeben hat. In Maria Schraders Film „Vor der Morgenröte“, der gerade in den Kinos angelaufen ist, gibt der österreichische Schauspieler Josef Hader dem jüdischen Schriftsteller Zweig ein Gesicht. Auf Steimles CD leiht ihm Walter Niklaus seine Stimme, Synchronsprecher der Defa und einst Leitender Regisseur der Hörspielabteilung in Leipzig. Zu hören sind die Worte eines Pazifisten, der nach dem Ersten Weltkrieg seine Hoffnungen auf ein vereintes Europa setzte.

Wer kenne nicht „Sternstunden der Menschheit“ oder „Die Welt von gestern“, begrüßt Steimle im Intro die Hörer, die er einlädt zu lauschen „und vor allem: zu fühlen“. Friede und Sicherheit galten Zweig als höchste Güter. Das spricht auch aus diesen drei Aufsätzen, die – aus dem vorigen Jahrhundert, zu Kriegszeiten verfasst – aktueller seien denn je. „Die politische Meinung muss notwendigerweise Gegner haben und zeitliche Hemmungen“, beginnt der erste Text. „Aber die Überzeugung hat nur einen Feind (einen ewigen Feind): den Opportunismus.“ Meinung haben viel, fährt er fort, Überzeugung ganz wenige. „Meinung ist Masse, Überzeugung der Mensch.“

„Das Wort hatte damals noch Gewalt“

Im Denken und Schreiben Stefan Zweigs (1881–1942) spiegelte sich seine Überzeugung, dass Verständigung und Gemeinsamkeit die wichtigsten Stärken des Menschen sind. In seinen Erinnerungen „Die Welt von gestern“ schrieb er, „dies unterschied den Ersten Weltkrieg wohltätig vom Zweiten: das Wort hatte damals noch Gewalt. Es war noch nicht zu Tode geritten von der organisierten Lüge, der ,Propaganda’, die Menschen hörten noch auf das geschriebene Wort, sie warteten darauf.“ Damit meinte er auch Romain Rollands Bekenntnis „Audessus de la mêlée“, in dem der „den geistigen Hass zwischen den Nationen bekämpfte und von dem Künstler Gerechtigkeit und Menschlichkeit selbst mitten im Krieg forderte“.

„Insbesondere, wenn man auf Europa blickt, muss man das Gefühl haben, dass sich alle Völker und Nationen in einem Zustand krankhafter Reizbarkeit befinden“, schreibt Zweig 1939 in „Geschichtsschreibung von morgen“, dem zweiten der drei ausgewählten Aufsätze. Der kleinste Anlass genügt, „um grenzenlose Erregung hervorzurufen. Schlechte Nachrichten werden leichter geglaubt als hoffnungsfreudige. Sowohl die Individuen als auch die Rassen und Klassen und Staaten scheinen eher geneigt, einander zu hassen, als sich zu verständigen.“

Buch versteckt im Spind

Stefan Zweig wurde im ersten Weltkrieg zum Pazifisten. Als Uwe Steimle 1982 zur NVA einberufen wurde und, so erzählt er, „im Spind meinen Stefan Zweig im Essensfach versteckte, wurde ich durch diese geistige Nahrung auch zum Kriegshasser. Nein, der Krieg ist nicht der Vater aller Dinge. Hier irren ausnahmsweise die alten Griechen. Liebe zum Menschen und zwar zu allen Menschen, das ist es, was Zweig sein Leben lang vorlebte, predigte, ja beschwor.“ Zweig und seinem prophetischen Werk ist darum dieses Hörbuch gewidmet.

Das von Steimle entworfene „Mir san Mir“ mit Friedenstaube auf dem Cover ist in kyrillischer Schrift, weil, die Älteren werden sich erinnern, Mir auf Russisch Frieden heißt. Zweig mit drei Aufsätzen das Wort zu geben, der dritte ist „Eine Ansprache“, erscheint auch als Ausdruck der Hoffnung, dass das Wort wieder Gewalt bekommt, das kluge Wort, das der Liebe zum Menschen gilt. Zweig hat es meisterlich geschrieben, Niklaus hier wunderbar gesprochen, „und beiden ist unsere deutsche Sprache Heimat“, wie Steimle sagt, dem dieses Hörbuch offenbar von Herz, Kopf und Seele kommt.

Uwe Steimle (Hrsg.): Die Schlaflose Welt. Walter Niklaus liest Stefan Zweig. Vertrieb: Buschfunk; 66 Minuten, 12,95 Euro

Von Janina Fleischer

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