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Versteckspiel mit Leuchtraketen

Versteckspiel mit Leuchtraketen

Der Erwartungsdruck war enorm. Mit seinem Roman-Debüt "In Zeiten des abnehmenden Lichts" landete Eugen Ruge einen Bestseller, gewann für das Manuskript 2009 den Alfred-Döblin-Preis und für die komplette Familiensaga 2011 den Deutschen Buchpreis.

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Schriftsteller Eugen Ruge (58).

Quelle: dpa

Nun ist "Cabo de Gata" erschienen, ebenfalls autobiographisch gefärbt - und doch ganz anders.

"Wieso schmecken die Dinge am besten da, wo sie herkommen? Obwohl die doch durch den Transport nichts Materielles, nichts Nachweisbares verlieren?" Das haben sich viele schon gefragt, wenn der Käse aus der Toskana oder der Rotwein aus dem Alentejo zu Hause bei weitem nicht so überzeugen wie am Ferienort. Eugen Ruges Ich-Erzähler allerdings ist nicht im Urlaub, er ist gewissermaßen auf der Flucht. Vor den Umständen und vor sich selbst. Darum ist es mit dem Ankommen zunächst schwierig, scheint es unmöglich, den richtigen Ort zu finden.

Der Mann beschreibt sich als pedantisch, zwanghaft, verschlossen, verkopft. Er spielt Billard gegen sich selbst und hat dabei, egal wie es ausgeht, immer das Gefühl, zu verlieren. Er ist ein erfolgloser Schriftsteller mit einer Biographie, die sich in vielen Punkten mit der Eugen Ruges überschneidet. Den Vater kennen die Leser aus "In Zeiten des abnehmenden Lichts". Als Selbstporträt wolle er das Buch dennoch nicht verstanden wissen, hat der 58-Jährige dem Nachrichtenmagazin "Focus" gesagt: "Der Roman ist gebaut: Manches ist erlebt, anderes erfunden, wieder anderes stark bearbeitet, damit es in die Ordnung der Geschichte passt und seinen Platz finden kann."

Aufgeschrieben hat er es zwischen November 2011 und August 2012. Nach dem großen Erfolg also, den Ruge - nicht uneitel - thematisiert: "Gewöhnlich, da ich zum Schreiben kaum noch imstande bin, beschäftige ich mich nachmittags mit dem organisatorischen Teil meiner Arbeit, mit der Verwaltung meines Existenz, einer Tätigkeit übrigens, die neuerdings, nach dem sogenannten Erfolg, geradezu monströse Ausmaße angenommen hat." Ein Versteckspiel mit Leuchtraketen.

Der Erzähler erinnert sich. Er erinnert sich an das, was viele Jahre zurückliegt. Und er vertraut ausschließlich seinem Gedächtnis, schlägt nichts nach, recherchiert nichts, betont immer wieder die Lückenhaftigkeit. Das wird zum roten Faden: "Ich erinnere mich." (Leider auch die verstümmelte Variante ohne Reflexivpronomen: "Ich erinnere das.")

Alles beginnt mit dem Entschluss zu gehen, dieses Land, dieses Leben zu verlassen. Dafür zeichnet Ruge zunächst ein nicht besonders filigranes Klischeebild eines Berliner Szene-Cafés. Der Mann kündigt die Wohnung, die Krankenkasse, Strom, Telefon ... alles. Von der Freundin ist er längst getrennt, vom Arbeitsleben abgeschnitten, der Vater hält sein Schreiben, diese altmodische Tätigkeit, für eine Marotte.

Was bleibt, passt in einen Rucksack; mit dem bricht er auf - zuerst nach Barcelona. Denn ausschlaggebend für Ziel und Route sind Klimakarten und Wettervorhersagen. Land und Leute reizen den Reisenden weniger, vielmehr erscheint ihm vieles "grauenvoll" und "elend", als er schließlich nach Cabo de Gata aufbricht, Andalusien, angepriesen als "El ultimo Paraiso de Europa", von wo aus es weitergehen sollte nach Afrika, doch wo er dann doch bleibt - aus einem sympathisch einfachen Grund.

Und langsam gewöhnt man sich an diesen oft schlechtgelaunten Kerl, während er sich daran gewöhnt, nach dem Frühstück auf die Bank vor dem Restaurant zu wechseln, während er seine Auszeit ritualisiert wie die "verbitterte Tonart" und den "grimmigen Rhythmus", in dem seine "allumfassende Enttäuschung ihren Ausdruck fand". Er sieht die Fähigkeit, an der Wetterfahne die Windrichtung abzulesen, als ein Zeichen des Heimischwerdens, Die Fischer beobachtend setzt er seine Schreibversuche neben deren Alltag: viel Arbeit, wenig Fisch.

Nach 123 Tagen hat er noch immer nichts geschrieben, doch die Stimmung bessert sich, berauscht von Wetter, Fremde und den Rätseln, die Cabo de Gata aufgibt, wozu ein Rollkoffer gehört und ein Sarg. Auch ein Amerikaner, der auftaucht und wieder verschwindet: "Ich sehe ihn aus dem Meer steigen, die Schuhe triefend, die Hosen bis unters Knie durchnässt. Er lacht, er ruft etwas, schlägt mit den Flügeln. Ich aber sehe: Die Hundertarmigen greifen nach ihm, die Ungeheuer, die Uranus in die Hölle verbannte!"

Und dann kommt die Katze, die streunende Löwin, die sein Leben verändern kann. Die ihm folgt und sich ihm entzieht. Die er versehentlich selbst vertreibt. Die ihn darauf bringt, dass er aufhören muss: "Aufhören, zu suchen. Aufhören, zu warten. Aufhören, zu hoffen." Das funktioniert so wenig, wie er vor sich selbst davonlaufen kann. Allein diese Katze würde anderswo eine andere sein.

Die Schreibblockade steht für eine Lebensblockade, wie Eugen Ruge sie wohl in den 90ern erlebt hat. Gut 200 Seiten bleibt der Leser gefangen im Kopf des suchenden und scheiternden Schriftstellers. An "In Zeiten des abnehmenden Lichts" reicht das nicht heran.

Eugen Ruge: Cabo de Gata.Roman. Rowohlt Verlag; 208 Seiten,19,95 Euro

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 12.06.2013

Janina Fleischer

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