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Verweigerung und Verbrüderung: Ausstellungen in der Galerie für Zeitgenössische Kunst

Verweigerung und Verbrüderung: Ausstellungen in der Galerie für Zeitgenössische Kunst

Erinnerungsarbeit ohne Nostalgie: zwei neue Ausstellungen in Leipzigs Galerie für Zeitgenössische Kunst verschränken den Weltstar Victor Vasarely mit dem Thema ausländische Studierende der HGB.

Bindeglied sind die internen Eigenheiten und Widersprüche kulturpolitischer Strategien in sozialistischen Ländern.

Die Verbindung zwischen den beiden ineinander verschränkten Ausstellungen in der Leipziger  Galerie für Zeitgenössische Kunst ist nicht sofort sichtbar. Was hat Vasarely mit ausländischen Studierenden der HGB zu tun? Bindeglied sind die internen Eigenheiten und Widersprüche kulturpolitischer Strategien in sozialistischen Ländern.

 Als "fröhlichste Baracke" im sozialistischen Lager bezeichnet einer der Interviewpartner von Andreas Fogarasi Ungarn während der 60er und 70er Jahre. Doch der Gulaschkommunismus János Kádárs war kein Hort der Freiheit, vor allem nicht für Künstler, die sich dem sozialistischen Realismus verweigerten. Fogarasi zeigt in der Verknüpfung von zwei Ereignissen den bigotten Charakter der sozialistischen Kulturpolitik jener Zeit auf. Victor Vasarely, Weltstar mit ungarischen Wurzeln, bekam 1969 eine große Ausstellung in Budapest. Dass der Salonkommunist ein Jahr zuvor aus Protest gegen den Einmarsch in die CSSR aus der KP Frankreichs ausgetreten war, spielte keine Rolle mehr. Auch nicht, dass seine Op Art eine Variante der abstrakten Kunst darstellt, in Ungarn ebenso unbeliebt wie der DDR. Die Führung wollte Offenheit demonstrieren.

 János Major, ein außerhalb seiner Heimat praktisch unbekannter Künstler, lief bei der Vernissage durch die Menschenmassen. Traf er einen Bekannten, zog er ein kleines Schild aus dem Jackett, auf dem stand "Vasarely Go Home". Es gibt keine Dokumente dieser Provokation. Major selbst erlitt später einen Nervenzusammenbruch und verbrannte seine Arbeiten. Für die abstrakt arbeitenden Künstlers Ungarns hatte das Hofieren Vasarelys keine Verbesserung ihrer Arbeitsbedingungen zur Folge. Und konzeptuell arbeitende Kollegen sahen in der Op Art ohnehin nur Dekoration für Teppiche und Badfliesen.

 In einem rund einstündigen Video rekonstruiert Andreas Fogarasi die Aktion des 2008 gestorbenen Major durch Befragung von Zeugen. In anderen Teilen seines Werkes setzt er sich mehr mit den Nachwirkungen von Vasarelys Kunst auseinander, zeigt den Weg der geometrischen Abstraktion in banale Anwendungen oder Logogestaltungen, aufgezeigt an den Signets von Einrichtungen des Kulturexports á la Goethe-Institut.

 Gegenüber dieser betont kritischen Auseinandersetzung mit jüngerer Geschichte wirkt die Zusammenstellung von Diplomarbeiten einiger ausländischer Studierender an der HGB in der DDR-Zeit zunächst ziemlich wohlmeinend. Schon der Titel "Freundschaftsantiqua" strahlt Optimismus aus. Doch er ist eigentlich ein Zitat mit unterschwelliger Ironie. So benannte Yü Bin Nan 1962 eine von ihm entworfene Type, die in China zur Einführung des lateinischen Alphabets beitragen sollte. Dazu kam es nie. Es blieb aber eine Schrift zurück, in der selbst Worte wie Krawall oder Volkspolizei ausgesprochen elegant aussehen.

 Neben wenigen als Devisenbringern beliebten Jugendlichen aus westlichen Ländern waren die seit den 50ern nach Leipzig kommenden Studenten von den "Bruderländern" oder von sozialistisch orientierten Entwicklungsländern und Bewegungen entsandt worden. Ein großes Diagramm zeigt, woher in welchen Jahren diese Gäste kamen, sortiert nach den damals drei Fachrichtungen der Hochschule. Erstaunlich ist, wie viele Israelis darunter sein sollen. Doch wie bei den ebenfalls angegebenen Jordaniern und Libanesen handelt es sich um Palästinenser. Einer von ihnen ist der noch heute in Leipzig lebende Mahmoud Dabdoub. Seine Porträts aus Flüchtlingslagern sind so wie die Aufnahmen von Volkskunst aus Holz des Polen Jaroslaw Krzysztof Wójcik eine Ausnahme. Die anderen Fotografen, neben ausgewählten Buchkünstlern die Ausstellung spartenmäßig dominierend, haben sich Motive aus Leipzig und Umgebung gewählt. Viele von ihnen hatten vor der "Delegierung" keine Ahnung davon, wie man eine Kamera hält, und wollten etwas ganz anderes studieren. Die Ergebnisse zeigen aber, dass ihre Lehrer solide Arbeit geleistet haben. Der Vietnamese Nguyen The Duc zum Beispiel hat den Alltag in Magdeborn dokumentiert, einem wenig später der Braunkohle geopferten Dorf im Südraum. Ohne Sentimentalität, ganz dicht an den Menschen. "Ich muss zuerst Kontakt mit den Einwohnern aufnehmen und ihre Liebe gewinnen, im Familienkreis aufgenommen werden, ins Haus eintreten dürfen und die von mir ausgewählten Szenen fotografieren, ohne dass die Leute sich stören lassen", schreibt er etwas blumig, aber treffend im Textteil der Diplomarbeit. Christiane Eisler, einzige einheimische Beteiligte, setzt diesen und einigen anderen Motiven fotografische Ergänzungen des heutigen Zustandes entgegen.

 Die Ausstellung ist die punktuelle Aufarbeitung eines Ausschnittes eigener Historie im Jubiläumsjahr der Hochschule. Für viele Besucher war es aber schon bei der Vernissage mehr ein persönliches Memorieren als die Begegnung mit einem abgeschlossenen, fernen Zeitabschnitt.

 iGalerie für Zeitgenössische Kunst/Neubau, Karl-Tauchnitz-Str. 9-11; bis 1. Juni, Di-Fr 14-19 Uhr, Sa/So 12-18 Uhr, Mi freier Eintritt

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 06.02.2014

Jens Kassner

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