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Viele Seelen, ach, in seiner Brust

Viele Seelen, ach, in seiner Brust

Immer wieder versucht Desdemona (Laura Costa Chaud), getragen von ihren fünf Othellos (Tyler Galster, Ronan dos Santos Clemente, Nikolaus Tudorin, Mark Geilings, Piran Scott) und den Klängen der "Fratres" Arvo Pärts den Himmel zu erreichen.

Fünf Othellos: (Piran Scott als Fremder, Mark Geilings als Krieger, Nikolaus Tudorin als Politiker, Tyler Galster als Empfindsamer und Ronan dos Santos Clemente als Liebender) und eine Desdemona (Laura Costa Chaud) Wenn Sie das Bild scannen, sehen Sie ein Video von "Othello".

Quelle: Volkmar Heinz

Jenen blau erleuchteten Raum über den blutroten Spinnenfäden von Jagos Intrige, in dem sie schwebte, bevor die Eifersucht in ihr Leben drang. Aber so oft sie auch Anlauf nimmt - kraftlos resigniert fällt sie wieder in sich zusammen. Erst im zweiten und letzten großen Bild von Mario Schröders "Othello", der gestern Abend in der Oper Leipzig ausführlich bejubelt Premiere feierte, gelingt es: In einem abstrakte Liebestod, "Zärtliche Hinrichtung" nennt Schröder diese Szene, versinkt sie zuerst in jener hellweißen Seide, aus der sie schließlich in den Himmel fährt, einer besseren Welt entgegen, in der Liebe wieder möglich ist. In diesen beiden Szenen zeigt sich Schröders Fähigkeit, in Bildern Geschichten zu erzählen, Emotionen wachzurufen, komplexe Charaktere in Bewegung aufzulösen.

In seiner Idee, aus einem Othello fünf Othellos zu machen, den Empfindsamen, Liebenden, den Politiker, Krieger, Fremden, tut sie es nicht. Zu mutwillig sind die Attribute. Zu banal ist die Erkenntnis, dass Shakespeares zerrissener Held viele Seelen, ach, in seiner Brust trägt. Wer schließlich täte es nicht? Überdies bleibt Schröder seinem multiplen Titelhelden die Identitäten schuldig. Zwar dürfen die fünf im zweiten Teil Desdemona im Bild "Kommunikationsversuche" unterschiedliche Soli vortanzen. Doch sonst bleiben sie, abgesehen vom ungeheuer kraftvollen dos Santos Clemente als Liebender und dem elegant empfindsamen Tyler Galster, bei aller tänzerischen Klasse eher blass. Und da, wo sie zusammenwachsen müssten zum Othello-Total, sind sie entweder nicht synchron, oder ihre Auftritte navigieren als Othello-Mauer, Othello-Polonaise, La-Othello-Ola gefährlich nah an der Grenze zur unfreiwilligen Komik. Da erweist sich die Aufspaltung nicht als tiefenpsychologischer Mehrwert, sondern als Folklore.

Dennoch ist dem emotionalen Sog des rund zweistündigen Abends kaum zu entkommen. Weil Laura Costa Chaud als Desdemona im Mittelpunkt all der mörderischen Irrungen und Wirrungen die getanzte Poesie selbst ist. Die Schwerkraft scheint auf ihren Körper, wie er da fortwährend durch die Luft gereicht wird, dabei gedreht, gewendet, gewiegt, keinen Einfluss zu haben. Eine wunderbare Tänzerin, die ihre wunde Seele ungefiltert in Bewegung fließen lässt. Mit umgekehrten Vorzeichen gelingt dies auch Oliver Preiß als Jago. In eidechsenhafter Geschmeidigkeit legt der seine Fallen aus, spinnt bis zur Pause das Netz, in dem alle wehrlos sich verfangen. Kein Scheusal, selbst ein Getriebener - und grandios getanzt.

Großen Anteil an der Wirkungsmacht des Abends haben Bühne und Kostüme sowie, mehr noch, das Licht Michael Rögers. Aus Stoffwänden und Lichtbalken, Schatten und Reflexen, sprechender Farbdramaturgie entstehen da Räume und Stimmungen von großer Suggestivkraft. Die entwickelt, im Prinzip, auch die zwischen Purcell und Pärt, Händel und Schostakowitsch an den Rändern des Repertoires von Schröder gekonnt zusammengeklaubte Musik. Allerdings spielt das Gewandhausorchester sie unter der Leitung Jeremy Carnalls handwerklich etwa so heterogen, wie sie stilistisch daherkommt. Mit immerhin deutlicher Steigerung zum zweiten Teil hin.

Immer wieder scheucht Schröder den soliden Countertenor Jakub Jósef Orlinski durchs Bild, der als Shakespeares Geist, derweil er zur Laute (Stefan Mass) schlichte Weisen vorträgt, vor lauter Inspiration die Dichter-Feder nicht stillhalten kann. Das mag als Reflex epischen Theaters gedacht sein, tritt aber der Magie dieser Shakespeare-Choreographie erbarmungslos die Beine weg.

Vorstellungen: morgen, 1., 6., 20.3., 1., 15., 16.5.; Tickets im LVZ Media Store in den Höfen am Brühl, in allen LVZ-Geschäftsstellen und über die gebührenfreie Tickethotline 0800 2181050, auf www.lvz-ticket.de, an der Opernkasse oder unter Tel. 0341 1261261.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 14.02.2015
Korfmacher, Peter

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