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Verzicht auf alles Unnötige: Neue Schau im Leipziger Grassi-Museum zeigt auch DDR-Design

Verzicht auf alles Unnötige: Neue Schau im Leipziger Grassi-Museum zeigt auch DDR-Design

Für Walter Ulbricht war Rudolf Horn kein Könner. Angesichts einer Präsentation von Möbelstücken des Leipziger Designers Anfang der 1960er Jahre sagte der DDR-Staatschef mit dem Hang zur altdeutschen Beschaulichkeit abfällig: „Ich sehe hier keine Möbel, ich sehe hier nur Bretter.

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Rudolf Horn in seiner Wohnung in Leipzig-Gohlis.

Quelle: Dirk Knofe

Leipzig. “ Dafür war Horns Arbeit bei Ulbrichts Untertanen ernorm beliebt. Wer konnte, besorgte sich eines der schlichten, aber variantenreichen Regalmodule, die nach Horns Entwürfen 24 Jahre lang im Möbelprogramm Deutsche Werkstätten (MDW) in Dresden-Hellerau produziert wurden.

Noch heute wirkt das hauptsächlich in den 1960ern entstandene Design des inzwischen 82-Jährigen Leipzigers überaus modern – mindestens so fortschrittlich und mehrheitstauglich, wie jenes aus dem Katalog eines bekannten schwedischen Möbelhauses. Statt im Verkauf ist seine Arbeit inzwischen allerdings meist nur noch im Museum zu sehen, so wie in der erweiterten Ausstellung „Jugendstil bis Gegenwart“ im Grassi Museum für Angewandte Kunst. Am kommenden Sonntagvormittag wird die Schau feierlich mit 600 Geladenen wiedereröffnet.

Fotos: Blick in die Wohnung von Rudolf Horn

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Leipzig. Rudolf Horn bittet freundlich in seine adrette Leipziger Altbauwohnung. Im Wohnzimmer lädt eine niedrige Sessel-Sofa-Garnitur in beige zum Sitzen ein, daneben eine Bücherschrankwand aus Holz. Das gesamte Mobiliar in der Wohnung stammt aus Entwürfen Horns. Der 85-Jährige gilt als einer der wichtigsten Designer der DDR. Legendär ist das Montagemöbelprogramm MDW, das unter Führung Horns entworfen und in großen Stückzahlen produziert wurde.

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„Von mir wollten sie zwei Dinge – ein Garderobe aus Polyurethan, die im Eingangsbereich hängt und eine MDW-Schrankwand des Typ 80“, erklärt Horn, der mit dem Museum am Johannisplatz auch eine besondere Beziehung unterhält. „Wenn ich früher mal nicht weiter wusste, ging ich viel ins Grassi-Musuem. Hier habe ich zum Beispiel Mies van der Rohes Barcelona-Sessel gesehen und war begeistert. Ich setzte mich hinein und musste feststellen, dass der eigentlich doch sehr unbequem ist. Nicht ohne Grund gab es ja auch das Wortspiel: Mies van der Rohe – das kommt von ‚mies sitzen’“, berichtet Horn und lacht.

Als Designer wusste er sich zu helfen und ersann mit Blick auf das Original des legendären Bauhaus-Direktors ein eigenes, viel bequemeres Sitzmöbel. Auch sonst übte die klassische Moderne, die in den 1920er Jahren zwischen Weimar, Dessau und Berlin kultiviert wurde, einen großen Einfluss auf das Schaffen des Leipziger Designers aus, schon allein ob der historischen Nähe. Der gebürtige Waldheimer begann seine Karriere direkt nach dem Zweiten Weltkrieg: „Ich wurde in einer Zeit ausgebildet, als alles noch in Trümmern lag. Wir Jungen wollten helfen, aber eben nicht nur reparieren“, erklärt Horn und fügt an: „Wir haben uns dann am Bauhaus, am Deutschen Werkbund und an den russischen Konstruktivisten orientiert, wollten das Schaffen von Herbert Engemann, Franz Ehrlich oder Walter Funkat fortsetzen.“

Fotos: Blick in die Ausstellung "Jugendstil bis Gegenwart"

Angesichts der Unmöglichkeit, die Opulenz der Prachtbauten in der gerade entstandenen Berliner Stalinallee auch flächendeckend im Arbeiter- und Bauernstaat umzusetzen, kam Anfang der 1960er die Schlichtheit der Moderne in DDR-Mode. „Ich wollte einen Verzicht auf alles Unnötige, auf alles Repräsentative“, erklärt Horn ein halbes Jahrhundert später. Seine Designs sollten vor allem funktionell und praktisch sein und die passten jetzt perfekt zum zeitgleich beschlossenen Wohnungsbauprogramm der DDR. Rudolf Horn wurde zum Innenarchitekten von Millionen Plattenbauwohnungen im ganzen Land.

„Wir sollten die Wohnungen von A bis Z ausstatten. Ich wollte, dass die Möbel variabel sind, denn jede Familie wusste ja  selbst, was sie will. Ich wäre gar nicht auf die vielen Ideen gekommen, die die Leute hatten“, sagt Horn und beschreibt damit den Weg zu seinem erfolgreichsten Design: der variablen MDW-Schrankwand, so wie sie nun auch in der Ausstellung im Grassi-Museum für Angewandte Kunst zu sehen ist. Aufgrund des modularen Systems dieser Möbelreihe, waren für den Endverbraucher Hunderte Abwandlungen möglich.

Fotos: Exponate in der Ausstellung "Jugendstil bis Gegenwart"

Mit Hilfe der Deutschen Werkstätten in Dresden wurde die Idee dann zum Kassenschlager. „1965 wurde das Möbelprogramm erstmals ausgestellt und entwickelte sich gleich zum Renner. Die Leute standen schon auf der Messe in Leipzig Schlange, die Polizei musste sogar eingreifen“, berichtet Horn mit Stolz. Auch in den Jahrzehnten danach, als Furniere wegen knapper werdender Rohstoffe durch grafische Elemente getauscht wurden, hielt der Erfolg noch an. Bis zum endgültigen Zusammenbruch der DDR.

„Ein Mal wurde ich nach der Wende angerufen, ob ich auch etwas für ein westdeutsches Unternehmen machen könnte“, sagt Horn, der seit 1967 auch Professor an der Kunsthochschule Halle war und schiebt hinterher: „Aber da war das schon nicht mehr mein Problem. Ich hatte einfach keine Sehnsucht danach, etwas für Eliten zu machen.“ Sein Credo sei schließlich auch immer das des zweiten Bauhaus-Direktors Hannes Meyer gewesen: Volksbedarf statt Luxus. Nicht jeder konnte das nach der Wende noch nachvollziehen. „Ich musste nun auf einmal Menschen nachweisen, dass ich überhaupt etwas gemacht habe. Das war schon sehr erniedrigend“, sagt Horn.

Seiner Ansicht nach wurden die Landschaften nach 1989 von Einfamilienhäusern regelrecht „zersiedelt“, die heute mit überfrachteter, detailreicher Einrichtung vollgestopft seien. „Für mich ist das eine gehobene Form der Vermüllung“, sagt Horn, der seit 50 Jahren im Leipziger Stadtteil Gohlis in einer geräumigen Altbauwohnung lebt. Die könnte übrigens auch eine Außenstelle des Grassi-Museum für Angewandte Kunst sein, komplett gestaltet im Horn’schen Stil der 1960er Jahre. Neue Möbel braucht der 82-Jährige seither nicht. „Wenn ich heute durch Möbelhäuser laufe, denke ich oft einfach nur: Das ist aber steinalt!“

Matthias Puppe

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