Volltextsuche über das Angebot:

16 ° / 6 ° wolkig

Navigation:
Google+ Instagram YouTube
Vergiftetes Happy End: Martin Suters neuer Roman "Montecristo"

Vergiftetes Happy End: Martin Suters neuer Roman "Montecristo"

Die Wahrscheinlichkeit geht gegen Null. Aber wie das so ist mit der Stochastik - eigentlich ist sie immer eins zu eins: Entweder ein Ereignis tritt ein, oder es tritt nicht ein.

Voriger Artikel
Selfie-Workshop im Leipziger Bildermuseum – Tipps für bessere Selbstporträts
Nächster Artikel
Leipziger Theaterhaus Skala bleibt Kulturort: Chance für Filmkunst in der Gottschedstraße
Quelle: Verlag

Bei Jonas Brand tritt es ein. Er hat zwei 100-Franken-Scheine in der Tasche. Beide tragen die gleiche Seriennummer. Und beide sind echt.

Das könnte die Chance sein, für den längst in Routine erstarrten Fernseh-Journalisten, der nur noch aus Gründen der Ego-Hygiene seinem Traum von der Filmemacherei nachhängt: Dem Grafen von Montecristo möchte er eine moderne Blockbuster-Version ins Kino hinterherschicken. Einem Unschuldigen werden in Thailand Drogen untergeschoben, er landet im Kerker, kann fliehen, nimmt furchtbare Rache ...

Nach wie vor glaubt Jonas Brand fest an die Zugkraft des Sujets, aber eigentlich hat er sich recht bequem eingerichtet im Dasein als mittelmäßiger, aber einigermaßen bekannter Kamera-Journalist. Und dann flattert ihm diese potenzielle Mega-Geschichte ins Portemonnaie, eine Geschichte, deren Brisanz und Sprengkraft er erst nach und nach entdeckt. Weil er auch sie, wie beinahe alles in seinem Leben, eher nebenbei betreibt.

Martin Suters neuer Roman "Montecristo" blickt in die Abgründe der Hochfinanz. Die Wahrscheinlichkeit geht gegen Null. Aber wie das so ist mit der Stochastik - eigentlich ist sie immer eins zu eins: Entweder ein Ereignis tritt ein, oder es tritt nicht ein. Bei Jonas Brand tritt es ein. Er hat zwei 100-Franken-Scheine in der Tasche. Beide tragen die gleiche Seriennummer. Und beide sind echt.

Zur Bildergalerie

Nein, Jonas Brand, der Protagonist von Martin Suters neuem Roman, ist kein Investigator, schon gar kein Held. Er ist ein eher träger, eher bequemer, eher unauffälliger Mittelschichtler, der seine Einschätzung der eigenen Potenziale und die Wirklichkeit nicht recht übereinander bekommt. Er gestaltet sein Leben nicht, es widerfährt ihm. Bietet sich eine Gelegenheit, greift er zu - und so schlittert er auch in die Beziehung mit Marina Ruiz eher passiv hinein, und ist dann beinahe überrascht, dass es sich hier wohl um etwas Ernstes handelt, um Liebe.

Mindestens ebenso ernst ist die monströse Intrige, in die er derweil hineingeschlittert ist mit den beiden 100-Franken-Scheinen, die es so nicht geben darf und kann. Aber auch diese Erkenntnis lässt Jonas Brand erst zu, als es beinahe zu spät ist. Da hockt er in Thailand, recherchiert für seinen Montecristo-Film, für den sich, es scheint ihm wie ein Wunder, doch ein Produzent erwärmen konnte, und findet - natürlich ist es wieder ein Zufall - große Mengen Drogen in seiner Kameratasche. Wenig später steht die Polizei vor der Tür, und Jonas Brand steht kurz davor, sein Lebensprojekt nicht nur zu träumen, sondern zu durchleiden. Er ist Mächten in die Quere gekommen, denen, erstens, nichts heilig ist, und die sich, zweitens, moralisch im Recht sehen. Denn die unmöglichen 100-Franken-Scheine rühren an die Grundfesten der Schweiz, sie rühren an die Grundfesten des Welt-Finanzsystems, sie bedrohen die brüchigen Illusionen, die beide mehr schlecht als recht noch am Leben halten.

Martin Suter hat also einen Thriller über die längst nicht überwundene Finanzkrise geschrieben, hat seinen so klugen wie hilflosen Protagonisten mitten in eine Verschwörung geraten lassen, die er nicht verstehen kann, weil er die Mechanismen der Macht nicht begreift. Zunächst nicht glauben kann, dann nicht glauben will, dass in dieser Welt nichts von alledem gilt, was er bisher für unverrückbar wahr und gut und richtig gehalten hat.

