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Vibrierend vor gezügelter Erotik - Omer Meir Wellber dirigiert Dutilleux, Schubert und Haydn

Vibrierend vor gezügelter Erotik - Omer Meir Wellber dirigiert Dutilleux, Schubert und Haydn

97 Jahre war Henri Dutilleux alt, als er 2013 starb. Seinen Durchbruch als Komponist feierte er in den 40ern. Und doch ist sein Werkkatalog kaum fünf Dutzend Positionen lang.

Leipzig. Dabei war er ein disziplinierter, ein fleißiger Arbeiter. Doch entließ er nichts in die Welt, was nicht bis zur letzten Note plausibel, bis in den letzten Winkel ausgehört war. Und so gehören seine Werke in ihrer kristallinen Sinnlichkeit zum Besten, was die zweite Hälfte des letzten Jahrhunderts zu bieten hat.

Zart, verrätselt, vibrierend vor gezügelter Erotik, so präsentiert sich auch die halbe Stunde von "Tout une monde lointain ...", jenes Cellokonzert von 1970, das Dutilleux Rostropowitsch widmete und dessen "Ganze Welt in der Ferne" er den "Blumen des Bösen" Charles Baudelaires ablauschte. Der israelische Dirigent Omer Meir Wellber, 33, kannte das Werk noch nicht, als er letzten Freitag einen Anruf aus dem Gewandhaus erhielt, ob er in den beiden Großen Concerten dieser Woche vielleicht für den erkrankten David Zinman einspringen könne. Nach kurzer Bedenkzeit sagte er zu, und der Erfolg seiner Bemühungen um diese so andersartige Moderne lassen vermuten, dass man von dieser Ausnahmebegabung gewiss noch hören wird.

Wellber gibt sich bei seinem Gewandhaus-Debüt nicht mit Taktieren und Abstecken dynamischer Grenzen zufrieden. Und schon dies wäre angesichts der Kürze der Zeit keine geringe Leistung. Denn Dutilleux' Welt in der Ferne ist im Detail so vertrackt wie Messiaen ohne Mystik oder, wahlweise, Boulez mit Herz. Die größere Herausforderung des Werkes findet der Dirigent indes in der subtilen Farbigkeit. Und wie Wellber hier in einem Orchester, bei dem solcherart Musik ja nicht zum Alltag gehört, duftig die Klänge leuchten und atmen lässt, Reflexe herumreicht, Lichtpunkte setzt, emotionale Logik in die Noten bringt, den großen Apparat ausbalanciert, das hat Größe und Kraft, vor allem an den Grenzen zur Stille.

Am Cello sitzt als Solist Truls Mørk, 51, einer der profiliertesten Musiker Norwegens. Der geht "Tout und monde lointain ..." eher verhalten an, verweigert dem Baudelaire-Reflex das Lüsterne, kehrt die Schwüle nach innen. Man kann das gewiss wirkungsvoller spielen, unmittelbarer, hintergründiger, emotionaler - kostbarer kaum. Und obschon in der Pause mancher Anrechtler zu Protokoll gibt, dass ihm selbst noch dieses 45-jährige Filigran zu modern sei, gerät der Applaus gewaltig im voll besetzten Saal.

Mit tendenziell kleinen, präzisen Bewegungen hat Wellber dieses Neuland vermessen - und seine Choreographie scheint nach der Pause, in Schuberts Vierter, wie ausgewechselt. Da kreisen ausladend die Hüften, tanzt der Israeli eher vor, als dass er dirigierte, und schießt dabei ein wenig übers Ziel hinaus. Ob man das Frage-Antwort-Spiel, bei dem sich im Finale Erste Geige und Klarinette eng verzahnen, wirklich bis in die letzte Wiederholung in die Luft malen muss, das mag Geschmackssache sein. Problematischer ist, dass dem Dirigenten im Zuge der Selbstauslieferung an die Musik immer wieder das Zentrum verrutscht. Vor lauter Ganzkörper-Dirigat wissen die Musiker bisweilen ganz offenkundig nicht mehr, wohin sie schauen sollen. Und so überzieht ein Unschärfe-Schleier die herrliche Sinfonie.

Darüber hinaus macht Wellber es den Musikern doppelt schwer, weil er versucht, zwei Welten zusammenzuzwingen: Das Klangbild, das er dem Gewandhausorchester um die 1986 geborene Gast-Konzertmeisterin Yuki Manuela Janke abringt, ist gerade, transparent - tendenziell historistisch. Seine Tempi dagegen kommen, vor allem in den drei ersten Sätzen, aus jener ganz alten Schule, in der Bedeutsamkeit aus Behäbigkeit zu entstehen hatte - zumal bei einer Symphonie, dem die Nachwelt das Etikett "Tragische" aufgepappt hat. Und weil das Orchester immer wieder versucht, gegen die Schwere anzuspielen, überdies über die Pulte hinweg keine Einigkeit in Sachen Vibrato-Gebrauch herrscht, bleiben eben die Missverständnisse nicht aus. Im Detail aber hat auch dieser Schubert seine großen Momente. Weil Wellber den Klang durchsichtig hält, leuchten herrliche Linien, zeigt sich, wie vortrefflich Schubert zu instrumentieren verstand.

Wunderbar schließlich gerät Wellber zum Auftakt Haydns selten gespielte 44. Symphonie. Meist blitzsauber, delikat, elegant, federnd, funkelnd vor kontrapunktischem Schalk in den Ecksätzen, im samtenen Serenadenton im Adagio spielt das Gewandhausorchester diese Musik, die, bei Lichte besehen, bei diesem Orchester ja auch nicht unbedingt die Kernkompetenzen abruft.

Dafür wird Wellber zum Guten Schluss so ausführlich wie verdient bejubelt. Wär' schön, käme er bei Gelegenheit mal wieder ans Gewandhauspult zurück.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 25.04.2015

Korfmacher, Peter

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