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Verunklarte Horizonte in der Galerie für Zeitgenössische Kunst

Verunklarte Horizonte in der Galerie für Zeitgenössische Kunst

Mit eigenartigen Bewegungen eignet sich eine junge Frau die mit Nippes aus verschiedenen Kulturen vollgestopfte Wohnung des Prof. Dr. Freud an, wie das Türschild verrät.

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Klaustrophobische Stimmung mit historischem Telefon, Kleiderständer und Leinwand in Lala Rašcic' Installation "Sorry, Wrong Number" in der GfZK.

Quelle: Andreas Doering

Sie hüpft herum, respektlos raucht sie und zertritt die Kippe auf dem Fußboden. Die bosnische Künstlerin Lala Rašcic spielt selbst diese Besucherin beim Begründer der Psychoanalyse. Doch ihre Aktionen sind in Filmaufnahmen der Wohnung einkopiert, sie war nicht vor Ort. Die Realität wird traumhaft verzerrt, so wie Freud zu analysieren und interpretieren pflegte.

 Die diesjährige Trägerin des Kunstpreises "Europas Zukunft" ist eine Geschichtenerzählerin. Der Ausflug zu Freud erscheint dabei noch relativ simpel, andere Stories sind komplexer aufgebaut. Auch die medialen Verfahren variieren. "Der verdammte Damm" ist eigentlich ein Hörspiel, das Rašcic geschrieben und produziert hat. In der Ausstellung illustriert sie einzelne Szenen mit Aquarellen.

 Der Malstil der fortschrittsgläubigen 60er Jahre steht im Kontrast zur dystopischen Handlung. Zwar ist das Sarajewo des Jahres 2027 eine hypermoderne Stadt, doch die Provinz verödet, und das nun Europolis heißende Belgrad steht auf Stelzen. Merima und Tarik, ein junges Paar, versuchen in der an Actionstreifen angelehnten, doch bedeutungsgeladenen Erzählung die Menschen zwischen Bosnien, Serbien und Kroatien vor einer Flutkatastrophe zu warnen, die durch das Bersten eines schlampig gebauten Staudammes ausgelöst wird.

 In künstlerischer Überhöhung scheinen dabei autobiografische Erfahrungen einzufließen. Die 1977 geborene Lala Rašcic lebt in Sarajevo und Zagreb, aber zeitweise auch in New Orleans, einem Ort, der ein vergleichbares Desaster erlebt hat. Tonaufzeichnung, Text und Zeichnungen bilden eine Einheit, ohne direkt parallel zu verlaufen. So wie sie in dieser Zukunftsvision eine alte, fiktive Radiosendung einbaut, so interpretiert sie in "Sorry, Wrong Number" ein tatsächlich 1946 ausgestrahltes Hörspiel dieses Namens neu. Ein historisches Telefon und ein Kleiderständer mit dem Kostüm der Actrice schaffen im abgedunkelten Raum eine klaustrophobische Stimmung. Im Film wird die Angst der Leona Stevenson, welche wegen einer falschen Verbindung die Ankündigung ihrer eigenen Ermordung mitgehört hat, sichtbar. Die panischen Bilder und der Ton passen aber nicht richtig zusammen, sind versetzt.

 Es ist das immer wiederkehrende Fragmentieren und Verschieben der Ebenen, das die Geschichten von Lala Rašcic vom Anliegen der simplen Unterhaltung in den Massenmedien auf ein anderes Level hebt. Linearität und innere Logik stehen nicht im Vordergrund, der Plot wird dekonstruiert.

 Besonders weit treibt sie dieses Zerlegen in der Rauminstallation "Whatever The Object". Goldene Lettern auf Glasplatten, die frei im Raum hängen, zitieren auf Deutsch, Englisch und Kroatisch aus einem Buch, das die Künstlerin in ihrem Elternhaus gefunden hat. Parallel wird der Text auf Monitoren, ebenfalls in Fragmenten und dreisprachig, von Schauspielerinnen gelesen. Die philosophisch angehauchten Passagen mit Gedanken über Objektbeziehungen, die der gesamten Ausstellung den Namen geben, werden durch die vielfachen Überlagerungen zu einer Art Hintergrundrauschen mit dekorativem Effekt.

 Wenn sich der durch das IT-Unternehmen alpha 2000 GmbH gestiftete Preis "Europas Zukunft" nennt, verdeutlichen vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Situation auf dem Kontinent die Arbeiten von Lala Rašcic, dass der Begriff Zukunft heute nicht mehr automatisch mit positiven Vorstellungen belegt wird. Doch der vielschichtige Schwebezustand ihrer Arbeiten schließt solche Interpretationen nicht gänzlich aus. Jens Kassner iLala Rašcic: "Whatever The Object", bis 26. Mai, Di-Fr 14-19 Uhr, Sa-So 12-18 Uhr; Galerie für Zeitgenössische Kunst, Karl-Tauchnitz-Str. 11 in Leipzig

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 05.04.2013

Jens Kassner

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