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Vivaldi aus der DDR

Musikstudierende Vivaldi aus der DDR

Neben der großen Opernproduktion im Frühjahr stehen in jedem Studienjahr neuerdings vier kleinere Studioproduktionen auf dem Programm der Hochschule für Musik und Theater Leipzig. Am Wochenende war es Antonio Vivaldis Barockoper „La verità in ciemanto“, eine Familientragödie mit Verwechslungen.

Bruderzwist zwischen Zelim (Amanda Martikainen, links) und Melindo (Maya Amir)

Quelle: Siegfried Duryn

Leipzig. Das ist kreativer Überdruck und nachlässige Ressourcenverschwendung! Zwei Aufführungen sind zu wenig für die mitreißende Studioproduktion der Hochschule für Musik und Theater Leipzig. Diese DDR-Apokalypse gehört in Gastspielen unbedingt nach Dresden und Berlin, auch wenn die Philippuskirche in Plagwitz sich glänzend als Musiktheater-Schauplatz bewährt.

Trotz CD-Einspielung und Produktion am Opernhaus Zürich ist Antonio Vivaldis 13. Oper für Venedig 1720 noch nicht im Repertoire angelangt. Das Libretto schrieb Giovanni Palazzi, zu entdecken gilt es ein Werk mit dramatischem Potenzial: Mamud, Sultan von Cambaja, hat zwei Söhne. Mutter des Einen ist seine rechtmäßige Gattin Rustena, die des Anderen seine Geliebte Damira. Marmud hat beide Söhne vertauscht, um die soziale Ungleichheit für Damira wenigstens in der Zukunft auszugleichen. Außer ihm weiß das nur Damira. So wächst Zelim auf im Glauben, er sei der Sohn Damiras, und Melindo hält sich als vermeintlicher Sohn Rustenas für den legitimen Thronerben. Jahre später soll Melindo Rosane von Joghe heiraten, die er liebt. Eskalationen folgt der gute Schluss: Zelim wird – dynastisch legitim – Thronfolger des größeren Teils von Mamuds Reich, indes Melindo im Ausgleich über die Länder Rosanes gebieten wird.

Regisseur Michael Höppner lässt sein Spiel mit der zombiehaften Widerkehr von Mamuds Familienclan aus dem Mausoleum beginnen. Wenige Dekorationselemente von Günter Lemke stützen und ergänzen die szenischen Aussagen, aus einem Guss ist die Personenführung: Irritationen, Wirren, Konflikte, ideologische Grenzgänge, Schizophrenien, letztendlich alle Unsagbarkeiten erhalten treff- und sinnsichere Symbole.

Rosane macht die Conférencieuse: Ellen Leslie stellt ihren amerikanischen Akzent aus, wenn sie eintaucht in die Zeit der Rufe nach „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ vor über 25 Jahren. Das Italienisch des Ensembles ist so top präpariert, dass man alle Wert- und Ideologiekonflikte klar und deutlich versteht: Nicht „O Dio!“ ist das zentrale Wort, auch nicht „amor“ – sondern „fiero“, also „grausam“. Der Lack ist ab, die Utopie am Ende – jeder ist hier Täter und Opfer.

Die Theatermittel fallen aus der Zeit von damals herab: Rosane als Engel mit den zwei Gesichtern der Geschichte – wie bei Ruth Berghaus. Die Spitzen des militarisierten DDR-Establishments – wie bei Heiner Müller. Zelim und Melindo als Valentinus der Ritter und Ursinus der Wilde, die ungleichen Brüder – wie war das mit Christoph Heins „Rittern der Tafelrunde“ …?

Das Ensemble wertet nicht, es stellt aus: Mamud beschenkt die Söhne mit dem (Ost-)„Sandmännchen“ und (West-)„Maus“ – der aus der Sendung. Rustena stopft eine (Spreewald-)Gurke in eine Bananenschale aus der von Rosane mitgebrachten Aldi-Tüte. Und sie leckt Schweiß, Blut und Tränen von der deutschen Flagge aus dem Mamud-Mausoleum. Diese Flagge aber hat längst ein rundes Riesenloch in der Mitte, wie ein Poncho: Eliminiert sind Hammer, Sichel, Ährenkranz. Und alle Spruchbanner der friedlichen Revolution werden eingemottet.

Der früher systemkonforme Liebhaber Mamud erpresst Damira mit ihrer Stasi-Akte. Sie lernt daraus und macht Lüge zu ihrer Maxime im Daseinskampf. Am Ende entschwindet der Traum von der glücklichen Wiedervereinigung wie eine Fata Morgana: Der verwilderte und verbitterte Melindo steht hier, der weiße Edelkavalier Zelim mit Degen dort. Die offenen Fragen lasten im Kirchenraum.

Absolut sicher sind die sechs Soli und neun Musiker des Kammerensembles der Hochschule in der Bilderflut und im musikalischen Ausdrucksspektrum. Nick Gerngroß verklammert am Pult die fünf Streicher und Cembalo mit den Hölzern, die mitten im Spielgeschehen stehen. Koloraturen und Verzierungen kommen mit bewundernswerter Sicherheit, wurden überaus präzise präpariert. Legati und getragene Tempi bleiben immer schlank, auch unter dem größten dramatischen Druck. Leichte Intonationstrübungen und minimale vokalen Limits liegen nur an Vivaldi und dessen exorbitanten Anforderungen. Dank und Chapeau an Maya Amir (Melindo), Ellen Leslie (Rosane), Amanda Martikainen (Zelim), Marie Henriette Reinhold (Rustena), Florian Sievers (Mamud) und Nadiya Zelyankova (Damira).

Von Roland H. Dippel

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