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Verlassene Maschinenhalle: Kino-Installation über Transplantationen in der Schaubühne

Verlassene Maschinenhalle: Kino-Installation über Transplantationen in der Schaubühne

Carsten Ludwig und René Liebert bringen in "Salute, Organon!" die ethischen Fragen rund um die Organspende als künstlerische Installation aufs Tapet - und es funktioniert.

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Allgemeine Fragen, individuelle Antworten: Szene der Doku-Installation.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Noch Freitag und Samstag in der Schaubühne Lindenfels.

Organspende und Kunst. In ihrer Kino-Installation "Salute, Organon!" bringen Carsten Ludwig und René Liebert seit Donnerstag beides zusammen und schaffen einen ganz eigenen Dokumentarraum. Darin treten verschiedene Sichtweisen zum Thema in einen virtuellen Dialog zueinander und keines der ethischen Dilemmata fehlt, die hier auftauchen.

Überraschender Ausgangspunkt des Abends rund um die Fragen von Körper, Seele, Leben und Weiterleben ist der griechische Mythos von der Geburt des Dionysos. Er ist der Sohn von Zeus und Semele, einer Sterblichen. Diese möchte, auf Rat der eifersüchtigen Hera, Zeus in seiner wahren Gestalt sehen und stirbt unter Blitzen und Donnerkeilen. Zeus aber will das ungeborene Kind retten und näht es in seinen Schenkel ein. Dionysos wird zweimal geboren. Auch die Kampagne für Blutspende wirbt mit dem Motiv der Wiedergeburt.

Hier aber geht es nicht um Blut, sondern ganze Organe, um Organspende. Die Spender können da meist nicht mehr gefragt werden. Wenn es so weit ist, sind sie, außer im seltenen Fall der Lebendspende, hirntot. Die Entscheidung tragen die Angehörigen, das Organ bekommt ein wildfremder, todkranker Mensch. Die Dilemmata sind Legion, und Ludwig und Liebert verarbeiten dies geschickt zu einer Doku-Installation, die den Rahmen eines Dokumentarfilms sprengt.

In der Mitte des Raumes hängen zwei spitz zulaufende Paneele, die als Leinwände für Interviewszenen dienen, dahinter werden Bilder aus verlassenen Maschinenhallen projiziert - der Körper als Maschine, die Halle als Sinnbild der Hülle des hirntoten Menschen. Doch die tieferhängende Leinwand versperrt den Blick, das Bild bleibt Fragment. Der Überblick fehlt. Vorne links steht ein Modell von Stonehenge, dem Sinnbild für Unendlichkeit, doch will man ewig leben? Und wie lange leben ist genug? Und wer entscheidet das?

Zum Einlass dringen noch vereinzelte Maschinengeräusche und Klavier ans Ohr, doch mit dem Zeus-Prolog ist damit Schluss. Ein Helikopter erscheint, und es spricht die Mutter des 22-jährigen Martin. Ihr Sohn hatte einen tödlichen Unfall, ob er als Organspender bereitstehe? Der Arzt erscheint auf der anderen Seite der Paneele, schildert seine Erinnerungen. Der Dialog ist eröffnet. Links, rechts, erst einer, dann zwei, am Ende sind bis zu zehn Gesichter gleichzeitig zu sehen. Menschen erzählen ihre Geschichten: vom Leben mit dem neuen Herzen, von der Angst vor Mukoviszidose, von der Verantwortung des Arztes, von der Ablehnung, ein Organ abzugeben. Das Werk stellt allgemeine Fragen und liefert individuelle Antworten.

"Wie an einer Bushaltestelle, an der kein Bus kommt", beschreibt ein Patient auf der Warteliste sein Gefühl. Bei einem Anruf muss er sofort reagieren, sonst ist das Spenderorgan weg, ein anderer bekommt es. Der Tod erscheint hier als seltenes Gut und Glücksfall. Auf der anderen Seite steht die Krankenschwester von Krebspatienten, die aus ihrem christlichen Glauben heraus eine Organspende ablehnt und erklärt: "Der Mensch ist mehr als die Summe seiner Organe."

An einem Dummy wird die Prozedur zum Feststellen des Hirntodes erklärt. Daraus ergibt sich eine der kompliziertesten ethischen und rechtlichen Fragen: Wann ist ein Mensch wirklich tot? Auch der jüngste Skandal um manipulierte Spenderlisten kommt zur Sprache. Carl Orffs "Carmina Burana" zerschneidet die Themen-Blöcke, und als im Hintergrund die Fabrikhallen durch Bilder aus den Küchen der Interviewten abgelöst werden, durchzieht ein Geruch nach frischer Suppe den Raum. Ein eindrucksvoller, assoziativer Abend, der Ethik persönlich werden lässt. Alle Entscheidungen haben Folgen. Martins Mutter hat die Organe ihres Sohnes dann übrigens freigegeben.

"Salute, Organon!", erneut Freitag und Samstag, 17. und 18. Januar, jeweils 20 Uhr, Schaubühne Lindenfels (Karl-Heine-Straße 50), 7/6 Euro

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 18.01.2014

Torben Ibs

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