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Versprecher auf DDR-Sendung: „Hodenreform“ und „Schnapsmusikkorps“

Buch von Klaus Feldmann Versprecher auf DDR-Sendung: „Hodenreform“ und „Schnapsmusikkorps“

Jahrelang war er das Gesicht der DDR-Nachrichtensendung „Aktuelle Kamera“. In einem neuen Buch präsentiert Klaus Feldmann nun Geschichten aus Rundfunk und Fernsehen im Sozialismus, die eigentlich nie passieren sollten.

Klaus Feldmann in der Nachrichtensendung „Aktuelle Kamera“.

Quelle: dpa-Bildfunkdatenbank

Berlin. - Die „Nebelverdichtung je nach Bevölkerungsstärke“ war noch harmlos. Besser schon: die „demokratische Hodenreform“ oder „bunte Transparente und Bruchbänder“. Hat das „Pilotbüro der SED“ das etwa gesehen? Dass solche Versprecher bei Zuhörern und Zuschauern in der DDR oft als Komik ankamen, ist nur die eine Seite. Etliche Kollegen hatten ständig Angst, dass ihnen der Zungensalat politisch negativ ausgelegt wird, wie Klaus Feldmann in seinem neuen Buch „Verhörte Hörer“ schreibt. Der Band erscheint in diesen Tagen.

Der langjährige Sprecher der DDR-Nachrichtensendung „Aktuelle Kamera“ hat für den Buchtitel ebenfalls einen Versprecher gewählt, der in der Sendung „Pulsschlag der Zeit“ beim Berliner Rundfunk in die DDR-Welt ging. Es hätte auch der Lapsus linguae - so der wissenschaftliche Begriff für Versprecher - sein können: „Guten Tag, meine Damen auf Herren“.

Mit Selbstironie hat Feldmann, der am 24. März 80 Jahre alt wird, eine Vielzahl von Anekdoten über Kollegen und sich selbst zusammengetragen. Es gibt aber auch Sequenzen, in denen deutlich wird, wie die DDR-Führung in den Medien regierte und unliebsame Kollegen zur „Bewährung in die Produktion“ geschickt wurden.

Bis heute sei unklar, warum 1975 die beliebte Sendung „Wünsch Dir was“ mitsamt ihrer Moderatorin Irmgard Düren plötzlich vom Bildschirm verschwand, heißt es im Buch. Düren, die 2004 starb, habe aus ihrer Sympathie für den Liedermacher Wolf Biermann keinen Hehl gemacht, schreibt Feldmann nur. Biermann wurde 1976 aus der DDR ausgebürgert.

Eine Nachricht über Erich Honecker habe immer an erster Stelle verlesen werden müssen - aber nicht ohne Titel: Generalsekretär des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) und Vorsitzender des Staatsrates der Deutschen Demokratischen Republik, schreibt Feldmann. In jeder Sendung habe sich der Hörer oder Zuschauer mehrmals erklären lassen müssen, wer Honecker sei. Und die DDR-Presseschau im Staatlichen Rundfunk habe stets mit dem Leitartikel der SED-Parteizeitung „Neues Deutschland“ begonnen. Einmal leitete ein Sprecher so ein: „Er ist übertrieben - Verzeihung - überschrieben“.

Ob Wetterberichte, Musiksendungen oder Sport-Reportagen - der Fehlerteufel lauerte demnach überall. Pannen wurden von Kollege zu Kollege weitergegeben und Feldmann zufolge intern gesammelt. In diesem Fundus stöberte der Journalist und nannte dabei seine Zunft-Kollegen auch mit Namen. Sich selbst sparte er nicht aus.

Feldmann, gebürtiger Thüringer, lebt in Berlin. Seit den 60er Jahren bis 1989 las er die Nachrichten im DDR-Fernsehen. Der gelernte Buchdrucker und Journalist arbeitete auch für den DDR-Rundfunk. Feldmann hat mehrere Bücher geschrieben und ist bis heute mit Lesungen unterwegs.

Niemand sei vor der Versprecheritis gefeit gewesen, schreibt er. Das „Schnapsmusikkorps des Ministerium des Inneren“ war im DDR-Radio ebenso zu hören wie der „Fressempfang“ für 700 Gäste bei der Leipziger Messe. Verdutzte Hörer erfuhren vom „Polka-Volkstrott“ und einem „Schwanzstreichorchester“. Und nach dem „Flegelsuchplatz“ werde noch heute Ausschau gehalten, meint Feldmann augenzwinkernd.

In einem Bericht über Bergleute unter Tage informierte der Reporter: „Und nun kommt die Parteileitung angekrochen“. Ein anderer verhedderte sich so, dass „zahnlose Helden“ des Alltags herauskamen. Oft habe es dann politische Aussprachen gegeben.

Feldmann geht auch auf geschichtliche Aspekte ein. Das offizielle Versuchsprogramm des DDR-Fernsehens sei am 21. Dezember 1952 in Berlin-Adlershof gestartet. In den ersten Jahren habe es noch den sendefreien Montag gegeben - weil die Geräte so störanfällig gewesen seien.

Auch die Weihnachts-Kultsendung vieler Ostdeutscher „Zwischen Frühstück und Gänsebraten“ kommt in dem Buch vor. 1986 habe sie auf der Kippe gestanden, verrät Feldmann. Bis in die SED-Spitze sei überlegt worden, die Sendung umzubenennen - weil es in dem Jahr wegen geplatzter Lieferungen aus Ungarn und Polen keine Gänse gab. Dafür seien Puten und Enten im Angebot gewesen. „Zwischen Frühstück und Putenbraten“ - da hätten die Fernsehleute lieber einen Ausfall aus technischen Gründen riskiert, schreibt Feldmann. Doch dann sei alles beim Alten geblieben.

Von Jutta Schütz

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