Brands Gegner gehen über Leichen, aber sie tun es so elegant und diskret, dass es kaum jemand merkt, auch niemanden zu stören scheint. Was den Verdacht nährt, sie hätten es schon oft getan. Und da liegt der einzige logische Schwachpunkt von "Montecristo": Warum schalten sie nicht auch dieses journalistische Kleinformat so beiläufig und endgültig ab wie die andere Steinchen, die da ins bedrohlich ratternde Räderwerk der Hochfinanz geraten sind?

Wahrscheinlich, weil der Roman sonst eben nicht funktionieren würde. Vielleicht, weil der Autor sich in seiner Welt die Macht über Leben und Tod nimmt, mit der er die Gegenspieler seines passiven Helden ausgestattet hat. Vor allem aber, weil sonst das grandios vergiftete Happy End nicht funktionieren würde.

Am Schluss steht ein Fest, ein Tanz auf dem Vulkan, der von fern an di Lampedusas Leoparden erinnert. Oder an die eleganten, angestaubten, distinguierten, leeren, beinahe surrealen Oberschichts-Rituale des späten Dürrenmatt.

Es ist also, ungeachtet dieser oder jener Leiche, doch noch alles gutgegangen. Wie bisher immer alles gutgegangen ist, es vielleicht noch ein, zwei, drei Mal gutgehen mag. Aber Martin Suter lässt keinen Zweifel daran zu, dass der freie Fall, in dem sich diese eingeschworene Gemeinschaft längst befindet, zwangsläufig mit einem sehr harten Aufschlag endet. Denn diese Parallelgesellschaft, die sich da nicht in den Glaspalästen der Bankenwelt einigelt, sondern den bretonischen Hummer in Gründerzeit-Villen von dezenter Pracht, in diskreter Geschäftsmäßigkeit zwischen schwerem Leder, dunklem Holz, altem Kristall genießt, hat mit der Menschlichkeit längst auch den Kontakt zur Wirklichkeit verloren.

Diese Welt, der Martin Suter in "Montecristo" ein so kunstvoll lapidares wie atemlos spannendes literarisches Denkmal setzt, wird untergehen. Und das ist gut so - obschon niemand weiß, was nach ihr kommt. Und ob es wirklich besser wird, ist eine Frage der Wahrscheinlichkeit. Die Chancen stehen eins zu eins: Entweder wird sie es. Oder eben nicht.

Martin Suter in der LVZ-Autorenarena auf der Leipziger Buchmesse: 13. März, 13 Uhr (Halle 5, Stand A 100)

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 26.02.2015

Korfmacher, Peter

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus News
  • Lichtfest Leipzig 2017

    Alljährlich am 9. Oktober erinnert das Lichtfest Leipzig auf dem Augustusplatz an die Ereignisse im Herbst 1989. Hier gibt es alle Infos. mehr

  • Touristik & Caravaning
    Themen, Tickets, Öffnungszeiten: Die wichtigsten Infos zur Messe Touristik & Caravaning (TC) 2017 im Special auf LVZ.de

    Urlaubsstimmung im Novembergrau: Alle Infos und News zur Reisemesse Touristik & Caravaning (TC) 2017 in unserem Special. mehr

  • Lachmesse Leipzig 2017

    Vom 15. bis 20. Oktober 2017 werden in Leipzig wieder massiv die Lachmuskeln gereizt. Über 180 Künstler kommen zur Lachmesse. mehr

  • Schauspiel Leipzig
    Mikrologo Schauspiel Leipzig

    Theater in Leipzig: Höhepunkte, Premieren, Spielplan und Angebote der Spielzeit 2017/2018 im Schauspiel Leipzig. mehr

Blättern Sie hier durch die aktuelle Veranstaltungsbeilage "Applaus" und finden Sie Konzerte, Shows, Ausstellungen, Sport-Events und mehr in Leipzig und Umgebung. mehr

Erfahren Sie mehr auf www.leipziger-museen.de

Eine Papierfabrik stellt sich vor: "Edle Papiere aus Gmund" im Druckkunstmuseum Leipzig. Zur Schau des Monats! mehr

  • Leipzig Wiederentdeckt
    Leipzig Wiederentdeckt

    Die 13 Filme schildern eine einzigartige Zeitreise durchs 20. Jahrhundert der Stadt Leipzig – von den Anfängen des Films bis zur Wendezeit. Mit bis... mehr

  • Leipzig-Album
    Leipzig-Album

    Welche Ereignisse sind den Bürgern der Messestadt besonders in Erinnerung geblieben, welche Orte oder Gebäude sind verschwunden oder haben sich gew... mehr